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Mein Herz so weiß
 
 

Mein Herz so weiß (Taschenbuch)

von Javier Marías (Autor), Elke Wehr (Übersetzer)
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (74 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Wenige Tage, nachdem sie von der Hochzeitsreise zurückgekehrt war, erschießt sich die frischverheiratete Frau im Badezimmer ihrer Eltern mit der Pistole des Vaters.Die Frau wäre Juans Tante gewesen -- oder auch nicht, denn wäre sie am Leben geblieben, hätte Ranz ihre Schwester nicht geheiratet, wäre Juan nicht geboren worden.

Juan, der Ich-Erzähler, hat selbst gerade geheiratet. Ein leichtes Gefühl der Beklemmung lässt ihn nicht los, er empfindet -- bei aller Liebe zu seiner Frau -- doch den Zustand der Ehe als unnatürlich, die gemeinsame Wohnung als künstlich. Erst zu dieser Zeit erfährt er vom gewaltsamen Tod seiner Tante -- zuvor hatte er angenommen, sie wäre an einem Unfall gestorben. Auch ist plötzlich die Rede von einer dritten Frau, einem Aufenthalt seines Vaters in Kuba, der Juan nicht bekannt war. Auch wenn er die Geschichte nicht wirklich wissen will -- er weiß zuviel, um nicht auch den Rest wissen zu wollen...

Ein unglaubliches, hervorragendes Buch! Marias erzählt mit einer Detailverliebtheit, die nicht mehr zu übertreffen ist. Eine Szene, die sich in wenigen Sekunden abspielt, beansprucht durchaus einmal 10 oder mehr Seiten, da nicht nur die Handlung, sondern jedes Minenspiel, jede Assoziation, die dadurch ausgelöst wird, beschrieben wird. Lange Zeit ahnt man auch nicht, wie der Erzähler den Bogen der Geschichte spannen wird -- wie er von dem Selbstmord über die Beobachtung einer Begegnung in Havanna, von der Ehe Juans und Louisas, ihrer ersten Begegnung wieder zur Ursache des Selbstmords zurückkehrt.

Wenn man das Buch nicht nur einmal, sondern mehrmals liest, bemerkt man erst die unglaubliche Stimmigkeit. Jedes Detail, das beschrieben wird, stimmt auch 200 Seiten später noch, bezieht sich darauf. Marias erzählt neben der eigentlichen Geschichte unzählige andere, Kleinigkeiten, Gedankengänge -- und schafft es trotzdem, den Leser nicht den Faden verlieren zu lassen. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher! --Daniela Ecker



Der Spiegel

Blaubarts Schweigen
Ohne Hast erhebt sich eine junge, gerade von ihrer Hochzeitsreise zurückgekehrte Frau in ihrem Elternhaus vom Esstisch, geht ins Badezimmer, knöpft die Bluse auf, zieht den Büstenhalter aus und schießt sich vor dem Spiegel ins Herz. Mit der Schärfe des Alptraums wird jedes Detail ausgeleuchtet: Das lähmende Entsetzen des Vaters, der nach dem Schuss mit vollem Mund weder zu kauen noch zu schlucken wagt. Der auf das Bidet geworfene Büstenhalter. Der aufgedrehte Wasserhahn. Der mit Wasser und Blut bespritzte Spiegel. Die zerfetzte linke und die unversehrte, weiße Brust daneben. Die Tränen in den Augen der Toten.

Verstörender, aufregender, wirkungsvoller als mit dem Auftakt dieses Buches kann ein Roman kaum beginnen. Welcher Abgrund, welches dunkle Geheimnis verbirgt sich hinter der grausigen Tat? Diese Frage hält die Spannung über 350 Seiten aufrecht. Und das Rätsel der erzählerischen Urszene führt in ein literarisches Spiegelkabinett voller Echo-Effekte.

Denn dieser Javier Marías ist ein Virtuose seiner Kunst. Der Spanier, geboren 1951 als Sohn eines vom Franco-Regime verfolgten Philosophen, publizierte den ersten Roman im Alter von 20 Jahren. Nach der Ausübung einer Professur und etlichen Literaturpreisen konzentrierte er sich von 1990 an auf das Schreiben.

Ein leicht konsumierbarer Unterhaltungsschriftsteller möchte er nicht sein. Nicht nur in seiner Heimat gilt Javier Marías von jeher als anspruchsvoller Autor. Auch in Deutschland wurde er lange als schwer verkäuflich gehandelt. Mehrere Verlage lehnten eine deutsche Ausgabe von „Mein Herz so weiß“ ab, bevor der Verlag Klett-Cotta sie riskierte. Dann aber löste das einhellige Fernseh-Lob des „Literarischen Quartetts“ im Juni 1996 ein Publikationswunder aus: Die deutsche Gesamtauflage des Romans wird mittlerweile auf 1,5 Millionen beziffert. Dieser überwältigende Erfolg war dem Verfasser, bei aller Freude, geradezu unheimlich, und er äußerte die Befürchtung, er könne auf einem Missverständnis beruhen. Denn Marías setzt auf nachdenkliche Leser. Darum erzeugt der spektakuläre Auftakt nicht nur Spannung – er erweist sich als Keim des Romans: Alle im Lauf der Handlung entwickelten Motive und Reflexionen sind darin zugleich angelegt und verborgen.

Es geht um Ehe und Geheimnis, um Verdacht und Betrug, um Voyeurismus und Komplizenschaft, um die Macht der Sprache – und um die des Schweigens. Denn sonderbar: Niemand will genau wissen, was es mit dem Freitod der jungen Frau auf sich hat. Eltern und Familie der Toten ziehen es vor, die Tragödie und die Rolle des (nun schon zum zweiten Mal) Witwer gewordenen Schwiegersohns Ranz mit dem Mantel des Schweigens zu bedecken. Es gibt nur Ahnungen, im Umfeld der Familie fallen zynische Anspielungen wie die auf den legendären Frauenmörder Blaubart.

Den betuchten Madrider Bürgern, in deren Milieu der Roman spielt, ermöglicht die Tabuierung des Themas Jahrzehnte lang ein äußerlich komfortables Leben. Auch die zwielichtigen Methoden, mit denen Ranz zu Wohlstand gekommen ist, werden diskret beschwiegen; als Kunstexperte des berühmten Madrider Prado-Museums hat er seine Stellung und seine Verbindungen vor dem schemenhaft erkennbaren Hintergrund der Franco-Diktatur zu skrupellosen Geschäften genutzt.

Bald nach der Katastrophe heiratet der Witwer Ranz die jüngere Schwester der Toten und zeugt mit ihr den Sohn Juan. Dieser ist es, der vierzig Jahre nach dem tödlichen Schuss und im nunmehr demokratischen Spanien als Ich-Erzähler auftritt. Juan erfährt erst einige Zeit, nachdem er selbst mit 34 Jahren geheiratet hat, dass seine Tante keineswegs, wie man ihm immer erzählt hat, einer Krankheit zum Opfer gefallen ist und dass mit den insgesamt drei Ehen seines Vaters etwas faul sein muss. Doch als er diesen einmal zur Rede stellen will, lässt Ranz den längst erwachsenen Sohn abblitzen wie ein Kind: „Hör mal, ich habe keine Lust, von der fernen Vergangenheit zu reden, das ist geschmacklos und erinnert einen an die vielen Jahre, die man auf dem Buckel hat.“

Gleichzeitig spürt Juan, dass auch an seiner eigenen jungen Ehe mit Luisa schon der Wurm nagt: „Das Vorgefühl der Katastrophe, das mich seit der Hochzeitszeremonie stillschweigend begleitet hatte, nahm im Lauf der Zeit verschiedene Formen an.“ Ist er dem Vater insgeheim womöglich erschreckend ähnlich, so fern und fremd ihm dieser auch erscheint? Entdeckt er nicht bei sich selbst die gleichen „femininen Lippen“, den gleichen „Frauenmund in einem Männergesicht“ wie bei seinem Erzeuger?

Juan und Luisa hätten, wären sie Singles geblieben, vielleicht jeder für sich die Sonnenseiten einer Gegenwart genießen können, die immer größere internationale Mobilität verlangt – beide sind polyglotte, viel im Ausland tätige, materiell unabhängige Konferenzdolmetscher. Doch den Erzähler peinigt, kaum hat er Luisa geheiratet, das Gefühl eines unter den Füßen schwankenden Bodens. Die junge Zweisamkeit ist von Bindungsangst und Misstrauen bedroht. Wird sie das Opfer an persönlicher Selbstständigkeit und Freiheit aushalten, das die Ehe verlangt? Die Angst vor Verletzung und Betrug? Den Verschleiß durch den Alltag?

Gefühle und Leidenschaften sind schließlich hoch riskant in einer Welt, die Rücksichtslosigkeit und kühles Kalkül prämiiert. „Ich dachte, es würde mir zum Vorteil gereichen, mit dieser Frau zu tun zu haben, die jünger war als ich und so gut beschuht.“ So beschreibt der Erzähler seine erste Reaktion auf die künftige Ehefrau, die er als Ko-Dolmetscherin bei einem spanisch-britischen Gipfeltreffen kennen lernt. Nicht von einem Gefühl ist da die Rede, sondern von einer Berechnung.

Doch liegt es dem Autor fern, seinen Lesern eine bestimmte Moral oder Philosophie aufzudrängen. Er hat keine Lösungen parat, sondern greift in Form eines aktuellen Romans uralte, klassische Fragen auf. Schon der Titel „Mein Herz so weiß“ geht auf ein Shakespeare-Drama zurück: Lady Macbeth stiftet ihren Mann zum Königsmord an. Danach fallen ihre Worte: „Meine Hände sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme mich, dass mein Herz so weiß ist.“

Die Macht sprachlicher Einflüsterungen und die Anziehungskraft ihres Gegenteils, des Schweigens – immer wieder blitzt das bipolare Urmotiv auf. Während der Hochzeitsreise von Juan und Luisa ereignet sich eine Schlüsselszene. Die frisch angetraute Ehefrau liegt in Havanna mit einer fiebrigen Krankheit im Hotelzimmer, und auf dem Balkon beobachtet ihr Mann eine näher kommende Mulattin. Von der Straße aus beschimpft die Unbekannte ihn zunächst als „Mistkerl“, beim Näherkommen entschuldigt sie sich für eine Verwechslung. Wenig später erkennt Juan, hellhörig von Beruf, die Stimme der Mulattin wieder, die in heftigem Streit mit ihrem Geliebten Guillermo aus dem Nebenzimmer dringt. Der hat ihr die Ehe versprochen, ist aber in Spanien verheiratet mit einer Frau, die schon seit einem Jahr angeblich im Sterben liegt. So hält Guillermo mit der Behauptung, er müsse erst den überfälligen Tod seiner Frau abwarten, die Geliebte hin. „Aber sie stirbt nicht ... Bring sie endlich um“, bedrängt die ihn.

Irrtümlich wähnt der Lauscher Juan seine kranke Frau im Schlaf – und schweigt über das, was er gehört hat. Als Luisa ihn später bedrängt, seinem Vater das Geheimnis des Suizids der Tante zu entwinden, hält er ihr die Vorzüge des Schweigens entgegen: „Wenn man etwas nicht erzählt, dann löscht man es ein wenig aus, vergisst es ein wenig, leugnet es, wenn man seine Geschichte nicht erzählt, kann das ein kleiner Gefallen sein, den man der Welt erweist.“ Ohne Juan anzusehen, erwidert Luisa: „Natürlich werde ich wissen wollen, ob du eines Tages die Absicht hast, mich umzubringen, wie der Mann im Hotel, dieser Guillermo.“ Luisa ist es auch, die am Ende Ranz sein Geheimnis entlockt.

In der fabelhaften Fiktion steckt ein autobiografisches Körnchen: der Fall einer Cousine von Marías’ Mutter, die sich vor vielen Jahren aus ungeklärten Gründen kurz nach der Hochzeitsreise erschoss. „Ich habe ihr ein Motiv erfunden“, hat Marías gesagt.

Und seine Hauptfigur nimmt er gegen den in Spanien geäußerten Vorwurf in Schutz, Juan sei feige, weil er so wenig wissen will: „Wir würden uns doch“, entgegnet der Skeptiker Marías darauf, „wahrscheinlich alle gegenseitig umbringen, wenn wir von jedem alles wüssten.“

Nachwort von Rainer Traub zu Mein Herz so weiß. SPIEGEL-Edition Band 1 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


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63 von 65 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Ein Buch für anspruchsvolle und leidensfähige Leser , 12. Oktober 2008
Von ludwigwitzani (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REVIEWER)   
Zahlreiche Verlage in Deutschland haben eine Übersetzung dieses Werkes von Marias zunächst abgelehnt, und wer die ersten fünfzig oder sechzig Seiten des vorliegenden Werkes liest, kann auch sehr gut verstehen, warum. Das Buch beginnt zwar mit einer starken Szene, die sich später als Klammer des ganzen Werkes erweisen wird, es wird aber zunächst in einer derart unpoetisch-protokollartigen Sprache erzählt, das ich jeden verstehen kann, der das Buch zur Seite legt. Auch die seitenweise eingeschobenen, oft recht langatmigen Reflektionen tragen nicht dazu bei, den Leser bei der Stange zu halten ( Hier kann der Autor, der zweimal Milan Kundaera abwertend erwähnt, von dem Tschechen durchaus noch was lernen ). Und welche inhaltliche oder poethologische Funktion die mitunter halbseitenlangen Klammereinschübe haben sollen, wird wohl nur der Autor wissen.
So weit so kritisch. Doch ab etwa Seite siebzig ändert sich das Buch. Eine köstliche Miniatur über einen Schabernack, den sich die dolmetschende Hauptfigur Juan mit dem spanischen Ministerpräsidenten und der englischen Premierministerin ( unschwer als Maggie Thatcher zu erkennen ) erlaubt, bringt den Leser laut zu lachen. Mit der Einführung der Vatergestalt Ranz, der zweiten Hauptperson des Romans, gewinnt das Buch auch psychologisch und erzählerisch an Fahrt. Wie bei einem Bergsteiger, der am Beginn seines Aufstieges auch noch keinen Eindruck von der Topologie des Gesamtmassivs besitzt, schälen sich auch für den Leser, je weiter er mit der Lektüre voranschreitet, die Grundkonturen erst langsam, dann aber immer deutlicher heraus. Schließlich erkennt man, dass der rätselhafte Tod Theresas am Anfang des Romans, die Geschichte der Miriam in Havanna und der unglücklichen Beth in New York, die drei Ehen des Vaters wie auch die gerade erst geschlossene Ehe des Protagonisten Juan kunstvoll verschachtelten Ausläufern und Hügeln gleichen, die jeder für sich einen originellen Zugang zum Themenkosmos des Werkes erlauben, der um Liebe, Beständigkeit und Schuld, aber auch um Zuhören, Erzählen und Schweigen kreist. Wenn man am Ende des Buches das ganze thematische Massiv überschaut, ist man beeindruckt und geneigt, den Autor für manchen stillen Fluch um Vergebung zu bitten. Ich weiß zwar noch immer nicht, ob die ganzen Klammereinschübe und thematischen Exkurse wirklich notwendig waren, verbeuge mich aber trotzdem vor dem Meister, dem es gelingt, nach einem sehr harzigen Start die vielen Fäden seines Werkes zu einem beeindruckenden Ganzen zusammenzufügen. Alles in allem tatsächlich ein anspruchsvolles Buch im wahrsten Sinne des Wortes. Um bei der Bergsteigermetaphorik zu bleiben - hier muss man als Leser mit Eisen und Haken in die Wand, wird aber am Gipfel durch eine beeindruckende Gesamtschau belohnt.
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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen "Erzählen entstellt, die Dinge erzählen entstellt die Dinge und verdreht sie und verneint sie fasst [...]." (231), 20. Februar 2009
Von Michael Dienstbier "Privatrezensent ohne fina... (Bochum) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REVIEWER)    (REAL NAME)   
"My hands are of your colour; but I shame/To wear a heart so white" (MacBeth, II ,ii). Kurz nachdem MacBeth König Duncan umgebracht hat, um selbst den Thron Schottlands besteigen zu können, steht er so sehr unter Schock, dass seine machtgierige Frau Lady MacBeth die Tatwaffe an der entsprechenden Stelle deponieren muss, um einige unschuldige Bedienstete mit der ungeheuerlichen Tat zu belasten. Nach ihrer Rückkehr macht sie sich über ihren feigen, weißherzigen Mann lustig (siehe Zitat). Der Verweis auf Shakespeare ist von Javier Marias bewusst gewählt worden, da es in "Mein Herz so weiß", ebenso wie in der wohl düstersten Tragödie des großen Poeten aus Stratford upon Avon, um Mord Verrat und Liebe geht.

Eine junge Frau steht vom Esstisch auf, geht ins Bad und schießt sich eine Kugel in die Brust. Was hat es mit diesem Ereignis auf sich, welches gleich zu Beginn des Romans beschrieben wird? Teresa war die Tante des Ich-Erzählers Juan, nach dessen Selbstmord sein Vater erst die jüngere Schwester der Selbstmörderin und somit die spätere Mutter Juans geheiratet hat. Auf der Suche nach dem dunklen Geheimnis in seiner Familie reflektiert der detailversessene Juan seine eigene noch junge Ehe sowie die Motivation, sich überhaupt auf zwischenmenschliche Beziehungen einzulassen: "Jede Beziehung zwischen Menschen ist immer eine Ansammlung von Problemen, Auseinandersetzungen, auch von Kränkungen und Demütigungen" (86) analysiert er illusionslos. Ebenso offen beschreibt er die immer noch so angesehene Institution der Ehe. Fern aller romanischen Treuschwüre, aus Liebe den Rest seines Lebens mit einem anderen Menschen verbringen zu wollen, philosophiert Juan: "Die Leute heiraten nur, wenn ihnen nichts anderes übrig bleibt, aus Panik oder weil sie verzweifelt sind oder weil sie es nicht aushalten, jemanden zu verlieren, den sie nicht verlieren wollen" (153).

Der Erzähler des Romans beschreibt und interpretiert jedes noch so kleine Detail, so unwichtig es auch er scheinen mag. Das führt dazu, dass eine Begegnung, die sich in nur wenigen Sekunden abgespielt haben mag, auf dreißig Seiten und mehr dargestellt wird. Doch gerade das macht das Faszinierende an diesem Roman aus. Marias rhetorisches Talent ist schlicht und einfach beeindruckend und durch die Fokussierung auf nur ganz bestimmte Augenblicke konstruiert er schon fast so etwas wie tiefenpsychologische Profile seiner Charaktere, die zu überzeugen wissen.

Doch trotz seiner Erzählkunst weist der Erzähler immer wieder auf die Beschränktheit seines Erzählens sowie zwischenmenschlicher Kommunikation überhaupt hin: "Erzählen entstellt, die Dinge erzählen entstellt die Dinge und verdreht sie und verneint sie fasst [...]" (231). Nichts ist so wie es scheint, hinter der nackten Fassade des Wortes, so kunstvoll sie auch sein mag, verbirgt sich doch immer noch etwas, was sich nicht mit den Mitteln der Sprache fassen und darstellen lässt.

Fazit: Marcel Reich-Ranicki hält Marias für einen der "größten im Augenblick lebenden Schriftsteller" überhaupt. Wer "Mein Herz so weiß" gelesen hat kommt gar nicht darum herum, dem deutschen Literaturpapst zuzustimmen. Inhaltlich und vor allem sprachlich bewegt sich der Roman auf einem Niveau, welches heutzutage nur noch selten erreicht wird.
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24 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen zwiespältiger Eindruck, 26. Februar 2007
Von helmut seeger "liberaler" (karlsruhe) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 100 REVIEWER)    (REAL NAME)   
Eine junge Frau geht nach dem Abendessen mit der Familie in ihr Zimmer und schießt sich in die Brust.
Soweit der Aufhänger dieses Romans. Der Autor selber erklärt dazu, er habe zu diesem Ereignis, was sich tatsächlich zugetragen hat, ein Motiv entwickeln und eine Geschichte darum herum entwerfen wollen.
Diese Geschichte allerdings hinterlässt zugegebenerweise einen recht zwiespältigen Eindruck. Eine Story, die allenfalls zusammenflickt ist - der Beginn mit dem Selbstmord wirkt mit seinen seitenlangen Schachtelsätzen extrem konstruiert und künstlich, letztlich eine Abfolge von Szenen wie in einem Theaterstück darstellt und mit seitenlangen Assoziationsketten überfrachtet wird, ist in der Tat, wie vom Autor auch nicht beabsichtigt, keine reine Unterhaltungsliteratur.
Dass er am Ende die zu Beginn begonnene Geschichte mit der Selbsttötung wieder aufnimmt und mit der Erklärung für diese Tat aufwartet, kann den Handlungsfaden nicht retten.
Man muss sich hier fragen, ob es der literarischen Qualität Abbruch tut, wenn ein Autor unterhält. Marias scheint letzteres für unter seinem Niveau zu halten.
Ich habe es nie geschafft, mehr als ein paar Seiten am Stück zu lesen und so ein paar Monate für das Buch gebraucht, da es wirklich alles andere als ein Lesevergnügen ist.
Nach umfangreichen assoziativen Gedankenspielen oder belanglosen Ereignissträngen ertappt man sich oft beim Abschalten und fragt sich, was man die letzten Seiten eigentlich gelesen hat.
Ein Buch also, das entweder höchste Konzentration erfordert oder die Aufmerksamkeit auf die paar Szenen beschränkt, die dem Autor in der Tat atemberaubend gut gelungen sind. Ein paar dieser Augenblicke gehören in der Tat zum besten, was ich je gelesen habe.
So wirft Marias einen Blick auf sein frisches Eheleben, wie man ihn sicher wo anders selten finden wird oder er zeichnet die Welt der Dolmetscher als absurdes Widerspiegeln der menschlichen Unfähigkeit, zu kommunizieren.
Auch die Charakterisierung des Vaters des Protagonisten oder seiner Beziehung zu Freunden sind stellenweise außerordentliche Literatur.
Am Ende bleibt aber, wie gesagt, ein zwiespältiger Eindruck. Muss man sich durch 370 Seiten manchmal regelrecht quälen, um die Preziosen herauszupicken. Ich meine, es lohnt sich dennoch. Aber wer vorher aufgibt, dem kann man es auch nicht unbedingt verdenken.
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