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15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Madames, 9. Januar 2006
"Bist du aber sicher, dass der, dem Deine Seele nachtrauert, Dir zu begegnen hervortritt? Dass er Deine Gefühle erwidert? Dass er auf sie wenigstens antwortet? Was, wenn es anders kommt? Wenn es sich zeigt, dass er jedoch nicht Schubert ist, der deinem jungfräulichem Gesang die Musik schreibt? Was dann? ..." Mit Sätzen wie diesen arbeitet der polnische Verfasser Antoni Libera seine Philosophie der Liebe in seinem Roman Madame heraus. Der Protagonist, ein Ich Erzähler, der aus der Perspektive eines längst schon erwachsenen Mannes, die Geschichte seiner Jugend im Nachkriegswarschau nacherzählt. Er reflektiert das letzte Jahr seiner Gymnasialzeit und beleuchtet die Ereignisse vor, um und kurz nach dem Abitur. In den Mittelpunkt des Romans tritt eine Erfahrung des Verliebtseins, die der Erzähler als Junge bezüglich seiner selbst noch jungen gerade erst anfangs der 30er stehenden Direktorin und Französischlehrerin erlebt. Antoni Libera schmiedet zwar eine Liebesgeschichte, gießt sie aber als inhaltlichen Umbau über eine Kritik des kommunistischen Systems. Er schreibt aus der Sicht von heute über die 60er bis 80er Jahre, die eine grauenvolle Zeit für Polen, den Handlungsort der Geschichte gewesen sind.Es werden die Unmenschlichkeiten, Schwächen und Umstände des korrupten und alles zersetzenden kommunistischen Regimes, mit seiner Treue zur Sowjetunion, bis hin zur vollkommenen Untergebenheit, die Repression und Deportationen ins stalinistische Sibirien auszeichnen, an Hand einer Liebesgeschichte erzählt. Antwort auf die Frage wie schwer es bei all den staatlichen Verboten und Regulierungen in dieser für Polen unglücklichen Zeit war, Toleranz zu üben, mit anderen Kulturen, Gedankengängen, schon überhaupt mit politischen Einstellungen und Meinungen gibt Antoni Libera die Geschehnisse um seinen Protagonisten bauend, die typisch für die Jugend eines intelligenten Gymnasiasten gewesen sind. Wen das moderne Polen interessiert und wer wissen möchte, wie es um den verblendenden Kommunismus stand, gleichzeitig aber ein Freund der Literatur, speziell der Liebesliteratur ist, der wird an diesem Meisterwerk von Antoni Libera, das mit dem Nike Preis der Polnischen Literatur ausgezeichnet wurde, seinen Genuss finden. Eine Leseempfehlung, die ich als polnischer Zwangsemigrant und Sohn politisch verfolgter Eltern jedem geben möchte, der die Seele seines östlichen Nachbarn an Hand seiner jüngsten Geschichte und deren Schmähungen verstehen möchte. Ein Buch für jeden, egal ob junger (werdender) Lehrer, Schüler, Student oder erfahrener und betagter Mensch.
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Außergewöhnlich mittreissend, 7. Januar 2004
Von dem mir unbekannten Namen „Antoni Libera" und dem Titel „Madame" erwartete ich Unterhaltung, und nicht mehr; eigentlich kann ich Unterhaltungsliteratur nicht leiden und habe nur zu lesen begonnen, weil mir das Buch geschenkt worden war. Diese negative Erwartung wurde aber ganz und gar nicht bestätigt und im Sturm widerlegt: Denn das hier vorliegende Buch ist eine große Hommage an das Leben und die zarte, wartende, betrachtende, hoffende, verträumte Liebe. Vordergründig geht es um die Verliebtheit eines intelligenten, belesenen polnischen Schülers in seine Französischlehrerin - jene merkwürdig geheimnisvolle westliche Schönheit, die Verschlossene, Undurchdringliche. Der junge Mann ist zugleich der Erzähler der Geschichte - und hier beginnt bereits die Faszination, die von dem Buch ausgeht: Denn der Erzähler ist nicht nur gewitzt und belesen, er ist ungeheuer frech, geistreich - elitär, angeberisch spöttelnd - liebevoll nachdenklich, poetisch. Man kann den Blick nicht von seinen Worten wenden. Manchmal muss man sogar laut lachen, dann wieder schwer schlucken, und dann wieder die Faust ballen, aus mitfühlendem Zorn oder in Siegesfreude. Langsam folgen wir seinen Erkundungsgängen, auf denen er „Madame", wie er seine Lehrerin nennt, verfolgt, um sie in allen Facetten ihres Lebens kennenzulernen. Und bangen mit ihm, wenn er seinen - drekt an sie gerichteten - Aufsatz einreicht, wenn er um ihr Haus streicht, sie im Theater von Ferne betrachtet: und all das doch nur, um ihn sich selbst und uns ein Bild von einer Frau zeichnen zu lassen, die sehr zart und traurig und zugleich voll Hoffnung ist - einer Existenzialistin im Polen der 70er Jahre. Und so wird bald aus einer scheinbaren Liebesgeschichte vielmehr eine liebevolle Betrachtung: ein vorsichtiges, respektvolles und bewunderndes Vortasten in eine fremde faszinierende Denkwelt. Jeder Satz Liberas ist geschmeidig oder stichelnd, brillierend oder leise fragend - und sowohl der Junge, als auch seine von Ferne umworbene „Madame" wachsen dem Leser aus den Worten des Textes direkt in Geist und Herz. Ein Bild zweier Menschen und ihrer Träume, ein Bild des vergangenen Polens und eine unerhört phantasievoll leise Liebesgeschichte - ein Buch, das mich so mitgerissen hat, dass ich, was mir so noch nie passiert ist, eine ganze Nacht gelesen habe, ohne abzusetzen und ohne im geringsten zu ermüden - ein Autor, den man mit ganzem Herzen lesen darf - ein wundervolles Buch, und bestimmt keine Unterhaltungsliteratur - hier ist Herz, Sinn und Verstand gefordert - und ganz zuletzt wird man verwundert aufsehen und staunen, dass der Autor 1949 in Warschau geboren und das Buch 1998 veröffentlicht wurde - aber mehr möchte ich nicht verraten. Außerordentlich lesenswert.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Kunstvoll, aber nie gekünstelt - ein literarischer Genuss, 4. Oktober 2000
Von Ein Kunde
Was ist es, das den Leser 500 Seiten lang in einem Roman ohne nennenswerte Handlung in Atem hält? Antoni Libera schickt den Leser auf eine Reise des Geistes und geistreicher Entdeckungen. Seine faszinierende Botschaft, die er genüßlich langsam enthüllt, lautet: das größte erlebbare Abenteuer sind Geist und Seele eines Menschen. Auch wenn der Roman im stickigen, von Misstrauen und Engstirnigkeit geprägten kommunistischen Polen angesiedelt ist, gleicht das Grundmuster doch eher einem mittelalterlichen höfischen Epos: Der junge Held, ein Gymnasiast, zieht - im übertragenen Sinne - aus, um die Aufmerksamkeit und Minne einer edlen Herrin, seiner Französischlehrerin, zu erringen. Die geringsten Gunstbeweise, etwa ein blutgetränktes Taschentuch, werden zu Liebestrophäen von unschätzbarem Wert. Madame, die Königin in einem königlichen Spiel, alle anderen Personen an Glanz und Herrschaftsanspruch übertreffend, macht es ihrem Ritter nicht leicht. Er muss sich von Station zu Station bewähren, Missachtung und Erniedrigung erdulden, bis er sich der Herrin als würdig erweist und vom grauen Knappen zum Prinzen aufsteigt. Mit detektivischem Spürsinn versucht der Gymnasiast das Geheimnis der Persönlichkeit und der Vergangenheit seiner Lehrerin zu lüften. Er plant die erhoffte Eroberung der Königin wie ein genialer Schachspieler, der nichts dem Zufall überlässt, um am Ende zu erkennen, dass das Mysterium der Liebe in der gegenseitigen Achtung der Persönlichkeit und des Geistes des anderen besteht. Leitmotivisch, verstärkt durch viele literarische Belege, durchzieht den Roman der Glaube des Autors an die Macht und Magie des Wortes, die er selbst in erstaunlichem Maße beherrscht. Die Vereinigung der Liebenden findet nicht bin der Realität, sondern folgerichtig im Geiste statt, indem sie sich als ebenbürtig erkennen und anerkennen, ja, aus der geistigen Verbindung heraus wird - symbolisch - sogar ein gemeinsames "Kind" "geboren", indem dem von der Königin geformten und an ihr gereiften Protagonisten, bevor er zur Legende erstarrt, wiederum ein Gleichgesinnter nachfolgt. Libera ist ein sehr dichter Roman gelungen. Alle Bezüge in der kunstvollen, aber nie gekünstelten Romankomposition aufzuzeigen, böte genügend Stoff für ein literarisches Seminar. Es ist ein zutiefst anrührender, aber nie sentimentaler Roman. Er lebt von einer inneren Spannung, die auf äußere Effekte nicht angewiesen ist. Im Elend kommunistischer Knechtung des Geistes entfaltet sich Individualität in der Gestalt zweier wahrhaft adeliger Menschen (die doch alles andere als Traumtänzer sind) in der reinsten Form.
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