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30 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Ganz unterhaltsam..., 11. April 2007
...aber nicht das herausragende Werk, das zwangsläufig einen Platz auf der Bestsellerliste verdient. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser Roman etwas "gepusht" wurde.
Zum Inhalt: Es handelt sich um zwei Handlungsfäden, die miteinander verwoben sind. Das Buch beginnt als Groteske: Alter Knacker heiratet - wider alle Vernunft - eine üppige Blondine aus der Ukraine, die es offensichtlich nur auf sein (bescheidenes) Vermögen abgesehen hat. Die Klischees, die hier verarbeitet werden - da die geldgierige, ordinäre Schlampe, dort der gebildete, aber starrsinnige und geile alte Mann - lassen einen am Anfang noch schmunzeln, verlieren aber leider relativ schnell an Schwung. Ab der Hälfte des Buches wartete ich auf überraschende Wendungen oder eine neue Qualität der Geschichte, wurde aber enttäuscht. Der andere Handlungsfaden ist weitaus ergiebiger, und er ist es, der das Buch am Ende lesenswert macht: In mehreren Rückblenden wird die Familiengeschichte geschildert, die großen Verwerfungen durch Nationalsozialismus und Stalinismus und ihre konkreten Wirkungen im Kleinen. In diesem Handlungsstrang wird der alte Vater, eingangs nicht mehr als eine Karikatur, zu einer Person, mit der man mitfühlen kann. Und die Entwicklung der Töchter wird nachvollziehbar und an mehreren Stellen auch anrührend vermittelt. Leider nehmen die Rückblenden zu wenig Raum ein. Wäre der Roman stärker als historischer Roman angelegt worden und hätte die Autorin auf die platte Komödie verzichtet (oder ihr weniger Raum gegeben), hätte er wirklich sehr gut werden können.
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69 von 98 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Vom Terror, Tattergreisen und Traktoren - die Welt in einer Nussschale, 1. Mai 2007
"Zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter verliebte sich mein Vater in eine berückend blonde Frau aus der Ukraine", lautet der erste Satz des Buches. Natürlich ist es immer gut, wenn ein Buch gleich im ersten Satz ausdrückt, worum es geht. Noch besser aber ist, wenn es dabei nicht bleibt, sondern wenn mit der Hauptsache gleich noch eine ganze Reihe anderer Motive mit verwoben werden. Und am allerbesten ist es, wenn man am Ende gar nicht mehr weiß, was die Haupt- und was die Nebensachen waren sondern nur noch den Roman in seiner Ganzheit sieht. Das ist das Konstruktionsprinzip des vorliegenden Buches "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" von Marina Lewycka, der es gelungen ist, gleich mit ihrem Erstling einen absoluten Besteller zu landen.
Worum geht es in dem Buch? Zunächst natürlich um die Geschichte des 84jährigen Ingenieurs Kolja Majewski, der sich in den üppigen Busen der 36jähirgen Valentina verguckt hat und fest entschlossen ist, diese Dame zu ehelichen. Dass Valentina noch verheiratet ist, ein Kind und diverse Männerbekanntschaften hat, dann den alten Herrn nicht irre machen. Wohl aber seine beiden erwachsenen Töchter, die ältere Vera und die jüngere Nadja (aus deren Perspektive das Buch erzählt wird), die sofort alles nur Menschenmögliche unternehmen, diese Messaliance zu verhindern. Doch umsonst. Der alte Herr heiratet in aller Stille seine"Botticelli Venus", die sich aber wie erwartet unmittelbar nach der Hochzeit als eine Schlampe allererster Ordnung entpuppt. Das Haus versinkt im Dreck, das Konto wird geplündert, gegessen wird nur noch aus der Dose, und wenn der alte Herr ein wenig meckert, gibt es sogar noch etwas hinter die Ohren. "Ursprünglich hatte die gedacht, diese Geschichte sei eine Farce", notiert Nadja auf S. 134 des Buches, "doch inzwischen begreife ich, dass sie sich mehr und mehr zu einer Tragödie entwickelt." Wie diese Tragödie ausgeht, soll hier nicht verraten werden, aber die beiden Töchter, die sich im Kampf gegen die ukrainische Absahnerin immer wieder verzanken und versöhnen, setzten Himmel und Hölle in Bewegung, dieser Dame und ihren diversen Liebhabern die Suppe zu versalzen. Das ist die erste, unterhaltsam und kurzweilig erzählte Geschichte, mit der es der Autorin gelingt, von der ersten bis zur letzten Seite auf einem überaus reizvollen und schmalen Grad zwischen Humoreske und Tragödie entlang zu balancieren.
Die familiären Turbulenzen der Majewskis aber geben auch den Anstoß zur Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte. Vater Kolja entstammt einer Familie ukrainischer Patrioten, die Mutter Ludmilla, die sechzig Jahre lang den Haushalt und die Familie zusammengehalten hatte, ist der Spross einer stolzen Kosakensippe, die der russischen Revolution zum Opfer fiel. Vor dem Panorama der schrecklichen Hungersnöte in der Ukraine, vor der Kulisse der stalinistischen Säuberungen und in einem Klima der allgemeinen Paranoia erleben Kolja und Ludmilla ihre ersten Ehejahre. Dann reißt sie der Zweite Weltkrieg die Familie auseinander, der Vater versteckt sich in einem ausgehöhlten Grab in Kiew, die Mutter und ihr kleine Tochter Vera werden in ein Arbeitslager verschleppt, wo sie nur mit Glück überleben. Am Ende verschlägt es die Eltern zusammen mit ihrem "Kriegskind" Vera nach England, wo sie Asyl erhalten und wo bald auch das "Friedenskind" Nadja geboren wird. Hier erarbeiten sie sich einen bescheidene bürgerliche Behaglichkeit, die nur durch das schwierige Verhältnis des Vaters zu seinen Töchtern gestört wird - etwa als sich die junge Nadja in ihrer adoleszenten Trotzphase zum Entsetzen ihrer Eltern dem Kommunismus zuwendet. Der Vater allerdings entpuppt sich, je weiter das Buch voranschreitet, immer mehr als eine exzentrische Persönlichkeit, bei dem Belesenheit und Geist, Phantasie und starrsinnige Verschrobenheit eine explosive Mischung eingehen. Noch die bekömmlichste Frucht dieser Wehensart ist die parallel zum ganzen Buch vom alten Herrn verfasste "Kurze Geschichte des Traktors", bei der er als passionierter Maschinenbauingenieur eine Art Technikgeschichte der europäischen Moderne unter besonderer Berücksichtigung der verschiedenen Traktortypen verfasst und seinem gutmütigen Schwiegersohn Mike beim Pflaumenwein vorliest. So galoppiert die turbulente Geschichte zwischen dem Rosenkrieg der ungleichen Eheleute, den Intrigen der Schwestern, den Reminiszenzen auf die ukrainische Geschichte des 20. Jahrhunderts, den Exzesse des kommunistischen Terrors und der Geschichte der Traktortechnik munter einem Finale entgegen, das zwar nicht sonderlich überrascht, von dem man sich aber trotzdem wünschen möchte, dass es möglichst bald eine Fortsetzung in einem neuen Werk finden möge.
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49 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Fürwahr überraschend, 17. Februar 2007
Die Ich-Erzählerin Nadeshda, Endvierzigerin, Tochter ukrainischer Immigranten aus der Nachkriegszeit, Dozentin am Polytechnikum in Cambridge, erhält einen Anruf von ihrem verwitweten 84jährigen Vater: Der will sich wieder verheiraten. Seine Auserwählte hat's in sich: Die Ukrainerin Valentina ist der fleischgewordene Alptraum der halbseidenen "neuen Russin", die reine üppig-ordinäre dralle Weiblichkeit und im Zweifelsfall aufs Materielle bedacht. Nadeshdas Vater Kolja ist sich vollkommen klar darüber, dass das eine Scheinehe sein wird, aber das macht ihm nichts. Und er lässt sich auch gern ausnehmen; ausschlaggebend ist Valentinas beachtliche Oberweite, die sie nur zu provokativ zur Schau stellt.
Nadeshda nimmt Kontakt zu ihrer älteren Schwester Vera auf, mit der sie sich seit dem Tod der Mutter endgültig zerstritten hat, um gemeinsam den Vater vor Valentina zu retten. Es geht nicht nur um das Gedenken an die geliebten Mutter, sondern auch um handfeste Erbangelegenheiten. Die Schwestern sind zwar wie Hund und Katz, und vor allem die ältere hat Haare auf den Zähnen, aber sie raufen sich zusammen. Vom Heiraten abhalten können sie den Vater jedoch nicht, und es erweist sich als ziemlich schwierig, Valentina samt ihrem 13jährigen Sohn wieder loszuwerden.
Nun breitet sich auf über 300 Seiten ein Krieg an allen Fronten aus; im Laufe der Zeit kommen die Schwestern einander näher, Nadeshda erfährt von Vera Familiengeheimnisse, von denen sie bislang keine Ahnung hatte, und die dünne Tünche der Zivilisation bröckelt großflächig von Nadeshdas liberalem Bildungsbürgertum. Und tatsächlich hat das Buch sogar ein Ende, das man so nicht erwartet hätte.
Das klingt vielversprechend, aber gehalten werden die Versprechen nicht. Dabei ist der Anfang so reizvoll... Da könnte ein Zickenkrieg ausbrechen, ein Kampf mit harten Bandagen, mit gediegener Bosheit... Die Figuren, allen voran die schräge Valentina, hätten das Potential dazu. Aber stattdessen bleibt man zivilisiert, wie es sich gehört. Weder schriller Klamauk noch ironische Brechung. Das wäre eigentlich nicht schlimm: Ein Roman über die Tauchfahrt in die Familiengeschichte kann reizvoll sein -- aber nicht, wenn die Beteiligten allzu brachialkomisch ihrem Klischee entsprechen, ohne dass das die Handlung beeinflussen würde.
Eine Kombination aus schrägen Figuren und ernsthafter Aufarbeitung sollte nur schreiben, wer das auch kann. Marina Lewycka kann es nicht. Man ist am Ende nur noch froh, dass der Roman zu Ende ist, und nimmt dafür gern einen hanebüchen unlogischen Schluss hin.
Dennoch kommt man beim Lesen aus dem Staunen nicht heraus: Es kommt Licht ins Dunkel der Familiengeschichte. Klingt gut. Dumm nur, dass diese Familien-Abgründe, so tragisch sie sein mögen, andererseits so deutlich auf der Hand liegen, sich dermaßen zwingend aus der Verquickung von ukrainischer Geschichte und familiären Eckdaten ergeben, dass man sich wundert: Eine Akademikerin wie Nadeshda sollte doch wohl aus eigenem Antrieb diesen dunklen Flecken auf die Spur kommen und nicht mit Ende vierzig aus allen Wolken fallen, wenn sie sie erfährt.
Sodann: Am Rande thematisiert wird die jüngere Geschichte der Ukraine; einige Leser hat das offensichtlich beeindruckt. Nun lese ich zwar, wenn ich genaueres über die ukrainische Geschichte wissen will, lieber ein einschlägiges Fachbuch, aber wenn es Lewycka gelungen wäre, "kleine" und "große" Geschichte zu verbinden, würde ich den Ansatz loben. Aber auch hier kommt sie über Gemeinplätze leider nicht hinaus -- man denke zum Vergleich an J.S. Foers Erstling "Everything Is Illuminated" ("Alles ist erleuchtet"), dem eine derartige Verbindung weitaus überzeugender gelungen ist -- von zahlreichen brillanten Beispielen in Sachen "Verbindung zwischen Einzelschicksal und Geschichte" ganz zu schweigen.
In all diesen gescheiterten Anspruch eingebettet ist Vater Koljas schriftstellerisches opus magnum, eine "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch", aus der immer wieder Passagen zitiert werden (Den Quellenangaben am Ende des Buches entnehme ich, dass ich da einen Wikipedia-Cocktail lese. Das erklärt so manche Fragwürdigkeit...). Da ich gelernt habe, dass sich Autoren bei derlei Vorgehensweisen etwas denken, versuchte ich, diese Passagen mit der Romanhandlung in einen Zusammenhang zu bringen. Es scheint um die Botschaft zu gehen, dass der menschliche Fortschritt nicht zum Selbstzweck werden dürfe, sondern das Wohl der Menschheit anstreben solle -- irgend sowas. Vielleicht aber auch nicht; mir wurde die Bedeutung dieser Passagen bis zum Ende nicht recht klar. Immerhin weiß ich nun ein wenig mehr über die Entwicklung des Traktors... Doch auch hier gilt: Wenn ich darüber mehr wissen will, lese ich keine Romane. Romane lese ich zuvörderst der Unterhaltung wegen.
Aber Lewycka ließ sich, was schwergewichtige Sujets angeht, wahrlich nicht lumpen. Selbstverständlich wird auch noch die Situation von Immigranten in England thematisiert; bei dieser Romanhandlung unumgänglich -- und auf weiten Strecken misslungen.
Und es geht auch um Würde und Selbstbestimmtheit im Alter; um das zu thematisieren, muss der Vater herhalten. Wie zu erwarten, scheitert Lewycka auch hier. Was Brecht mit seiner "Unwürdigen Greisin" auf wenigen Seiten brillant ausdrückte, regt Lewycka nur zu weiterer Papier- und Zeitverschwendung an.
Soviele Themen... und alle werden sie im Plauderton verwurstet. Die Übersetzerin trifft keine allzu große Schuld; insgesamt wirkt die Übersetzung nämlich ordentlich -- abgesehen vom leidigen "nichtsdestotrotz" und ähnlichen stilistischen Querschlägern. Allzu animierend ist der Originaltext nämlich auch nicht, trotz der recht amüsanten "Russenenglisch"-Einschübe, die im Deutschen weitgehend verwässert sind.
Die "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" gilt als Überraschungserfolg. Dem stimme ich zu: Dass diese langatmige Banalität den Booker-Preis abräumte, erstaunt mich fürbass. Wie schlecht muss da die Konkurrenz gewesen sein...
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