Buch der 1000 Bücher
Copyright: Aus
Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Kapitän Nemos Bibliothek
OT Kapten Nemos bibliotek OA 1991 DE 1994Form Roman Epoche Postmoderne
Kapitän Nemos Bibliothek von Per Olov Enquist thematisiert die Aufarbeitung traumatischer Kindheitserfahrungen, die in der Selbstanalyse eines Ich-Erzählers allmählich zu Tage treten.
Entstehung: In Nordschweden wurden in den 1940er Jahren zwei Jungen nach der Geburt verwechselt und, nachdem dieser Vorfall wenige Jahre später bekannt wurde, in die Familien ihrer leiblichen Eltern »zurückgetauscht«. Enquist nimmt den authentischen Fall als Handlungsfolie für seinen Roman, fiktionalisiert diesen jedoch drastisch.
Inhalt: Ein namenloser Ich-Erzähler berichtet über Ereignisse seiner Kindheit, die über 40 Jahre zurückliegen. Damals lebte er mit seinem gleichaltrigen Freund Johannes in der Abgeschiedenheit und der pietistisch-frommen Enge Nordschwedens in einer kindlichen Traumwelt. Als sich herausstellt, dass die beiden Jungen bei ihrer Geburt verwechselt worden sind, sorgen die Behörden dafür, dass sie ihren leiblichen Müttern übergeben werden. Während die Kinder diesen Schock zu überstehen versuchen, indem sie sich weiter in ihre Fantasiewelt zurückziehen und einen Kapitän Nemo imaginieren, der sie als ihr Wohltäter in seinem Unterseeboot Nautilus aus der Welt der Schmerzen befreien soll, geht die Mutter des Ich-Erzählers an dem Kindertausch zu Grunde: Sie verwandelt sich in ein Pferd und wird schließlich in Verwahrung genommen.
Johannes bekommt zum Trost eine Pflegeschwester, die sechs Jahre ältere Waise Eeva-Lisa. Als die Jungen zehn sind, wird Eeva-Lisa schwanger. Sie bittet den Erzähler um Hilfe, doch dieser muss zusehen, wie das Mädchen bei einer Fehlgeburt verblutet. Er nimmt das tote Kind an sich und versenkt es im See. Später baut er auf Anweisung Kapitän Nemos ein Floß und sucht mit Johannes nach dem Leichnam, wobei Johannes ums Leben kommt. Der Erzähler flüchtet sich in eine Höhle, wo er nach einiger Zeit schließlich aufgefunden und in behördliche Obhut genommen wird.
Aufbau: Die fragmentarische und retrospektive Erzählweise des Romans spiegelt den Prozess wider, in dem sich der Erzähler seiner Vergangenheit und den Wunden seiner Kindheit nähert. Erst langsam kristallisiert sich für den Leser aus Erinnerungsfetzen des Erzählers und aus Aufzeichnungen von Johannes die Geschichte heraus, wobei vieles unklar bleibt. Trotz der Betrachtung des Geschehens aus zeitlicher Distanz wird aus der Perspektive des Kindes erzählt. Die fantastischen Elemente des Romans (u. a. Verwandlung der Mutter in ein Pferd; die reale Gegenwart Kapitän Nemos) ergeben sich daher direkt aus der Fantasiewelt des Kindes, in die der Erzähler eintaucht und die sich über das reale Geschehen legt.
Die kindliche Erlebniswelt speist sich aus Abenteuerromanen, vor allen aus dem literarischen Kosmos von Jules R Verne. Das Kind imaginiert sich Kapitän Nemo als inneren Helfer und die Nautilus als Ort der Geborgenheit, um die traumatischen Erfahrungen in der Wirklichkeit überleben zu können. Die Welt der literarischen Fiktion wird so zur Ersatzreligion. Der christliche Glaube wird dagegen nur als düsteres Evangelium des Schmerzes und der Schuld wahrgenommen, ohne Erlösung von den eigenen Schmerzen geben zu können. Erst die bewusste Auseinandersetzung mit den Traumata der Kindheit, das erneute Abtauchen in den grausamen kindlichen Kosmos mit seinen erträumten Erlösungsmysterien und die narrative Bewältigung der Vergangenheit ermöglichen dem Erzähler die erlittenen Qualen und die Verstrickung in den Tod Johannes und Eeva-Lisas seelisch zu verarbeiten. J. G.
Kurzbeschreibung
In einem kleinen nordschwedischen Dorf, in dem die Armut das Regiment führt, werden 1934 an einem Tag zwei Jungen geboren. Jahre später kommt heraus, daß die beiden vertauscht wurden und bei den falschen Eltern aufwuchsen. Die Kinder werden an die leiblichen Eltern zurückgegeben, was sich aber als Tragödie erweist. Einer der beiden versucht als Erwachsener, sich Klarheit über das tragische Geschehen zu verschaffen. Er hält sich in einer Heilanstalt auf und sieht in seiner verzweifelten Rekonstruktion der Ereignisse einen letzten Versuch zur Selbstrettung.