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von Samuel P. Huntington
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Harvard, im November 1996. SPIEGEL-Kollege Siegesmund von Ilsemann und ich sitzen im bescheidenen Büro des Professors in Boston, das so gar nicht zu dem pompösen Titel unseres Gesprächspartners passt (Eaton Professor of the Science of Government and Director of the John M. Olin Institute for Strategic Studies at Harvard University). Ist er bereit für Gegenargumente zu seiner These vom kommenden Kampf der Kulturen, der in einen Weltkrieg münden könnte, the Rest against the West? Nur zu, versuchen Sie, Löcher in mein Gedanken¬gebäude, in meine Landkarte für eine neue Ära der Politik zu bohren, sagt er mit blitzenden Augen. Er hat Freude am Zündeln, genießt die intellektuelle Auseinandersetzung. Und er gibt sich kämpferisch gegenüber jeder Kritik. Neunzig Minuten höchste Konzentration, während das Tonband läuft. Nur ab und zu, und nur für jeweils eine Sekunde, lässt Huntington den Blick hinaus aus seinem Fenster schweifen, auf die Bäume und Rasenflächen des schönen Harvard-Campus, wo sich auf Parkbänken einige seiner Studenten auf die nächste Vorlesung vorbereiten.
Und jetzt gehen wir in meine Kneipe hier gleich um die Ecke, sagt er, als wir uns gerade für das offizielle Interview bedankt haben. Denn ich glaube, zu diesem und jenem Punkt sollten wir noch etwas vertiefen.
Es gibt alle paar Jahre mal intellektuelle Diskurse, originelle Denkstücke von Politikern oder Professoren, die große Aufmerksamkeit erregen. Der amerikanische Publizist Francis Fukuyama etwa, lange Zeit bekennender (und erst neuerdings bekehrter) Neokonservativer, hat 1989 so ein Traktat geschrieben. Er nannte es Das Ende der Geschichte? und meinte damit, alle ideologischen Auseinandersetzungen seien durch den Zusammenbruch des real existierenden Kommunismus in Osteuropa beendet, der Westen und seine Vorstellungen von Demokratie hätten für alle Zeiten gesiegt, von ein paar kleineren Störfällen abgesehen, sei der permanente Frieden ausgebrochen. Bald war Fukuyamas Gedankengebäude durch weltpolitische Entwicklungen als hoffnungslos überoptimistisch widerlegt. Selbst in Europa sollte wieder ein Krieg toben, und auch weit über den Balkan hinaus ging die Geschichte durchaus weiter, terrorblutig und in bitteren Verteilungsschlachten um Rohstoffvorräte.
In der Sommer-Ausgabe 1993 der hoch angesehenen außenpolitischen Fachzeitschrift Foreign Affairs hat dann Huntington seinen nur zwölf Seiten langen, mit einem scheuen Fragezeichen versehenen Aufsatz veröffentlicht: The Clash of Civilizations? Schnell wurde klar, dass der Harvard-Wissenschaftler mit dem Kampf der Kulturen (der in seiner korrekten Übersetzung eher ein Zusammenprall sein sollte, was sich aber zugegeben nicht besonders griffig liest) ein langlebigeres und tiefer gehendes Erklärungsschema für die Zukunft der Weltpolitik lieferte als Fukuyama. Der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger pries es, der führende arabische Linksintellektuelle Edward Said rammte es in Grund und Boden; Politiker begannen bald die griffige Formel zu benutzen, um ihre Vorstellungen über Präventivkriege, Abgrenzung von anderen Religionen oder regionale Zusammenschlüsse zu begründen. Immer wieder wurde vor dem kommenden Kampf der Kulturen gewarnt: ein fast schon klischeehaft wiederholtes Mantra vor allem der Erzkonservativen aller Länder. Nach jedem islamistischen Terroranschlag, nach jedem Scheitern einer diplomatischen Vereinbarung, nach jedem unbequemen Regierungswechsel in der Dritten Welt: Ist es nun so weit, haben wir ein weiteres Zeichen erlebt für den Clash of Civilizations? Eine Chiffre, von der bald nicht mehr so klar war, wofür sie eigentlich stand. Und ob jeder, der sie benutzte, auch wirklich die Argumentation des Autors kannte.
Als Huntington dann 1996 sein Buch vorlegte der Kampf der Kulturen nun schon selbstbewusst ohne Fragezeichen, und statt einem Dutzend Seiten mehrere hundert lang , war endgültig klar, dass es sich nicht wie beim Kollegen Fukuyama um eine intellektuelle Einjahresfliege handelte. Das Werk stürmte die Bestsellerlisten weltweit und setzte sich dort fest, wurde in Politiker- wie in Literaten- und Kirchen-Zirkeln zu einer wegweisenden weltpolitischen Bibel. Vergleichbar ist dieser bis heute andauernde Hype um Huntington allenfalls noch mit einer anderen Epoche machenden Schrift, schon damals fast ein halbes Jahrhundert alt: George Kennan hat in seinem Essay 1947 über die Ursprünge des sowjetischen Verhaltens die Eindämmung des Kommunismus gefordert die Forderung eines Containment wurde zu einem der intellektuellen Schlüsseltexte der amerikanischen Politik für den Kalten Krieg. Und zu einer in die Alltagssprache übergehenden Floskel.
Huntingtons Erklärungsmodell für die Zeit nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, für die Zeit nach dem Kalten Krieg ist in mehrfacher Weise außergewöhnlich: Er geht über den Staat als Grundeinheit der Weltpolitik hinaus. Und er verbannt politische Ideologien wie große ökonomische Auseinandersetzungen als geschichtsträchtige Komponenten in den Hintergrund. Der Harvard-Professor verkündet den Paradigmenwechsel. Eine völlig neue Form der internationalen Auseinandersetzungen beherrscht seiner Meinung nach das internationale Geschehen: Unterschiedliche Kulturkreise, die einander feindlich gegenüber stehen, prägen die Konfliktszenarien. Die Bruchlinien zwischen diesen Civilizations sind für ihn die Schlachtfelder der Zukunft besonders blutig: die Grenzregionen des Islam. Dem Westen, dank seiner Wissenschaft und Technologie derzeit noch mächtigster Kulturkreis der Welt, droht laut Huntington der Abstieg, vor allem infolge Aufweichung seiner Werte durch die überall nachdrängenden Immigranten.
Aber ist Samuel Huntingtons Clash of Civilizations wirklich ein schlüssiges Erklärungsmuster? Oder überwiegen gar die Ausnahmen in seinem Modell, in seinem Paradigma zur globalen Politik, und führen es so ad absurdum?
Zurück in das Studierzimmer des Harvard-Lehrers für Internationale Beziehungen, zu unseren Diskussionen in der Bostoner Kneipe, November 1996, im Erscheinungsjahr des Buches. Versuche, das Modell nach allen Seiten auf seine Tauglichkeit abzuklopfen. Er bestellt sich einen Saft, wir entscheiden uns angesichts der vorgerückten Nachmittagsstunde für ein Bier. Die Kneipe mit dem holzgetäfelten Interieur hat sich geleert; nur ab und zu nickt ein Gast herüber, der den Raum verlässt. Bald sind wir allein mit dem Barkeeper und den hübschen Bedienungen.
Professor Huntington, Sie sprechen davon, die USA könnten der Sowjetunion in den Mülleimer der Geschichte folgen. Washington hat mehr Waffen und dadurch vermutlich auch mehr Einfluss denn je. Sie bezweifeln die Loyalität der Immigranten in Europa und den USA ist das nicht Panikmache?
Gerade Amerikas Einheit beruht auf einer gemeinsamen Kultur und einem gemeinsamen Vorrat politischer Prinzipien, die gegenwärtig von verschiedenen Seiten attackiert werden. Wir müssen die Flut der Immigranten eindämmen, weg von der Vorstellung einer multikulturellen Gesellschaft, weg von der Entwestlichung. In der Außenpolitik heißt das: Wir sollten Menschenrechte unterstützen, aber wir sollten nicht versuchen, andere Kulturen nach unserem westlichen Modell zu formen. Wir müssen akzeptieren, dass verschiedene Kulturen einen unterschiedlichen Wertekodex haben, dass individuelle Freiheiten nicht überall an der Spitze stehen.
Professor Huntington, die schlimmsten Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte gab es doch innerhalb der Kulturkreise: Stalins Säuberungen, Pol Pots kambodschanischer Genozid alles im Wesentlichen Kriege gegen das eigene Volk. Und kaum jemand ist doch nach dem Kalten Krieg so zerstritten wie die islamische Staatengemeinschaft. Zudem kommt uns die Aufteilung der Welt in sieben oder acht große Kulturen reichlich willkürlich vor man könnte Lateinamerika mit seiner spanisch geprägten Kultur, anders als Sie, beispielsweise auch zum Westen zählen.
Bei Lateinamerika war ich mir nicht sicher bei der Zuordnung, darüber lässt sich streiten aber darauf kommt es gar nicht an. Entscheidend für mich ist: Die Kraftfelder auf dem Globus verschieben sich, weg vom Westen, zu anderen Kulturkreisen. Besonders Religion schafft dabei ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, aber auch Abgrenzung gegenüber anderen. Deshalb gewinnen die Fundamentalisten des Islam, aber auch die Fundamentalisten des Christentums und des Hinduismus an Boden. Wenn aber die Welt künftig durch die Wechselbeziehungen zwischen sieben oder acht großen Kulturen geprägt wird, dann stellt sich die Frage nach einer neuen intellektuellen Landkarte für dieses Zeitalter. Es ergeben sich neue Fronten: Die Volksrepublik China ist dabei, wirtschaftlich und militärisch eine Weltmacht zu werden. Peking hat Iran und Pakistan Atomtechnologie verkauft. Die militärische Verbindung der wichtigsten Staaten des Konfuzianismus mit dem Islam stellt die größte Herausforderung für den Westen dar.
Professor Huntington, heizt nicht die ungleiche Verteilung von Reichtum auf der Welt die Konflikte mehr an, als es unterschiedliche Kulturen vermögen? Siegt nicht statt der Bedenken um kulturelle Kluft doch die Habgier von Nationen?
Natürlich existieren wirtschaftliche Interessen, aber sie sind nicht von primärer Bedeutung. Die Menschen kämpfen und sterben für ihren Glauben und identifizieren sich mit ihrem Kulturkreis das hält sie mehr zusammen denn je. Das Wesen der westlichen Kultur ist die Magna Charta, nicht der Big Mac. Darum geht es, und darum ist mein Gedankenmodell zwar nicht perfekt, aber es liefert die entscheidenden Anhaltspunkte, die Leitlinien. Es ersetzt den Kalten Krieg und ist der beste Kompass für die Zukunft.
Er wünschte uns damals nach dem hitzigen Disput eine gute Heimreise, stieß mit uns an. Eher förmlich als herzlich. Die Distanz, so hatten wir vorher schon aus dem Umfeld des Professors gehört, war schon jeher ein Wesensmerkmal: Es erklärt sich aus seiner Lebensgeschichte und aus seiner Berufslaufbahn. Der Sohn einer Verlegerfamilie, geboren 1927 in New York City, musste sich viel Kritik gefallen lassen, weil er ab 1972 dem brasilianischen Militärregime als Berater diente und den sehr graduellen Übergang zur Demokratie in dem lateinamerikanischen Land verteidigte. 1986 verhinderten Kollegen von der Yale University zwei Mal Huntingtons Aufnahme in die National Academy of Sciences; er habe Statistiken zurechtgebogen, um seinen Argumenten mehr Gewicht zu verleihen. Huntington wies das empört zurück, zu seinen Verteidigern gehörte auch der Nobelpreisträger Herbert Simon.
Als wir wie beim SPIEGEL üblich nach der Rückkehr das bearbeitete Gespräch zur Autorisierung schickten, genehmigte der Harvard-Professor es fast ohne Änderungen. So souverän, wie wir es nach seinem Auftreten erwartet hatten. Aber dass er zwei, drei Adjektive ersetzte, einen Relativsatz strich, zeigte, wie genau er gelesen hatte: Huntington ahnte wohl immer, dass er bei der Erklärung seines Gedankenmodells ganz präzise sein musste oder bei einigen Passagen absichtlich besonders vage , um sich vor Fehlinterpretationen zu schützen. Fast zehn Jahre sind jetzt seit diesem Gedankenaustausch an der Harvard University vergangen. Ob die Theorie den Test of Time überstanden hat, ob sie als weitgehend widerlegt gelten sollte das ist Ansichtssache. Und doch lassen sich einige in der Zwischenzeit gewonnene Erkenntnisse kaum widerlegen.
Huntingtons Theorie traf bei manchen weltpolitischen Entwicklungen nach dem Ende des Kalten Kriegs den Nerv, zumindest oberflächlich gesehen. In Bosnien etwa verlief die Verwerfungslinie der Auseinandersetzungen zwischen westlichem Christentum, Orthodoxie und Islam, wie er es prophezeit hatte. In Teilen Afrikas, etwa in Nigeria, scheint sich sein Konzept ebenfalls zu bestätigen der Kampf zwischen Muslimen und Christen überschattet andere Konflikte. Und auf den ersten Blick stimmt die Theorie von den kulturellen Bruchstellen auch im Kaukasus. Für Huntingtons Beobachtung, dem Westen stünde eine zunehmend aggressive Strömung des Islam entgegen, ausgelöst von einem demografischen Ungleichgewicht, lassen sich zumindest noch einige Belege finden. Die Volksrepublik China ist wie von dem Propheten aus Harvard vorausgesagt zur Weltmacht aufgestiegen, dabei zumindest teilweise beflügelt durch das kulturelle Konzept des Konfuzianismus.
Aber das wars dann auch schon. Huntingtons Theorie hält in vielen Bereichen nicht stand. Von dem zentralen kommenden Konflikt der Welt, einer Achse gegen den Westen, zu dem sich konfuzianische Staaten mit der islamischen Welt zusammen¬geschlossen haben, ist weit und breit nichts zu sehen. Und auch mit den meisten Bruchlinien kam es anders: Die Volksrepublik China hat Probleme mit separatistischen Islamisten innerhalb der eigenen Staatsgrenzen und arbeitet mit Anrainerstaaten wie Kasachstan und Kirgisien und wohl auch mit der CIA vehement gegen ein Vordringen der Anhänger Mohammeds. Zwar hat Peking noch gute Beziehungen zur Islamischen Republik Pakistan, aber Präsident Pervez Musharraf (Spitzname: Busharraf) ist längst abhängiger von den USA und den Milliarden, die er von dort für seine Kooperation beim Krieg gegen den Terror erhält. Für den Niedergang der USA so man davon angesichts der unveränderten militärischen Dominanz Washingtons sprechen kann sind keinesfalls illegale mexikanische Einwanderer verantwortlich, die nach Huntingtons Meinung die Grundlagen der amerikanischen Nation gefährden, sondern George W. Bush, Dick Cheney und Donald Rumsfeld mit ihrer Missachtung der Weltgemeinschaft und ihrer verfehlten interventionistischen Politik.
Wenn weltweit die aufgewühlten und aufgehetzten islamischen Massen gegen dänische Mohammed-Karikaturen protestieren, die im Westen als Ausdruck freier Meinungsäußerung verstanden werden hat das mit einem Zusammenprall von Kulturen zu tun? Vielleicht. Wenn US-Parlamentarier verhindern, dass ein in Dubai ansässiges Unternehmen die Geschäfte in sechs amerikanischen Häfen übernehmen darf, schwingt da Huntingtons Axiom mit tut uns Leid, falscher Kulturkreis? Könnte sein, obwohl es da auch schlicht ums Bigbusiness und um Terror-Hysterie geht. Aber wenn ein großes, staatlich kontrolliertes Unternehmen aus der VR China eines der größten unabhängigen Erdöl-Unternehmen der USA kaufen will und bei diesem in globalisierten Zeiten doch ganz normalen Geschäft an Bedenken der Regierung Bush scheitert ein Clash of Civilizations? Keinesfalls: Es ist eine politisch-wirtschaftliche Entscheidung, ein Stück ziemlich unkultureller staatlicher Protektionismus aus Sorge um den Zugriff auf die für jede Wirtschaft (über-)lebenswichtigen Rohstoffe. Um es in Bill Clintons Wahlkampfworten zu sagen: Its the economy, stupid!
Der Visionär Huntington hat vieles nicht vorausgesehen. Beispielsweise nicht, dass der Kampf um immer knapper werdende Ressourcen bei rapide steigendem Bedarf vor allem in China und Indien zu einem Weltkonflikt unter ganz anderen Vorzeichen führen könnte. Nichts treibt die großen Staaten heute mehr um als Energiesicherheit, als die großen Verteilungskämpfe um Erdöl und Erdgas. Unter Zurückstellung aller kultureller Überlegungen biedern sich amerikanische Kabinettsmitglieder im islamisch geprägten, autoritär regierten Aserbaidschan an, buhlen Pekings Abgesandte um Gutwetter in unberechenbaren schwarzafrikanischen Staaten wie Sudan und Angola, machen Japaner den Russen aus dem slawisch-orthodoxen Kulturkreis Avancen. Und die gemeinsame Kultur Lateinamerika prägt ein interner Richtungskampf: Das ölreiche linksorientierte Venezuela mit dem Narzissten-Leninisten Hugo Chávez an der Spitze gegen die rechtsgerichteten, US-freundlichen Regierungen von Kolumbien, Peru und andere Have-nots. Ähnliche Schattenkriege toben in Zentralasien, wo um neue Pipelines durch Iran und um Iran herum in großem Stil geschachert und geschmiert wird. Nicht Religionsunterschiede, nicht kulturelle Zivilisationsbrüche Erdöl ist der wahre Treibstoff künftiger Konflikte. Alles spricht dafür, dass nach dem Zeitalter des wilden Friedens nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion jetzt ein Neuer Kalter Krieg folgt.
Huntington ist in seinem Buch clever genug, seine Grundthese abzuschwächen. Es könne schon auch zwischen einzelnen Gruppen innerhalb eines Kulturkreises zu Konflikten kommen, räumt er ein. Aber die Kämpfe zwischen Gruppen aus unterschiedlichen Civilizations wären auf jeden Fall häufiger, anhaltender und gewalttätiger als die anderen. Auch das sei grundfalsch, argumentiert sein Harvard-Kollege Niall Ferguson. Von 30 größeren bewaffneten Konflikten (nach dem Ende des Kalten Krieges) können nur zehn oder elf insoweit als solche zwischen Kulturkreisen angesehen werden, als eine Partei mehrheitlich muslimisch, die andere mehrheitlich nicht-muslimisch war. 14 hingegen waren ethnische Konflikte innerhalb eines Kulturkreises, die schlimmsten davon in Zentralafrika und im Irak, wo Schiiten und Sunniten sich bis aufs Messer bekämpfen. Wer denn in den vergangenen Monaten die meisten Muslime umgebracht habe, fragt der Huntington-Gegenspieler rhetorisch. Und liefert die Antwort gleich mit: Natürlich wurden die meisten Muslime von anderen Muslimen getötet. Professor Ferguson befürchtet eher zentrifugale Tendenzen innerhalb der einzelnen Kulturen. Er sieht keinen Clash, sondern einen Crash of Civilizations kein Zusammenprallen der Kulturen im Weltmaßstab als vielmehr ein Zusammenfallen ihrer jeweiligen Werteordnungen.
Huntington hat während der 13 Jahre, in der seine faszinierende Theorie die intellektuelle Welt bewegte und die Politiker-Redemanuskripte füllte, entscheidende Schwächen seines Gedankengebäudes nie öffentlich eingeräumt. An zwei wichtigen Wendepunkten der neueren Geschichte hat er allerdings ausdrücklich abgeraten, seinen Schlüssel zur Erklärung der Weltlage anzuwenden. Die Terrorattacke auf New York und Washington am 11.9.2001 verband er nicht mit einem Kampf der Kulturen, sondern sah sie als einen Angriff gemeiner Barbaren auf die zivilisierte Gesellschaft der ganzen Welt. Und unmittelbar bevor die USA unter Umgehung der Vereinten Nationen gemeinsam mit einer Koalition der Willigen den Irak-Krieg begann, warnte Huntington: Das würde große Teile der Bevölkerung und der Regierungen in der muslimischen Welt aufbringen, die jetzt die internationale Koalition gegen den Terror unterstützen.
Doch woher die Angst des Zauberlehrlings vor der magischen Formel (Die Zeit)? Möglich, dass er erkannt hatte, wie sehr sein Kampf der Kulturen auch zur gefährlichen Falle werden kann. Dass all denjenigen Politikern, die ihr Handeln nach dieser Maxime ausrichten, drohen könnte, erst den Zustand herbeizuführen, dessen Schrecken sie beschwören. Möglich, dass Huntington inzwischen auch beobachtete, dass gerade von Auflösung gezeichnete, zerfallende Staaten wie Somalia und Sudan oder auch Afghanistan zu besonderen Brennpunkten werden.
Beim SPIEGEL-Gespräch in Harvard vor einem Jahrzehnt hat Huntington, als er sich in die Ecke gedrängt fühlte, seinen verstorbenen Kollegen Thomas Kuhn zitiert: Eine Theorie muss nur besser sein als alle anderen, sie muss nicht alles erklären können. Er beugte sich vor und fragte uns, mit leicht spöttischem Unterton: Haben Sie eine andere? Eine bessere Landkarte, um sich in der heutigen Welt zurechtzufinden? Anschließend lehnte sich Professor Samuel Phillips Huntington zurück, zufrieden mit sich und der Welt und in der richtigen Überzeugung, dass man den Kampf der Kulturen auch im neuen Jahrtausend lesen und über ihn streiten würde.
Weil jeder, der mitreden will, diesen Text kennen muss.
Nachwort von Erich Follath zu Kampf der Kulturen. SPIEGEL-Edition Band 11 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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