Schwachstrom-Ekstasen «Ecstasy», drei Erzählungen von Irvine Welsh
Was sich in der Wunschvorstellung vom Liebestrank kondensierte, das bietet der heutigen Raver-Jugend ihre Ecstasy-Pille. «Ist echt verrückt, wie man auf E so intim mit jemandem sein kann, den man gar nicht richtig kennt. (. . .) Im Reich der Drogengegner kann's dauern, bis man so intim wird. Da kann so was in Arbeit ausarten.» Was natürlich das letzte ist, worauf junge Leute von heute Bock haben. Doch neue Probleme bleiben nicht aus: «Wenn man E genommen hat, sieht jede Braut absolut scharf aus.» Wie dann noch die Geister unterscheiden und erkennen, wann Amors Pfeil wirklich ins Schwarze getroffen hat? «Da gibt's nur eins den Acidtest: geh mit ihr am nächsten Tag auf Trip. Guck dir an, wie sie dann aussieht!»
Derart praktische Lebenshilfe geben die Erzählungen des Schotten Irvine Welsh zuhauf. Laut einer Umfrage unter britischen Buchkäufern gehört sein Junkie-Roman «Trainspotting» zu den zehn wichtigsten Büchern dieses Jahrhunderts. Wesentlich zu dieser überraschenden Kanonisierung beigetragen hat wohl die erfolgreiche Verfilmung, die die Schwächen der Vorlage dank einem mitreissenden Soundtrack und engagierten Schauspielern zu überspielen vermochte. Die nun unter dem Titel «Ecstasy» in deutscher Übersetzung vorliegenden drei Erzählungen geben die Gelegenheit, die literarische Substanz eines Kultautors unter die Lupe zu nehmen.
Die Szene der ersten, nahtlos an «Trainspotting» anknüpfenden Erzählung, «Die Unbesiegten», ist das Drogenmilieu Edinburgs, wo der harte Stoff durch die Fühl-dich-gut-und-find-alles-schön-Pillen (mehr oder weniger) verdrängt wurde. Protagonist ist der Kleindealer Lloyd, Anfang 30, der mit Hilfe der erwähnten Beziehungskatalysatoren dem wahren Liebesglück auf der Spur ist. Aber auch eine «Acid-House-Romanze» so der Untertitel verlangt nach dem richtigen Partner, hier die sexuell frustrierte Managergattin Heather, deren ebenso mühsame wie musterhafte Emanzipationsgeschichte parallel erzählt wird. Von ihrem Mann Hugh druntengehalten und von ihrem Chef angemacht, bricht sie nach erfolgreicher Initiation in die Raver-Gemeinde mit ihrem früheren Leben, wobei Welsh kein Klischee feministischer Bewusstseinsprosa ausspart («Innerlich sterben. Innerlich wachsen»). Durch Ecstasy lernt sie ihre kleinbürgerlichen Vorurteile überwinden sowie Lloyd kennen und lieben: Benachteiligte aller Klassen, vereinigt euch.
Schliesslich kann auch aus dem Nichtsnutz Lloyd noch Schwiegermamas Liebling werden, denn er beginnt, täglich seine Unterhose zu wechseln, und braucht jetzt auch keine Pillen mehr. All you need is love. Ecstasy wäre dann eine Art privates Durchgangsstadium zur sozialen Utopie: «Wenn sich Menschen einander so öffnen, begreift man, dass wir im Grunde alle gleich sind und niemanden haben ausser uns selbst. Die britische Politik der letzten zwanzig Jahre war eine verlogene Politik.» In Gestalt des opportunistischen Karrieristen Hugh bekommt dann auch Tony Blair sein Fett weg. Kurz gesagt: «Neue Helden» (so der «Trainspotting»-Werbeslogan) statt New Labour. So weit, so naiv.
Die zweite Geschichte beginnt mit einem Schockeffekt. Ein bayrisches Dorfapothekerehepaar erhält die abgetrennten Arme seines entführten Babys per Post zugestellt. Der Mann erschiesst sich, die Frau wird verrückt. Nach und nach entpuppt sich der Mord als Teil des Rachefeldzugs eines Behindertenpärchens, das unter den Nebenwirkungen des Medikaments Tenazadrin ein Leben lang zu leiden hat: seine Arme sind verkrüppelt. Um die Verantwortlichen des Chemieskandals zur Rechenschaft zu ziehen, verführt die Frau einen brutalen Berufs-Hooligan und macht ihn zum Werkzeug ihrer eiskalt geplanten Vergeltungsaktion. Aus diesem Plot hätte ein Schriftsteller vielleicht etwas machen können, dessen Ambitionen keine Vorliebe für grelle Effekte in die Quere kommt. Restlos unglaubwürdige Charaktere tun ein übriges dazu, dass die Geschichte auf eine Weise irritiert, die nicht im Sinne des Autors lag.
Eine einzige Peinlichkeit ist die dritte Geschichte. Eine erfolgreiche Kitschromanautorin mit einer Vorliebe für Trüffelpralinés erleidet einen Schlaganfall. Nach ihrer Genesung muss sie entdecken, dass ihr Mann seit Jahren ein kostspieliges Doppelleben führt und sie als Geldesel ausnutzt. Mit Hilfe einer feministisch aufgeklärten Krankenschwester gelingt ihr ein Neuanfang. Nicht nur müssen wir eine weitere Emanzipationsgeschichte wie aus dem Handbuch einer Frauenberatungsstelle über uns ergehen lassen, auch wird der unglaublich platte Gegensatz von illusionärer romantischer Liebesvorstellung und den perversen Sexspielen des Mannes auf das unerträglichste ausgereizt.
Es trägt nichts ab, dass Welsh seine Texte selber «Romanzen» nennt und sie so als Variation eines Trivialschemas zu retten versucht. Da man nämlich nie das Gefühlt hat, einer bewussten Inszenierung von Klischees zu folgen, schützt das metafiktionale Seil nicht vor dem Absturz. Welsh fehlt es an Beobachtungsgabe ebenso wie an sprachlichen Registern jenseits des Slangs, so dass der Rückgriff auf Klischees unvermeidlich ist. Was bleibt, sind Unterhaltungsromane für die Techno-Generation, die nicht nur erfreuen, sondern fatalerweise auch nützen wollen.
Richard Kämmerlings
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.