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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Der Kummer von Flandern
OT Het verdriet van BelgiëOA 1983 DE 1986 Form Roman Epoche Moderne
Der groß angelegte, zeitgeschichtliche Familien- und Bildungsroman von Hugo Claus beschreibt die Entwicklung des Jungen Louis Seynaeve, der während des Zweiten Weltkriegs vom Kind zum jungen Mann heranreift. Zugleich spiegelt das Buch die Geschichte Belgiens während dieser Zeit, in der viele Flamen in den deutschen Besatzern willkommene Bundesgenossen im innerbelgischen Konflikt mit den Wallonen sahen.
Inhalt: Der kleine Louis, Sohn eines Druckereibesitzers in der flämischen Kleinstadt Walle, ist zu Beginn des Romans (1939) gerade elf Jahre alt und besucht ein von Nonnen geführtes Jungeninternat. Mit einigen Klassenkameraden gründet er den Geheimbund der »Fünf Apostel«. Bei ihren Abenteuern und Versuchen, hinter die Geheimnisse der Erwachsenenwelt zu kommen, zeichnet sich vor allem Louis durch eine blühende Fantasie aus.
Wenn Louis während der Ferien zuhause ist, lauscht er aufmerksam den Gesprächen der Erwachsenen, in denen immer häufiger vom drohenden Krieg die Rede ist. Als dieser schließlich auch auf Belgien überzugreifen droht, wird der Junge von seinen Eltern nach Hause geholt.
Der zweite Teil des Buchs beschreibt die Entwicklung der Verhältnisse in Flandern während des Kriegs und unmittelbar danach. Louis besucht nun ein bischöfliches Kolleg, gerät jedoch zunehmend in Konflikt mit dem autoritären Katholizismus und wird zeitweise vom Unterricht suspendiert. Politisch orientiert sich seine Weltsicht zunächst an der flämisch-nationalistischen Gesinnung des Vaters. Louis wird Mitglied der »Nationalsozialistischen Jugend Flanderns«, die er später aus eigenem Antrieb wieder verlässt. Die Distanzierung vom nationalistischen Gedankengut wird nicht zuletzt durch die Lektüre von Büchern, die von den Deutschen verboten sind, bewirkt. Überhaupt spielt die Literatur eine entscheidende Rolle im Entwicklungsprozess des Jungen, der schließlich den Wunsch verspürt, selbst Schriftsteller zu werden.
Nach Kriegsende beginnt Louis zunächst eine Druckerlehre. Gleichzeitig versucht er sich jedoch als Schriftsteller und gewinnt 1948 mit der Novelle »Der Kummer« den ersten Preis bei einem Literaturwettbewerb.
Aufbau: Der Roman, der einen deutlich autobiografischen Hintergrund hat, gliedert sich in zwei Teile. Der erste trägt den Titel Der Kummer und ist konventionell in Kapitel gegliedert. Er ist mit Namen und Datum unterzeichnet und entpuppt sich damit am Ende des Buchs als die Erzählung, mit der Louis sich nach dem Krieg die ersten Meriten als Autor verdient hat.
Der zweite Teil mit dem Titel Von Flandern ist ein Mosaik aus ca. 200 Texteinheiten, die zwischen einer Zeile und mehreren Seiten Umfang variieren und grafisch lediglich durch eine Leerzeile voneinander abgesetzt sind. Diese Fragmentierung der Erzählung korrespondiert mit der fragmentarischen Wahrnehmung der verwirrenden Realität der Kriegsjahre, die vom Erzähler nicht mehr als eine linear geordnete Geschichte begriffen werden kann.
Die Vielschichtigkeit des Romans ermöglicht unterschiedliche Interpretationsansätze. Auf einer realistischen Erzählebene ist Der Kummer von Flandern ein großer Bildungs- und Familienroman, der ein breites zeitgeschichtliches Panorama entfaltet. Jenseits davon eröffnen sich weitere, z. T. nur schwer zu entschlüsselnde Bedeutungsebenen, wobei vor allem der für Claus typische Rückgriff auf mythische Motive dem Text eine universelle Dimension verleiht.
Wirkung: Der Roman, der heute als eines der bedeutendsten Werke der niederländischsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt, gab bei seinem Erscheinen Anlass zu unterschiedlichen Reaktionen. Während besonders die katholische Presse in Flandern eher kritisch reagierte, sprachen die niederländischen Rezen-senten fast einhellig von einem Meisterwerk. 1994 entstand auf der Grundlage des Romans ein dreiteiliger Fernsehfilm unter der Regie von Claude Goretta (* 1929), der in vielen europäischen Ländern ausgestrahlt wurde. H. E.
Louis der Dreikäsehoch hat es gewußt: Die Deutschen kommen doch. Als sie Walle, sein Heimatstädtchen, überrennen, steht er am Straßenrand und ist bald ganz hineingezogen in die Ängste, Träume und Intrigen einer Kleinstadt während des Zweiten Weltkriegs ...
Skurril und vertraut zugleich ist uns dieser Mikrokosmos mitten im Herzen Europas; in seinen Gestalten und Dialogen spiegelt sich die Stimmung einer ganzen Epoche. Die Hunderte von komisch-tragischen Episoden umschließende Chronik kann als Hauptwerk belgischer Selbstdarstellung nach dem Krieg gelten: Schmerzvolle Vergegenwärtigung der Kollaborationszeit; Epos vom Untergang, von der Schmach und der Wiederauferstehung Flanderns.