Kalter Kosmopolit
Lars Gustafsson: «Geheimnisse zwischen Liebenden»
Der Titel täuscht. Von der Liebe gibt Lars Gustafssons jüngster Roman vor zu erzählen und kündet doch nur von ihrem Verschwinden in einer Zeit durchrationalisierter Beziehungen. Allein, solches ist Teil einer ausgreifenden Kulturkritik, die am Ertrag der als Fortschritt verbuchten individuellen Freisetzungsprozesse überhaupt zweifelt. Danach steht am Ende der Aufklärung das weltsüchtige, aber leere Ich, und die Kumulation des Wissens geht einher mit kultureller Amnesie. Das Leben als Lifestyle birgt keine Transzendenz, die grosse Telekommunikation ist nichts als die grosse Gleichgültigkeit. Gefühle lassen sich nicht globalisieren. Ohne festen Ortsbezug kann es keine Gegenwart, ohne Todesbewusstsein kein Glück geben. Und doch erscheint die Entwirklichung unumkehrbar: Mögen sich Fundamentalismen aller Art zur Wehr setzen als Überforderungsreaktionen sind sie Symptome dessen, was sie aufhalten wollen.
Klug und elegant
«Geheimnisse zwischen Liebenden» ersetzt eine mittlere Bibliothek zeitdiagnostischer Werke was keineswegs heisst, dass der Text theorieschwer daherkäme. Im Gegenteil, selten hat man so gewichtige Themen so leicht, klug und entspannt erzählt gefunden wie hier. Der gedanklichen Ökonomie entspricht die Eleganz der Mischung von Handlung, Erinnerung und Reflexion. In zahlreichen kurzen Sequenzen zeichnet Gustafsson das Bild eines Angehörigen der Informationselite und man geht kaum fehl, darin zugleich ein Selbstporträt des Autors als alternder Mann zu sehen. Nicht nur der Hang zur Parataxe und zum referierten inneren Monolog lässt die auktoriale Erzählposition als Ich-Maske erscheinen. Auch der Erzähler blickt zu keiner Zeit über den Horizont seines Helden hinaus.
Dick Olsson, 59, Schwede, lebt seit den siebziger Jahren als freischaffender Werber in Austin, Texas. Ein Star der Branche ist er, ein Mann mit Kontakten, Geld und Geschmack, der es längst nicht mehr nötig hätte zu arbeiten. Zum Aufhören aber fehlt ihm der innere Halt, die Reiserei in Sachen Imageberatung zwingt sein loses Ich zusammen. So jagt eine PR-Herausforderung die andere, und Olsson kann es sich leisten, auch dubiose Aufträge anzunehmen wie jenen, Separatisten der abtrünnigen Sowjetrepublik Transnistrien wenn nicht weltweit, so doch in Washington Gehör zu verschaffen.
Ein Kommunikationsexperte ist Olsson und zugleich ein tief einsamer Mensch. Sein Leben ist eine Agenda. Von seiner Frau geschieden, hat er den Kontakt zum Sohn aufgekündigt, die hochbetagte Mutter in Stockholm ist weit. Ab und zu, da und dort hält er sich eine Geliebte. Seinem Nomadentum ist nur das Internet gewachsen. Das Notebook ist Olssons «Nabelschnur» zur Welt, die täglichen E-mails und Faxe sind sein Seelenfutter. Einloggen führt «in eine Art Heimat» und mündet in eine Sphäre, die «den Eindruck brodelnder Gemeinschaft machte, Bugwellen der Information von fernen Schiffen, Aktivitäten und Initiativen und Dringlichkeiten».
Opfer des Intellekts
Die Träume der menschlichen Wunschmaschine in Gang zu halten gelingt nicht ohne Zynismus. Als einer der ersten hat Olsson gemerkt, dass es in der Werbung nicht auf Inhalte, sondern auf Reizwerte ankommt. Für die «kurzen, effektiven Zeilen, die aufleuchteten, die für einen Augenblick das Seltenste und Wertvollste überhaupt einfingen: die volle Aufmerksamkeit anderer Menschen», ist er bereit, das Opfer des Intellekts zu bringen. Grosse Ideen wälzt er, aber nur als Material zur Synthese von Erregungszuständen. So ist ihm die Welt ein Sammelsurium «unnützen Wissens», und aus nichts anderem sieht er das eigene Ich zusammensetzt: «Leidenschaften, Gefühle, Sehnsucht, ja, sogar der Hass kommen und gehen. Die Fragmente bleiben und leben ihr wimmelndes Leben, ungefähr wie die Ameisen im Ameisenhaufen.»
«Gab es auch notwendiges Wissen?» Die Antwort kommt doppelt als jene Zumutung des Faktischen, die Olsson für «sein nahezu perfekt organisiertes Leben» immer gefürchtet und zugleich herbeigesehnt hat. Da ist der Tod der Mutter, da die Liebe zur kolumbianischen Putzfrau Eleonora. Klein, hässlich, banal ist sie, «wirklich nicht sein Typ» mit ihrem aztekisch anmutenden «vogelartigen Profil», doch begabt mit einer kindlichen Eifrigkeit und Glücksfähigkeit, wie sie Olsson abhanden gekommen sind. Es ist das archaisch Fremde, Mythische, das Olsson auch sexuell begehrt, und tatsächlich öffnet ihm ihre Nähe die Sinne aber auch die Augen für das Fragwürdige und Bedrohte seiner Existenz in der Wohlstands- und Sicherheitsoase Austin. Die Zukunft, das ist das illegal eingewanderte, «autolose» Volk im Süden der Stadt: hier ist eine unverbrauchte Vitalität und ein «tieferes Wissen» zu Hause.
Die tote Mutter war Olsson in ihrer Ortsverbundenheit nicht minder fremd und in ihrer Menschenflucht doch ungeheuer ähnlich. Da ist keiner sonst, der sie beerdigen könnte. Immerhin lässt sich der Stockholmer Termin mit einem Berliner Treffen in Sachen Transnistrien verbinden. Das Geschäftsmässige allerdings erliegt dem Ansturm der Kindheit. Bild um Bild kommt Olsson hoch: die ärmlichen Landwinter der Kriegsjahre; der früh verstorbene Vater, der sich nach dem beruflichen Scheitern dem närrischen Projekt eines schwedischen Pseudonymlexikons widmet; die von einer Hautkrankheit gepeinigte Mutter, die sich mehr und mehr der Einsamkeit ergibt.
Fünfzig Seiten Trost
Olsson erkennt die Menetekel der Kontingenz, sein Leben aber ändert er nicht: «Er fühlte sich als etwas Objektiveres, Effektiveres. Ein Wesen, welches das Gewebe durchschaut hatte, das die Nornen webten, und es in einem gewissen Grad verändern konnte. Aber nicht als Mitspieler.» Aus seinem kalten Kosmopolitismus führt keinen Weg zurück in den Schoss einer Geschichte. So plötzlich Eleonora erschienen ist, so plötzlich ist sie in Olssons Abwesenheit von den Einwanderungsbehörden aufgegriffen und abgeschoben verschwunden. Auch die Sache mit den transnistrischen Rebellen verläuft im Sand.
Hier könnte der Roman enden, doch Gustafsson gönnt seinem Helden noch fünfzig Seiten Trost eine Affäre mit einer blonden Porschefahrerin und einen Trip durch Deutschlands neuen Osten. Man kann sich über diesen Schluss nicht genug ärgern: er ist eine einzige Selbstverstümmelung. Schlimm, dass sich darin die Klischees türmen. Weit schlimmer, dass von hier aus ein Schatten über alles Vorgängige fällt. Als gelte es, das Ganze zu parodieren, gesteht Gustafsson der Barbiepuppe dasselbe Pathos zu wie den Figuren der Putzfrau und der Mutter. Plötzlich erscheint, was an Eleonora Geheimnis war, als Schablonenhaftigkeit. Psychologie, subtil in Handlung aufgehoben, schlägt um in Psycho-Talk. Olssons böser ethnologischer Doppelblick auf Schweden und die USA schliesslich, dem sich glänzende Passagen verdanken, weicht einer Affirmation, wie man sie aus Hochglanzprospekten kennt.
Ein Unglück kommt selten allein auch die Übersetzung (oder liegt es am Original?) stimmt nicht immer froh, wenn etwa Oktober als «Jahreszeit» bezeichnet, amerikanisch anthropologist einfach so eingedeutscht und indirekte Rede häufig im Irrealis wiedergegeben wird («es schien ihm, als hätte er keine Seele mehr»). So liegt denn am Ende ein Text vor, der dem Sog des Nichts, den er beschreibt, selber nicht standgehalten hat. Wie der Werber Olsson die Konsumenten packt der Schriftsteller Gustafsson die Leser dort, wo sie «eine Unruhe verbargen, einen Fleck, der weh tat und dessen Schmerz nicht zu stillen war» um ihnen zuletzt ein Surrogat unterzuschieben. Wer Dichtung als Ernstfall begreift, sieht sich geprellt. Im Labyrinth der vorletzten Fragen, gleich um die Ecke, ist auch für den kleinen Hunger nach Sinn gesorgt. Der Autor ein fliegender Händler?
Andreas Breitenstein
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.