Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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22 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein italienischer Grisham? ... Nein, besser., 11. Mai 2009
Um im heutigen Einheitsbrei noch Bücher zu finden, die sich mit einem intelligenten und eigenständigen Plot von der Masse abheben, muss man meist lange suchen. In diesem Fall ist mir der Titel quasi direkt in den Schoß gefallen, was mehr als glückliche Fügung war, denn Gianrico Carofiglios Autorendebüt "Reise in die Nacht" ist zweifelsohne ein absoluter Volltreffer. Der Autor, seit vielen Jahren Staatsanwalt in seiner Heimatstadt Bari und Vorreiter im Kampf gegen die dortige Mafia, schafft es auf Anhieb, sich mit seiner ihm eigenen Stimme einen Platz im Genre zu erobern. Und lässt dabei sicherlich ein nicht unerhebliches Maß an eigenen Erfahrungen in die Geschichte mit einfließen. Die Story sei schnell angerissen:
Der Leser erlebt die Geschichte aus der Sicht des Ich-Erzählers Avvocato Guido Guerrieri, der gerade eine schwere persönliche Krise durchlebt. Seine Frau hat ihn verlassen und ohne es sich eingestehen zu wollen, schliddert er in eine tiefe Depression. Die psychischen Probleme drohen ihn handlungsunfähig zu machen. In dieser Zeit bekommt er ein neues Mandat, das auf den ersten Blick nur wenig Überraschungen verspricht. Guerrieri soll den Senegalesen Abdou Thiam vertreten, dem ein Kindesmord zur Last gelegt wird. Dabei spricht die klare Beweislage in allen Punkten gegen ihn. Obwohl es aussichtslos scheint, bringt der Avvocato auf Wunsch seines Mandanten den Fall vors Schwurgericht. Eine lebenslängliche Freiheitsstrafe droht nun bei Verurteilung, doch je länger der Prozess dauert, umso mehr gewinnt Guerrieri den Eindruck, dass sein Mandant tatsächlich unschuldig ist. Vor Gericht entwickelt sich der Fall schließlich zu einem Justizdrama, bei der der von eigenen Problemen gebeutelte Avvocato seine ganze Erfahrung mit in die Waagschale werfen muss...
Was wie ein typischer John Grisham klingt, hat auf den zweiten Blick so gar nichts mit ihm gemeinsam. Ein Unterschied? Carofiglio ist besser. Obwohl gerade kurze 288 Seiten lang, fesselt das Buch vom Deckblatt bis zur Rückseite, und das obwohl wir es hier nicht mit einem klassischen Krimiaufbau zu tun haben. Einen Mord gibt es nämlich nur am Beginn und polizeiliche oder detektivische Ermittlungsarbeit fehlt gänzlich. Stattdessen liegt das Hauptaugenmerk allein auf der Figur Guerrieri, die dem Leser unwillkürlich in der kurzen Zeit ans Herz wächst.
Mit klarer, schöner, oftmals sehr ironischer Sprache, unterhält uns Carofiglio, und kann dabei auf ein Actionfeuerwerk oder gestapelte Leichenberge komplett verzichten. All dies wird für den Spannungsaufbau nicht benötigt, der seine Kraft aus dem intelligenten Plot zieht: Ein Anwalt der ohne viel Getöse und falsche Political Correchtness gegen einen rassistischen Justizapparat kämpft und dabei einen Spagat zwischen Gerechtigkeitskampf und privatem Glück zu vollziehen versucht. Seit langem ist mir nicht mehr ein solcher Sympathieträger begegnet, der angenehm erfrischend aus der Reihe tanzt und sich im Allerlei der Serienhelden seinen eigenen Platz erobert. Das der aussichtslose Fall am Ende mit einem genialen, wiewohl beeindruckenden Plädoyer abschließt, setzt dem gelungenen Erstling die Krone auf.
Insgesamt ist "Reise in die Nacht" ein echter Hingucker mit neuer, engagierter Stimme, der Fans von Gerichtskrimis ohne Zweifel beeindrucken und gefallen wird. Unbedingte Kauf- und Leseempfehlung!
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28 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eine neue, frische und engagierte Stimme in der Krimiliteratur, 15. April 2007
"Vom Mafiajäger zum Starautor"- so stellt der Goldmann Verlag seinen neuen Star am Krimihimmel aus Italien vor. Und in der Tat: Gianrico Carofiglio, Jahrgang 1961, arbeitet seit vielen Jahren in seiner Heimatstadt Bari, in der auch seine beiden bisher auf Deutsch erschienenen Kriminalromane spielen, als Staatsanwalt gegen die Mafia. Viele dieser dubiosen Verbrecher und ihre Handlanger in den Verwaltungen des Staatsapparates und der Industrie hat er seitdem schon hinter Gitter gebracht, und sich damit sicher nicht nur Freunde gemacht.
Doch offenbar hat ihm das nicht ausgereicht, und so hat er vor einigen Jahren die Figur des Avvocato Guido Guerreri erfunden, der mit seinem berühmten Namensvetter aus Venedig allerdings nicht viel gemeinsam hat. Vor einem Jahr geschieden, durchlebt er eine schwere Krisenzeit, bevor er sich mit Margherita anfreundet, die im gleichen Haus wohnt. Im zweiten Band der Serie "In freiem Fall", der fast gleichzeitig mit "Reise in die Nacht" als Hardcover erschienen ist, haben die beiden schon eine feste Beziehung, allerdings weiterhin ihre je eigenen Wohnungen.
Avvocato Guerreri wird in den Büchern von seinem Schöpfer immer wieder mit außergewöhnlichen Fällen konfrontiert, die seine Kollegen längst abgelehnt haben, weil sie sie wohl nicht weiterbringen würden auf der juristischen und gesellschaftlichen Treppe nach oben. Doch Guerreri hat das Herz am richtigen politischen Fleck, zumal nachdem er hier im ersten Band sein eigenes bisheriges Leben reflektiert und es im Wesentlichen in Ordnung gebracht hat. Er fürchtet sich vor nichts, außer, dass er sich eines Tages gemein machen könnte mit denen, die er doch verurteilt und gesellschaftlich geächtet sehen will, genauso übrigens wie sein literarischer Schöpfer.
Diese außergewöhnlichen Aufträge, die er seinem doch sehr aus der Reihe fallenden Serienhelden gibt, ermöglichen Carofiglio, Fälle von aktueller Brisanz in der italienischen Gesellschaft aufzuzeigen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er seinen Stoff direkt aus der zum Teil bitteren Realität seiner Heimatstadt Bari holt und sie dann verfremdet dem Lesepublikum präsentiert Es geht ihm um Aufklärung, Gerechtigkeit und auch um die Anklage von Zuständen, wie sie einer demokratischen Gesellschaft nicht würdig sind. Dass er dabei nicht verbittert, seine Lebenslust und die Freude am Genießen nicht verliert, macht ihn sympathisch.
Im vorliegenden Buch geht es um einen senegalesischen Händler, der in den vorschnellen, von rassistischen Vorurteilen geprägten Verdacht geraten ist, einen kleinen Jungen umgebracht zu haben. Wie Guerreri diesen Fall schildert, seinen Anwalt in der Ich-Form erzählen und ihn nebenbei quasi noch sein ziemlich durcheinander geratenes Leben ordnen lässt, ist sensationell gut. Ein aussichtsloser Fall, der immer auch etwas mit ihm selbst zu tun hat, nimmt ihn mehr und mehr gefangen und dann kommt das Buch gegen Ende mit der seitenlangen, genialen Schilderung eines Prozesses und dem Plädoyer Guerreris zu seinem fulminanten Höhepunkt.
Eine neue, frische und engagierte Stimme in der Krimiliteratur.
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29 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ein sympathischer Avvocato!, 29. Juni 2007
Bari ist sicherlich nicht so schön wie Venedig, dafür hat ein neuer, italienischer Ermittler die Krimi-Bühne betreten, der es ganz sicher mit Commissario Brunetti aufnehmen kann: Avvocato Guido Guerrieri.
Gianrico Carofiglio hat sich eine Figur mit Ecken und Kanten ausgedacht, die mir vom ersten Augenblick gefallen hat.
Guerrieri steckt in einer schweren persönlichen Krise. Seine Frau hat ihn verlassen. Ohne es sich eingestehen zu wollen, schliddert er in eine tiefe Depression. Doch dann bekommt er ein Mandat, das auf den ersten Blick wenig Überraschungen verspricht. Er soll einen Senegalesen vertreten, dem ein Kindsmord zur Last gelegt wird.
Aus der anfänglich klaren Beweislage ergeben sich bald viele Zweifel.
Vor Gericht schließlich entwickelt sich der Fall zu einem Justizdrama und einer politischen Intrige, bei der Avvocato Guido Guerrieri seine ganze Erfahrung und Chuzpe mit in die Waagschale werfen muss...
Doch eigentlich macht diese solide Krimihandlung noch nicht den Reiz des Buches aus. Carofiglio bietet dem Leser wesentlich mehr. Eine klare, schöne, fast kühle Sprache, die ohne Getöse und falsche Political Correctness einen lokalpolitischen, rassistischen Sumpf trocken legt. Vor allem aber einen Ermittler, der sich mit seiner stillen, reflektierten Art und seinem Ringen um Gerechtigkeit einerseits und der Suche nach persönlichem Glück andererseits auf jeden Fall eine kleine Ecke im literarischen Langzeitgedächtnis der Krimileser erobern wird!
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