Aus der Amazon.de-Redaktion
Das entbehrt nicht einer gewissen Tragik: Rudolf Augstein, der den investigativen Journalismus hier zu Lande eingeführt hat, wird auf seine alten Tage nun selbst zum Objekt der Recherche. Da sucht und forscht ein Journalist und ehemaliger
Spiegel-Mitarbeiter in Augsteins Vergangenheit und bringt Überraschendes zu Tage. Ausgerechnet der
Spiegel, dieses "Sturmgeschütz der Demokratie" hat besonders in seiner Anfangszeit NS-Männer beschäftigt, und zwar in leitender Position.
Es handelt sich hier also nicht um eine Biografie herkömmlichen Zuschnitts. Einblicke ins Privatleben darf man schon gar nicht erwarten. Es gibt zwar ein Kapitel "Rudolf Augstein und die Frauen". Aber darin erfährt man nicht recht viel mehr, als dass der Spiegel-Herausgeber "ebenso viele Ehefrauen absolviert" hat wie Intimfeind Axel Springer (nämlich fünf) -- und darüber hinaus eine Neigung "zu hohen Frauen" besitzt, die ihn um Haupteslänge überragen. Im Mittelpunkt steht allein der politische Journalist und seine Vergangenheit: der Aufbau des Magazins, die Spiegel-Affäre, der Kampf gegen Strauß und Co., Augsteins kurzer Abstecher in die Politik und seine Reaktion auf die deutsche Wiedervereinigung.
Vieles, was Köhler aus der Frühzeit des Spiegel berichtet, ist nicht ganz neu. Aber in dieser pointierten und ausführlichen Form sind seine Erkenntnisse -- und auch sein Stil -- beeindruckend. Auch wenn bekannt ist, dass nach Kriegsende so manche Nazi-Karriere in Politik und Wirtschaft recht nahtlos fortgesetzt wurde, muss man doch staunen, dass auch die Spiegel-Redaktion da keine Ausnahme machte. Da durfte zum Beispiel ein ehemaliger Gestapo-Chef eine ausführliche Serie zu einem einschlägigen Thema verfassen. Und ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer war sogar bis zur seiner Pensionierung Stellvertretender Chefredakteur.
Da bekommt das Denkmal Augstein -- "Journalist des Jahrhunderts" -- tiefe Risse. Aber Köhler möchte es mit seinem Buch nicht gänzlich einreißen, sondern zu einem differenzierteren Bild dieses ungewöhnlichen und ungewöhnlich erfolgreichen Menschen beitragen. Und einen Anstoß geben, dass sich auch der Spiegel, diese Institution des kritischen Journalismus, endlich auch der eigenen Vergangenheit kritischer zuwendet.
Nachtrag: Rudolf Augstein verstarb am 7. November 2002, zwei Tage nach seinem 79. Geburtstag, an den Folgen einer Lungenentzündung. --Christian Stahl
Kurzbeschreibung
Einerseits trat Augstein in den Affären der jungen Bundesrepublik als "Sturmgeschütz der Demokratie" auf, andererseits bediente er sich beim Aufbau seines Nachrichtenmagazins bewährter NS-Propagandisten: Jeden anderen als den "Spiegel-Gründer hätten solche Widersprüche zerrissen. Zum ersten Mal wirft jetzt Otto Köhler, langjähriger Kolumnist des "Spiegel" und kritischer Weggefährte Augsteins, einen Blick auf das Innenleben dieses "Journalisten des Jahrhunderts". Hinter der Legende und hinter Augsteins vielen Gestalten - Medienmacher, Manager, Meinungsführer - wird hier der Mensch sichtbar.