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Kapo: Roman
 
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Kapo: Roman (Taschenbuch)

von Aleksandar Tima (Autor), B. Antkowiak (Übersetzer)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 342 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. November 1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423127066
  • ISBN-13: 978-3423127066
  • Größe und/oder Gewicht: 19,1 x 12,1 x 2,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Am Anfang war das Verbrechen. Die tägliche Vergewaltigung wehrlos gewordener Frauen. Der kleine Faschismus im Großen. Jahre später beginnt der Roman.

Vilko Lamian ist ein Niemand. Einer, der zwar teilnimmt, den man aber auch nicht vermissen würde. Als Katasterbeamter in Banja Luka führt er ein kleines, graues Leben. Man kannte ihn als "schweigsamen und zurückgezogenen" Menschen, als "einsamen Passanten und Wanderer". Aber Schein und Sein klaffen auseinander - oder zumindest Schein und Seinsvergangenheit. In Wirklichkeit ist Lamian "eine Bestie, ein Monstrum, ein Folterknecht, ein Hitler-Kapo, ein Erzfeind". Das weiß und denkt er selber. Ich ist ein Anderer, wenn auch ein Vergangener, und der gehört zu ihm. Lamian -- ein lupus inter homines.

Vilko Lamian ist Jude. Und wollte keiner sein. In seinen Jugendjahren an der Universität in Novi Sad verleugnete er sich und tendierte sogar zu kroatischen Extremnationalisten, bis er niemanden mehr hatte und sich selbst auch nicht genügte.

Die Feindschaft zu seiner Herkunft und daraus resultierende Distanz zu sich selbst ermöglichten es ihm, radikal vom Opfer zu einem Täter zu werden, der seine eigenen Ängste und Zweifel in Gewalt gegen andere umsetzt. Dem Konzentrationslager Jasenovac entronnen, nutzt er -- unter falscher Identität -- als Werkstatt-Kapo in Auschwitz den Hunger von dem Tod geweihten weiblichen Häftlingen aus, die er für einen Bissen Brotes auf seine Bettstatt zwingt: auf die ganz private menschenverachtende Schlachtbank. Es handelt sich aber keineswegs um ein Tarnkappendasein im Pfuhl der Menschenvernichter: das do as the romans do ist nicht lebenserhaltende Pflichtaufgabe, sondern vielmehr satanisches Spiel mit Bestechung, Zynismus und Erpressung, an deren Ende ein luxuriöser Selbstzweck steht.

Das Bewußtsein um die Schuld, die nach dem Krieg ungesühnt geblieben ist, macht ihn zu einem lebendigen Phantom, gefangen zwischen Verdrängung und Paranoia. Als einzige Rettung erscheint ihm eine fatale Situation: er erhofft sich die Begnung mit der Jüdin Helena Lifka, die er lange Zeit mißbrauchte, von der er aber auch hofft, daß sie durch ihn überlebt hat.

An dieser Stelle läßt Tišma den Roman beginnen: Man tritt dort in das Geschehen ein, wo es (beinahe) enden wird. Rahmenhandlung (fast). Vilko Lamian, dem Leser noch unbekannt, hat sein Opfer gefunden und schwankt vor der Konsequenz der Gegenüberstellung, die zwischen Mitleid und Rachegelüsten liegen könnte. Treffend die erzählerische Methode Tišmas: Lamian hadert stehend mit sich und beginnt nur langsam, sich zu bewegen. Aber nicht auf sein jüngstes Gericht zu, sondern immer tiefer in die Erinnerung hinein -- um irgendwann an einem Zeitpunkt von etwas wie Unschuld anzukommen und dann schmerzvoll wieder zur Realität der Gegenwart aufsteigen zu müssen.

In Zyklen des Abtauchens in die Vergangenheit bewegt er sich auf diese zu, stoisch-zwanghaft: Der Anlaß, jetzt hier zu sein, die Lagerzeit, die Jugend und der Rest Lebens. In Schüben auf das Zusammentreffen mit seinem gesichtsvollsten Opfer taumelnd, zu der ihm bekannt-unbekannten Helena Lifka und gleichsam der Begegnung mit sich selbst hin. Eine Strecke von Jahrzehnten.

Lamian begibt sich gedanklich in immer neue Martyrien der Vorstellung möglicher Aufeinandertreffen des ehemaligen Vergewaltigers und der jeglichen Willens entraubten Lagerinsassin. Der (masochistische) Weg ist ihm das Ziel, deshalb sind Unentschloßenheit und Nicht-Ankommen nicht nur feige Momente, sondern zugleich notwendige Vorbereitung auf das Ende einer lebenslangen Flucht und die Frage, ob er Paulus bleibt oder von der diesbezüglich reinen Seele des Opfers selig gesprochen wird. Vilko Lamian befindet sich mithin auf dem Weg von Miroslav Blam -- dem Protagonisten von Tismas Roman Das Buch Blam und den Holocaust als Opfer überlebt habend --, welcher sich auch letztlich konsequent auf einen "Akt tiefster Wahrheit" zubewegt: Diktaturexistenz(en) zu decouvrieren.

Sein postverbrecherisches Leben ist gemessen an Auschwitz. Jedes Bild geriert sich als Erinnerung an eine Lagersituation, jedes Gesicht als Opfergesicht oder Häscher- und Mördervisage. Durch einen makabren Zufall dem Tod als Häftling entronnen, existiert er nurmehr pathologisch -- einmal in die 'Notexistenz' des utilitaristischen Kapos gepresst, welcher als Zwischenmedium Formen von Macht weitergibt und für sich modifiziert, hat er das Lager eigentlich nie wieder verlassen. Und er hat es für sich allein. Die paar Jahre an einem Ort, der einen negativen Extrempol menschlichen Wesens darstellt, wiegen schwerer als das halbe Centennium danach. Deshalb wünscht er sich das Ende dieses Daseins: Anklage, Verurteilung und Hinrichtung. Es spielt keine Rolle mehr Denn den Tod kennt er nicht nur als das Schicksal anderer -- er selbst hat ihn albdruckhaft schon in grausamerer Färbung erlebt.

Aber Lamian bleibt das "Gespenst" (Sigrid Löffler), als das er vegetieren mußte; die Absolution kann ihm Helena Lifka nicht erteilen. Sie starb bereits, während Lamian weiter am Leben tragen muß.

Tišma, selbst Jude, beschreibt eine Gefühlswelt, in der Leere eine Grundkonstante des Seins bildet; in der das innere Vive! allein die Folge biologischen Lebenserhaltungswillens ist. Sein Roman verweist genau wie beispielsweise Michel Tournier in "Erlkönig" auf die noch in jeder scheinbaren Biederseele angelegte Monströsität, die nur auf einen Katalysator zu warten scheint. Die Botschaft, daß der Unhold, ob er nun Vilko Lamian oder Abel Tiffauges heißt, in jedem stecken kann, macht das Buch bedeutend. Die psychologische Dimension und große erzählerische Kunst, frei von jeglicher Didaktik, machen es unverzichtbar. --Ron Winkler -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.



Neue Zürcher Zeitung

Monster und Märtyrer

Aleksandar Tišmas «Kapo», ein erzählerischer Gewaltakt

Von Andreas Breitenstein

Seit einiger Zeit steht der Giftschrank der Auschwitz-Literatur offen, und was sich darin vorfindet, lässt das meiste bisher Verfasste blass erscheinen. Aleksandar Tišmas 1987 entstandener und erst jetzt übersetzt vorliegender «Kapo» wird in diesem Zusammenhang – neben Imre Kertész' «Roman eines Schicksallosen» und Roman Fristers «Die Mütze oder Der Preis des Überlebens» – fortan an erster Stelle zu nennen sein: ein Buch, das an Düsternis, Drastik und Dichte kaum zu überbieten ist.

Nicht zufällig bewegt sich der 1924 in Novi Sad geborene serbische Autor jüdischer Herkunft jenseits der deutschen Tradition, die sich nach 1945 einem Bilderverbot unterwarf, das zwar klug gedacht und gut gemeint war, das Entsetzliche aber in einer Weise sakralisierte, die einer Tabuisierung nahekam. Am Nullpunkt des Denkens gelegen, sollte sich Auschwitz jeder Repräsentation entziehen – ein mythisches Verhängnis, so als ob es nicht von Menschen ins Werk gesetzt worden wäre.

MENSCHLICHE VERWERFUNGEN

Wer in das Räderwerk der Vernichtung eindringen will, muss sich gedanklich in die Grauzone von Machtdelegation und Kollaboration, Protektion und Korruption vorwagen. Dabei eignet sich wohl keine Figur besser, die Dimensionen menschlicher Verwerfungen unter den Bedingungen der Lager aufzuzeigen, als der Kapo – jener Verfolgte, der um des eigenen Überlebens willen zum Verfolger wurde. Den normalen Gefangenen vorgesetzt, der SS untergeben, nahm diese privilegierte Minderheit von Mitläufern (zunächst gewöhnliche Kriminelle und politische Gefangene deutscher Herkunft, später aber auch Juden) eine zentrale Scharnierfunktion im Getriebe der totalitären Macht ein.

Für mehr Nahrung, für bessere Kleidung und etwas Privatheit erledigten die Kapos im Lager für die SS die Feinarbeit des Terrors; als Führer von Arbeitskommandos setzten sie Befehle durch – drohend, prügelnd, tötend, oft mit unerhörter Brutalität. Klebte einmal Blut an ihren Händen, gab es kein Halten mehr in der Verrohung. Der eigene minimale Schutz war nur durch Überanpassung zu sichern, was die Kapos nur noch mehr der Willkür des Lagerpersonals auslieferte. Auch sie agierten in ständiger Todesangst, und doch sollte sich der Pakt mit dem Bösen auszahlen, bildeten sie doch «unter den Überlebenden eine starke Mehrheit» (Primo Levi).

Als Gegenstück zum «Buch Blam» (1985, dt. 1995), dem Drama des verschonten Opfers, hat Aleksandar Tišma in «Kapo» das Psychogramm eines solchen Mitläufers gezeichnet. Ist Miroslav Blam gelähmt vom zweifelhaften Glück, einsam in Novi Sad überlebt zu haben, so ist Vilko Lamian alias Furfa besessen von der Angst, entdeckt und für seine Untaten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Unerkannt aus Auschwitz zurückgekehrt, hat er sich in Banja Luka als einzelgängerischer und schweigsamer Beamter hinter Aktenbergen verkrochen, bis ihn durch einen Zufall die Erinnerung an eine jener zahllosen Frauen einholt, an denen er sich als Kapo im Tausch gegen Essenshäppchen sexuell verging. Die Macht, die er als Zuträger von Gold für den SS-Scharführer Riegler gewann, nützte er aus für seine Gier – aber auch, um jener einen, Helena Lifka, zum Überleben zu verhelfen.

Zweifach ist der Erkenntnisschock, der Lamian zur Reue bewegt. Bestürzt zu erfahren, dass Helena Lifka Jüdin sei, hatte er, der Jude, im Lager von ihr abgelassen; nun muss er erkennen, dass die vermeintliche Fremde Jugoslawin war und irgendwo nahe lebt. Die jähe Wiederkehr des Verdrängten löst einen paranoiden Schub aus, der Lamian zuletzt aus seinem Bau hinaus in den offenen Belagerungszustand treiben wird. Früher oder später, so seine Gewissheit, wird offenbar werden, welches Monster er war, und die Vergeltung kann er sich nur als Vernichtung vorstellen.

HOFFNUNG UND HASS

Lamians Fluchtgedanken jagen sich und bleiben dennoch vage. Zwar berauscht er sich am Gedanken, seinen Häschern durch Selbstmord zu entgehen, einen konkreten Versuch jedoch bricht er im letzten Augenblick ab. Er will nicht ohne ein letztes Geständnis sterben, und die Einlösung dieses Bedürfnisses nach Aufrichtigkeit – so seine fixe Idee, seine Hoffnung, aber auch sein Hass – vermag ihm allein Helena Lifka zu gewähren. Denn nur sie hat erlebt, was er erlebt hat; und so wie er ist sie nach dem Krieg traumatisiert in einem «Lager für sich allein» geblieben:

«Man musste durch Schmutz und Kälte und Todesdrohung gegangen sein, um begreifen zu können; man musste jene Nächte und Tage des Hungers, des Lauschens, der Fiebervisionen erlebt haben; man musste die taumelnden Gestalten im Auge haben, die aus dem Dunkeln tauchten, sich zur Latrine schleppten, um blutigen Kot auszuscheiden, oder ins Revier, um die Phenolspritze ins Herz zu empfangen; man musste das Flüstern der Verzweiflung, die ungläubigen Gebete in den Ohren haben und unter der Haut die Schläge, in den Adern die versteinerte Angst.»

Die Furcht vor dem Irrsinn überwiegt schliesslich die Qual, dem Opfer noch einmal gegenüberzutreten, und tatsächlich findet sich eine konkrete Spur. Lamians Entschluss, sich vorzeitig pensionieren zu lassen und sich auf die Suche nach Helena Likfa zu machen, befreit ihn von den Zwängen einer falschen Identität – von einer Liebesbeziehung, deren Gehalt sich auf rituell vollzogenen Beischlaf beschränkt; vom Unglück, die Freundschaft und Zuneigung einer jüdischen Familie abgewiesen zu haben; von «Menschen denen er nichts mehr zu sagen hatte, weil er sie belogen und von ihnen nur Lügen gehört hatte»; von einem stickigen Untermieterzimmer, in das er sich verkriecht, um sich bis zum Zusammenbruch tage- und nächtelang der monomanischen Selbstanklage und Selbstrechtfertigung hinzugeben.

Die «wölfische Einsamkeit» seines geheimen Lebens aber, «die seinen Körper aufgeschwemmt und seinen Geist verkrüppelt» hat, wird Lamian nicht los; ja seine Verstörung beginnt sich zusehends in Anfällen von Schüttelfrost, stechendem Schmerz und durchdringendem Ekel zu objektivieren. Es ist jenes Gefühl, das den «eines schlesischen Winternachmittags» wegen eines entwendeten Pullovers von einem SS-Mann mit Wasser Übergossenen und zum Stillstehen Gezwungenen den Entschluss fassen liess, sich dem Tod zu entwinden und Kapo zu werden:

«Ich darf mich nicht erwärmen, selbst wenn ich sterbe, und sterben muss ich ohnehin, erfroren oder von den Hunden zerfleischt, das wollen alle (. . .) niemand ist da, der es nicht will, ich bin allein, völlig allein in diesem Wind, auf diesem Schnee, unter diesen Windstössen ohne Sonne und ohne einen südlichen Hauch.»

Lamian ist aus der Zeit herausgefallen und vom Tod affiziert. Er selbst betrachtet sich als lebenden Leichnam, als Teil jener von den Krematorien «angekohlten Reste, die durch den Luftzug emporgerissen und als Abfall in alle Winde verstreut wurden». Er sehnt sich nach der Normalität, die er verachtet, und kultiviert den bösen Blick auf die Menschen und ihre Wichtigkeiten. Zugleich ist ihm aus dem Lager die Wut auf die allzu vielen geblieben, die ihm das Überleben streitig machten. Wenn Lamian trotzig auf seinem Beitrag zur «Gesundung der Menschheit» beharrt, wird offenbar, wie sehr er selbst von der Ideologie durchdrungen ist, die ihn in ihren Dienst gezwungen hat.

Ein Sadist will Furfa nicht gewesen sein. Angst und Entsetzen erfüllen ihn, wenn er «Sklaven prügelte, zu denen er selbst gehörte, ohne dass sie das wussten». Und auch Mitleid treibt ihn an: «Nur er schlug sich selbst, wenn er (. . .) die anderen schlug und danach lechzte, möglichst schnell zu töten, das Leid zu beenden, die Duldenden in einen Zustand der Fühllosigkeit, des Nichtleidens zu überführen.» Die Natur wird ihr Schweigen über den Ermordeten ausbreiten und aus ihren Resten neue Kraft ziehen. Bestialität ist bei Tišma das Gesetz der Geschichte. «Die ganze Erde war ein Friedhof», die Schädelstätte des Kampfes aller gegen alle: «Absichtlich oder zufällig zertreten zu werden, reduzierte sich alles darauf?»

Selber dem System unterworfen, ist der Kapo Subjekt und Objekt der Entmenschlichung, die seine Opfer erfahren. Dabei ist es zunächst die Gewissheit, selber umzukommen, die Furfa zum Vergewaltiger werden lässt. Der Sex ist ihm eine Möglichkeit nicht nur des Selbstvergessens, sondern auch letzter Ekstase, des «einzig Wirklichen im Meer der Irrealität hinter dem Stacheldraht». Bald aber berauscht er sich an der Macht über die wenigen intakten Körper, die er – mit Einwilligung des goldgierigen Riegler – in der Menge aufspürt. Einmal kein Jude sein will er, sondern Teil der SS, einmal nicht zur «Rasse der Erniedrigten» gehören, sondern zur Gruppe der Souveränen.

NAH AM ENTSETZEN

Es macht Tišmas erzählerischen Ehrgeiz aus, so nah wie möglich ans Entsetzen herankommen zu wollen. «Kapo» schildert Auschwitz erschütternd detailgenau und mit schockierender Nüchternheit – wie aus einem geheimnisvollen tieferen Wissen. Kein Wimpernzucken nirgends, vielmehr dominiert ein gebanntes Hinschauen: Furfas geheime Kammer bietet dem Autor Gelegenheit, totalitäre Macht unter Laborbedingungen zu beschreiben. Nicht nur Menschen und Individuen werden hier zerstört, sondern die Menschlichkeit und die Individualität selbst vernichtet. Wie vom Individuum eine Nummer, bleibt vom Körper das nackte Fleisch, dargeboten, um mit kaltem Auge taxiert, gnadenlos kommentiert und mit dem inneren Triumph genommen zu werden, dass sich auch andere in die zynischen Spielregeln des Überlebens fügen.

Geschult durch die eigene Angst, liest Furfa subtil die Leiber derer, die ihm zugeführt werden. Helena Lifka fällt aus der Reihe der allzu Willigen. Ihr Trotz und ihre Tränen zeugen von einer Distanz und einem Befremden, die sie über die anderen Frauen erheben und als deren Grund Furfa – freilich erst nachträglich – «das Entsetzen ihres Judentums» zu erkennen glaubt, «wie es auch in ihm sass». Es ist dasselbe Bewusstsein der Andersartigkeit, das Lamian lebenslang begleitet hat. Als Kind hatte er die Ängstlichkeit seiner in Bjelovar gestrandeten Eltern wahrgenommen und ihr Bemühen erlebt, ihn durch die katholische Taufe von Ausgrenzung und Vertreibung auszunehmen.

Antisemitismus wird Lamian als jüdischer Selbsthass, als sicherer Instinkt für die eigene Deplaciertheit eingeimpft. Juden nimmt er wahr als in der Ordnung der Welt nicht vorgesehen. «Er begann, die Menschen aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit ihnen und ihrer Verschiedenheit von ihnen zu beurteilen und zu klassifizieren.» Er lernt, «sich selbst als einen von ihnen von aussen zu betrachten – sie ragten heraus, stachen ab, brachten einen auf den Gedanken, sie zu entfernen, zu beseitigen». Als Student in Zagreb hat Lamian die Angst längst verinnerlicht. Der Einzelgänger übt sich in Mimikry am faschistischen Zeitgeist (was ihm die unheimliche Sympathie des fanatischen kroatischen Nationalisten Gabelic einträgt). Er verleugnet eine jüdische Geliebte (nicht ohne sie weiterhin sexuell auszunützen), aber auch seine eigene Herkunft. Früh erkennt Lamian das Ausmass der Bedrohung; seine Verhärtung ist Vorschule des kommenden Überlebenskampfes, zugleich aber ist sie der Grund seiner Unfähigkeit zur Liebe und damit seines verfehlten Lebens überhaupt.

So sehr Lamian seine Entfremdung durchschaut – in ihr wurzelt seine Hingabe an den Terror. «Er wusste, ahnte, dass sich in der Tiefe dieses Abgrunds die verborgenste, auch wahrhaftigste Erklärung all des Bösen befand, das er jemals erduldet oder getan hatte.» Trotz aller Vorsicht und trotz dem Selbstopfer seiner Eltern entgeht Lamian der Entdeckung nicht. Die Deportation ins Lager Jasenovac erscheint als «Urteil ohne Widerruf», doch überlebt er als Totengräber die von Gabelic organisierten Massaker. Vor dessen persönlicher Rache entkommt er, indem er sich für tot ausgibt und sich anstelle des umgebrachten Kommunisten Furfa nach Auschwitz bringen lässt.

PANOPTIKUM DES GRAUENS

Freilich, Tišmas «Kapo» beschränkt sich nicht auf ein Innenpanorama, er will auch ein Panoptikum des Grauens in Auschwitz entfalten. Der beissende Gestank, das «dumpfe Stammeln» der Häftlinge, die «Umkleide»prozedur, die Zyklonduschen, die Leichenberge, die Öfen, die Tierexperimente am Menschen, die Todesmärsche: all dies erscheint als Totalität, wie sie ein Einzelner – und zumal ein Kapo – freilich niemals wahrgenommen haben kann. Zum KZ gehörte die Arbeitsteilung, die Vernichtung des Sozialen war Grundbedingung für die Effizienz industrieller Massentötung. Angesichts des Äussersten gerät Tišma ins Anekdotische, wie denn auch die Geschichte um Rieglers Gold teilweise melodramatische Züge trägt. Nicht die Aug-in-Aug-Situation in Furfas Kammer war das, was den «Sumpf der Folter und des Todes» ausmachte, sondern die Anonymität. Insofern unterbietet das Buch hier, was es an anderer Stelle postuliert: dass Auschwitz ein Teil der Pathologie der Moderne sei.

Dem verabsolutierten Glauben an die Ordnung und ihre Machbarkeit begegnet Lamian wieder in den Vororten des neuen Zagreb. Wo einst Einfamilienhäuser standen, erhebt sich nun eine Grossüberbauung. Und doch ist das Dasein bei allem Frieden und Komfort nur scheinbar besänftigt. Denn die grosse faschistische Umgestaltung lebt als schleichende Versachlichung fort – ein Prozess, der längst selbstläufig geworden ist. Im Namen der Freiheit und des Fortschritts verschwindet das Gewachsene. Das schlechte Allgemeine der «Wohnsilos» treibt das schlechte Individuelle der «Häuschen» hervor und umgekehrt. «Der fanatische Eifer, um der Erhaltung des Eigenen willen alles andere abzutöten», kann jederzeit erwachen, und so stehen denn die Rampen am Bahnhof von Zagreb nach wie vor bereit, «vergessen, aber immer noch für Menschentransporte nutzbar».

DIE FRAGE NACH DER SCHULD

Wo sich das Böse solchermassen in den Strukturen verflüchtigt, findet die Frage nach der Schuld in «Kapo» keinen Halt mehr. Gemessen am objektiven Unheil sind die subjektiven Motive banal: Riegler ist kein «Satan», sondern nur goldgierig, Gabelic wird nicht getrieben von Mordlust, sondern von der Vision einer grossen Zukunft. Als schuldlos schuldig Gewordener steht Lamian prototypisch für den modernen Menschen. Stets kann er von sich behaupten, dass jeder «an seiner Stelle genauso gehandelt» hätte: «Alle hatten sich an die Vorschriften gehalten, denn das war die Bedingung, um zum nächsten Augenblick zu gelangen, und jeder wollte zu diesem nächsten Augenblick gelangen, jeder Kapo, jeder Häftling, jeder Zugang, jeder Deutsche.»

Kann der Entscheid zu überleben böse sein? Macht man sich in jedem Fall schuldig, wenn man Mitleid verweigert? – Im Lager meinte Lamian Gutes zu tun, indem er keinem «das Bild des Untergangs» verschleierte, ja diesen beschleunigte, um das Leiden nicht zu verlängern. Später macht er sich Vorwürfe, niemanden um der Würde willen getröstet und insbesondere seinen Eltern das letzte Wort verweigert zu haben, das er für sich selber vergebens ersehnt. Lamian wird Helena Lifka nicht mehr lebend antreffen. Von ihrer Kusine, die er zunächst für sie gehalten halt, muss er erfahren, dass ihrer beider Leiden ähnlich und doch inkommensurabel war: «Sie hat Sie nie erwähnt, überhaupt ungern vom Lager gesprochen.»

Lamians obsessives Bemühen, sich selbst mit Furfa in Verbindung zu bringen, bleibt aporetisch. Aus seiner Zerrissenheit quillt in Erinnerungsschüben der ganze Unrat seiner Innenwelt hervor, und im Grunde handelt es sich bei «Kapo» denn auch um einen weit ausgreifenden inneren Monolog. Nicht zufällig fehlt die Gattungsbezeichnung «Roman», nicht zufällig drängt in Momenten der Erregung ein «Ich» den auktorialen Erzähler beiseite. Ohne in der Sache gebildet sein zu wollen, formuliert Lamian die wichtigsten Faschismustheorien (Psychoanalyse und Sexualität, Mythos und Macht, Dialektik der Aufklärung). Auch hier weiss er mehr, als man ihm abzunehmen bereit ist, und so haftet «Kapo» bei aller psychologischen und perspektivischen Stringenz auch etwas Synthetisches an.

PREKÄRE MITTE

Freilich hütet sich Tišma, in die Falle des Fabulierens zu tappen. Virtuos hält das Buch (in der gewandten Übersetzung von Barbara Antkowiak) eine prekäre Mitte zwischen Protokoll und Erfindung, zwischen Beschreibung und Entwirklichung. Der Erzähler verzichtet auf jeglichen Kommentar, nicht aber auf Spannungsaufbau. Je mehr sich das Geschehen auf die Begegnung mit Helena Lifka zuspitzt, desto mehr zerfällt die Einheit von Lamians Person. Lichte Momente wechseln ab mit psychotischen Schüben, die momentane Wahrnehmung wird bis zur Ununterscheidbarkeit überflutet von Erinnerungen an Auschwitz (wobei diese Engführung metaphorisch manchmal etwas überzogen wirkt).

Bei aller Selbstentblössung wahrt Lamian sein Geheimnis. Weder Hass noch Mitleid vermag seine Figur zu wecken, ebensowenig will man ihr ein tragisches Geschick zubilligen. Belehrung wird man in «Kapo» nicht finden, und man sollte sich hüten, die Tortur der Lektüre mit dem Abgrund in sich selbst zu verwechseln. Das Monster als Märtyrer – was ist damit anderes zu beweisen als die Kontingenz des Bösen. Mit einem erzählerischen Gewaltakt sondergleichen schlägt Aleksandar Tišma eine Schneise in festgefügte moralische Weltbilder. Die Existenz als solche ist das Unheil: «Töte und plündere», das steckt in jedem; «all diese Tünche war sehr dünn, sehr brüchig, darunter regten sich Därme und Drüsen». Das bosnische Drama, hier ist es vorformuliert.

Was bleibt, sind die Pausen, jene raren Augenblicke im Lager, da man sicher sein konnte, nicht erschlagen oder abgeholt zu werden. Es sind die zeitlosen Momente gesteigerter Wahrnehmung, wie sie Lamian empfindet, wenn er, losgelöst von der «Kette des Mordens», unsichtbar aus dem Halbdunkel der Hotellobby die Bühne des Lebens betrachtet. Wenn die Hoffnungen begraben und die Wünsche nur noch Erinnerungen sind, wenn man solche Bücher wieder beiseite legen kann, erscheint die Wirklichkeit plötzlich – schön. Vielleicht muss dies ja so sein. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Eine schrecklich mögliche Geschichte, 21. Dezember 2001
Von Ein Kunde
Diese Rezension stammt von: Kapo (Gebundene Ausgabe)
Was Tisma in diesem Roman erzählt, lässt von der ersten bis zur letzten Seite nicht mehr los. Ein Roman über Schuld, Schulderkenntnis und die unausweibare Auseinandersetzung damit. Wie lange schafft der Protagonist vor sich selber davonzulaufen? Und wann holt ihn seine eigene Geschichte ein.
Ein Muß für Leser, die sich interessieren wozu ein Mensch fähig ist.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Keine einfache Lektüre, 28. August 2008
Von Meknes (Klagenfurt, Österreich) - Alle meine Rezensionen ansehen
Vilko Lamian ist ein getaufter Jude. Während des zweiten Weltkriegs nimmt er in einem Arbeitslager die Identität des verstorbenen kroatischen Kommunisten Furfa an. Er wird nach Ausschwitz deportiert, wo zum Kapo ernannt wird. In dieser Funktion wird er gezwungen furchtbare Dinge zu tun, allerdings nützt er im Laufe der Zeit diese Stellung aus um sich weibliche Gefangene sexuell gefügig zu machen.
Nach dem Krieg nimmt er wieder seine ursprüngliche Identität an, lebt aber immer in Furcht entdeckt zu werden. Als er durch Zufall einen Hinweis auf eine von ihm gequälte Frau entdeckt, macht er sich auf die Suche nach ihr. Er glaubt nur sie könne ihm vergeben ....
Ein Buch, dessen Lektüre keine Freude bereitet, aber man lernt zu verstehen, wie das System Menschen "entmenschlicht" hat.
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1 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen Interessante Sichtweise, 1. April 2001
Der Roman beleuchtet die Opfer und Täter des Holocaust's gleichermaßen, er geht sogar noch weiter mit der Betrachtung eines Opfers, das selbst zum Täter wurde. Es wird die Geschichte eines Schuldbekenntnisses erzählt, wobei hier ein Psychogramm des Helden erstellt wird. Die Ereignisse in Auschwitz von einer etwas anderen Seite zu betrachten ist sehr interessant, da es eine Ausnahme in der Literatur um den Holocaust darstellt. Nur bleibt hier am Ende zuviel offen. Man könnte meinen, den Autor hat am Schluß der Mut verlassen.
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