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Rieselnde Wirklichkeiten
«Agnes»: Peter Stamms beeindruckendes Erzähldébut
Der 35jährige Winterthurer Peter Stamm, bisher hervorgetreten als Autor luzider «Nebelspalter»-Satiren, legt mit «Agnes» seinen ersten Roman vor. Von Satire kann bei diesem Text nicht die Rede sein, und doch: deren Unerbittlichkeit ist auch hier zu spüren. «Agnes» ist, gleich sei's gesagt, ein kluges, in jeder Hinsicht überzeugendes Buch über ein grosses, anstössiges Thema den Skandal des Todes in einer restlos auf- und abgeklärten Welt. Brüskierend führt der Beginn in medias res: «Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.» Stamms Text verströmt von Anfang an eine unterkühlte Trauer, auch den Ton einer Beichte glaubt man zu vernehmen. Mit gutem Grund, denn es könnte auch heissen: «Meine Geschichte hat sie getötet.»
Doch der Reihe nach: Im Lesesaal der Public Library des winterlichen Chicago trifft ein Schweizer Sachbuchautor, der über US-LuxusEisenbahnwagen recherchiert, auf eine weit jüngere Physikerin. Schnell kommen sie einander näher, auch auf Grund seines Eifers, ihr elfenhaftes, in sich gekehrtes Wesen zu entschlüsseln. Zunächst wie zufällig, dann aber in immer strengerem Takt tritt das Generalthema Tod auf. So etwa, wenn eine junge Frau leblos auf dem Gehsteig liegt, wenn Agnes, gebannt vom tödlichen Unfall, einer Kindheitsfreundin berichtet oder wenn ihre Sorge fast aufsässig um die Zeugenschaft, die «Spuren» kreist, die einer nach seinem Ableben hinterlässt (oder eben nicht). Bei diesen Miniaturen ist kein Wort zuviel, sie folgen dem zurückgenommenen, sachlich-kargen Erzählton und bleiben als vibrierende Rätsel stehen. Stamm beherrscht seine Mittel und weiss sie entschieden und verbindlich einzusetzen.
Wo Leben ist, muss Tod sein
Agnes' obsessives Bescheidwissenwollen über die Ränder des Lebens läuft der Profession dieser wie durchsichtigen, mignonartigen Gestalt nicht wirklich zuwider. Agnes betreibt Grundlagenforschung über atomare Kristallgitter. Unerbittliches Aufdecken, bis es nichts mehr aufzudecken gibt das regt zu entsprechendem Denken auch über die Existenz an: «Ganz tief in fast allem ist Symmetrie.» Wo Leben ist, muss Tod sein, die Drift zur andern Dimension erscheint zwingend. Was aber ist Tod? Agnes nimmt das Leben so ernst, dass sie seiner Rückseite auf den Grund gehen muss. Das ist riskant, und ein böses Ende nicht auszuschliessen.
Agnes' gesellige Seite erschöpft sich in wenigen Freunden, mit denen sie musiziert. Der Familie hat sie sich wie im Affekt entledigt: «Ich bin kein sehr sozialer Mensch.» Auch die Liebe verkommt ihr zur Simulation, zum kaum erträglichen Spiel und Schein; sie ist ihr unheimlich. Der Erzähler, nie beim Namen genannt, vermag ihre Zweifel nicht zu zerstreuen. Als Agnes ein Kind von ihm erwartet und er sich nicht dafür erwärmen kann, zeichnet sich ein erster Riss ab. Hinzu kommt, dass Louise, eine neue Bekanntschaft des Erzählers, die in ihrer Hemdsärmligkeit Agnes erfrischend konterkariert, seinen Hang zur Symbiose aufweicht.
Das Scheitern der Schwangerschaft bringt Agnes vollends aus dem Lot. Ein vom Liebhaber wie im Spass begonnenes Beziehungstagebuch gewinnt mit der Verschüttung an Gewicht und Dynamik. Sie hatte ihn gedrängt, seine einst auf Eis gelegte Schriftstellerei wieder aufzunehmen und eine «Liebesgeschichte mit dir und mir» zu schreiben; aber, dies die Bedingung: «Es muss schon stimmen.» Er sträubt sich, über «lebende Personen» zu schreiben, weil er «keine Kontrolle darüber» habe, welchen Volten seiner Phantasie diese dann unterworfen seien eine Aussage, die wie eine Vorahnung anmutet. Denn in der Trauer um das ungeborene Kind zieht Agnes sich aus der Beziehung, aus ihrem Leben, zurück: «Du musst es aufschreiben, (. . .) du musst uns das Kind machen. Ich habe es nicht geschafft.» Die «lebendige» Geschichte soll der Ersatz sein für das Vitale, das ihr abhanden kam. Ausgestattet mit diesem Auftrag, wird der Berichterstatter zum Erfinder, der Rapport zum Roman: «Jetzt war Agnes mein Geschöpf.»
Raffinierter Abgleich
Ein raffiniert gemachter Abgleich zwischen Erdachtem und Geschehen setzt nun ein was nicht gelebt werden kann, soll wenigstens in der Schrift Gestalt annehmen: «Ich habe die Gegenwart überholt (. . .), ich weiss schon, was geschehen wird.» Die Schlüsselfragen der Beziehung lassen sich nur noch über den Umweg der Geschichte einbringen. Beide Betroffenen, auch der Spiritus rector, regredieren zu blossen Zaungästen des Geschehens: «Wir sassen nebeneinander auf dem Sofa, las ich und wartete einen Moment. Aber Agnes rührte sich nicht, und ich fuhr fort: (. . .) als ich sprechen wollte, hatte ich alles vergessen. Also sagte ich nur: Willst du zu mir ziehen? Ich hielt inne, wartete und schaute Agnes an. Sie sagte nichts. Und? fragte ich. Was sagt sie? fragt sie. Ich las weiter.»
Dort, wo die Phantasie das Zepter übernimmt, hat die Erzählung ihre faszinierendsten Passagen. Mit der unheimlichen Verwandlung des Realen ins Mediale spricht Peter Stamm mit leichter Hand, aber präzise an, was die Gegenwartsliteratur zu einem grossen Teil umtreibt, aber von ihr nur selten so elegant vermittelt wird: In unserer Welt der rieselnden und rutschenden Wirklichkeiten lässt sich immer müheloser auf Echtheitszertifikate für Erfahrungen verzichten. «Das Buch Agnes» delegiert die Lebensführung an den Text, macht Biographie zum Spiel. An der Schnittstelle zwischen Existenz und Fiktion zieht der Regisseur seine Fäden, in nebenbei gesagt recht selbstherrlicher, ja machohafter Attitüde. Man könnte daraus eine hurtige Kritik ableiten. Doch lohnt es sich, darüber hinaus zu denken. Der Roman als Auffangbecken, als Drehbuch eines anders nicht mehr lebbaren Lebens: Stamms Kunst besteht darin, diesen schwierigen Sachverhalt mit seiner Geschichte plastisch und begreifbar zu machen.
Zwar bemüht sich der Ich-Erzähler redlich um die rosige Wendung des Textes. In der Weichzeichner-Version der auf einen «guten Schluss» hin gedrechselten Geschichte gibt es eine Heirat, das Kind darf leben, ein zweites Kind gar. Doch der heimlich auf der Festplatte abgespeicherte «Schluss 2», das wie in Trance entstandene und «einzig mögliche», weil «wahre» Ende verschafft sich Gehör, gegen alle Widerstände. Für Agnes heisst das, dass auch ihr heimliches Begehren durch den Text gerechtfertigt erscheint: Der Ballast des Selbst-Leben-Müssens fällt von ihr ab, ihre «Spur» ist gesichert.
Der Erzähler verdichtet die empfangenen Signale und entwirft zum eigenen Erschrecken Agnes' bevorstehenden Tod. Nun obliegt es ihr, dem Sog nachzugeben. Sie reisst aus in den Nationalpark, der ihr einst so imponiert hatte, weil man die Natur das ehemals bewohnte Gelände zurückerobern liess. So wohl wie nie hatte Agnes sich dort gefühlt, «nackt und ganz nah an allem», Teil eines grossen Zusammenhangs. Mit ihrem Rückzug in den Schnee, jenem Traum, den auch Robert Walser oft geträumt hat, spielt sie die ihr zugedachte Rolle zu Ende. Aus Text wird Realität, und was bleibt und zeugt, ist wohl oder übel ein beschriebenes Blatt oder eher: ein Datenfile.
Und der Leser? Auch er ein Zeuge: nicht nur eines faszinierenden literarischen Ernstfalles, sondern zugleich eines fulminanten Schweizer Débuts.
Norbert Staub
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.