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von Jostein Gaarder
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Das Buch erzählt die Geschichte dreier Reisen. Die erste Reise ist eine Urlaubsreise. Sie führt Hans-Thomas zusammen mit seinem Vater nach Griechenland, um die Mutter zu suchen, die vor Jahren aufbrach, sich selbst zu finden.
Unterwegs machen Vater und Sohn Rast in einem verschlafenen, winzigen schweizer Bergdorf. Dort findet Hans-Thomas auf mysteriöse Weise ein geheimnisvolles Buch, das für ihn eine zweite, abenteuerliche Lesereise bereithält. Eine dritte, nicht minder spannende Reise unternimmt Hans-Thomas in das große Reich der Philosphie. Hier hat er im Vater einen fachkundigen Reiseleiter. Während vieler Zigarettenpausen auf dem Weg nach Griechenland beschäftigen Vater und Sohn die großen Fragen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Gibt es Gott? ...
Das Kartengeheimnis ist eine wunderbar kunstvoll ineinandergebaute Geschichte mit strenger Komposition. Allerdings muß sich der Leser vorbehaltlos vom Autor an der Hand nehmen lassen, beispielsweise die Existenz von Zwergen akzeptieren, oder sich auch durch Mini-Bücher, die in Brötchen versteckt sind, nicht aus der Fassung bringen lassen. Zunächst ergeben die losen Handlungsfäden der Geschichte scheinbar keine Ordnung, um so überraschender ist das Ergebnis, wenn alles zueinanderpaßt, sich ein Faden in den anderen schlingt.
Jostein Gaarder spielt mit der Neugierde seiner Leser und ihrer Offenheit, sich auf philosophische Fragestellungen einzulassen; versucht sich der Autor doch an nichts Geringerem als dem Gottesbeweis. Während Sophies Welt auch als ein unterhaltsames Lehrbuch der Philosophie zu lesen war, ist Das Kartengeheimnis ein phantasievoller Roman mit philosphischen Fragestellungen.
Auf drei verschiedenen Ebenen werden ganz unterschiedliche Reisewege beschritten, doch der interessanteste Weg ist zweifellos die vierte Reise. Dies ist allerdings ein ganz individueller Ausflug, den jeder Leser während der Lektüre für sich allein unternimmt. Die vollendete Abrundung des Buches gelingt dem Illustrator Quint Buchholz, der sich in seinen Bildern vieler liebevoller Details des Textes annimmt. Da gibt es tatsächlich sechsbeinige Tiere zu bestaunen oder das Spiegelbild eines Jokers zu entdecken. Das Kartengeheimnis von Jostein Gaarder wird durch Quint Buchholz zum Lesegenuß mit Augenschmaus. --Manuela Haselberger
«Das Kartengeheimnis»
von Jostein Gaarder
Neben den dicken blauen Stapeln von «Sofies Welt», dem 600seitigen philosophiegeschichtlichen Jugendroman von Jostein Gaarder, türmen sich in den Buchhandlungen jetzt auch Bücher in etwas hellerem Blau: Der Hanser-Verlag hat einen zweiten Roman des norwegischen Autors und ehemaligen Philosophielehrers vorgelegt, nachdem von «Sofies Welt» (1993) eine Million Exemplare über den Ladentisch gegangen sind.
«Das Kartengeheimnis», in Norwegen bereits 1990 erschienen, ist in mancher Hinsicht eine Art Vorstufe zu «Sofies Welt». In beiden Büchern werden philosophische Grundfragen didaktisch und erzählerisch geschickt mit abenteuerlichen und phantastischen Elementen verwoben, beide setzen das Motiv des «Buchs im Buch» als Spannungsmoment ein, und beide wissen die kriminalistische Neugier der Lesenden zu kitzeln, indem sie Rätselhaftes und Erklärliches in gekonnter Dosierung gegeneinander aufwiegen. Während aber «Sofies Welt» die Geschichte der westlichen Philosophie in regelrechten Lektionen aufrollt, kommt «Das Kartengeheimnis» leichtfüssiger daher. Hier sind es eher philosophische Aperçus, mit denen der Vater des zwölfjährigen Ich-Erzählers Hans Thomas seine Zigarettenpausen füllt, während die beiden im Auto von Norwegen nach Griechenland unterwegs sind.
Die zweite Ebene bildet ein geheimnisvolles Büchlein in Mikroschrift, eingebacken in ein Brötchen, das Hans Thomas unterwegs von einem alten Bäcker geschenkt bekommt. Und hier führt die Reise in Form von vier ineinander verschachtelten Ich-Erzählungen der einstigen Dorfbäcker tief in die Unterhaltungs- und Abenteuerstoffe der Literaturgeschichte, zu schiffbrüchigen Seeleuten und Südseeinseln, zu einem lebendigen Kartenspiel und wunderbaren Familienzusammenführungen. Mehrfach spiegelt sich dabei in der phantastischen Handlung die Realität des lesenden Jungen, seine Familiengeschichte ebenso wie seine philosophischen Erkenntnisse. Auf beiden Ebenen bewegt sich der Joker, Symbol für den philosophierenden Aussenseiter, der über keine fraglose Identität verfügt und deshalb nach seinem Wesen und Ursprung sucht.
Gaarders Stärke liegt zum einen in dieser Lust an der Erzählkonstruktion, in seinem Talent, mehrsträngige Spannungsbögen aufrechtzuerhalten, um am Schluss die Erzählpatience wieder aufgehen zu lassen, das scheinbar Übernatürliche auf die menschliche Fähigkeit zur Imagination zurückzuführen. Zum andern ist es anregend, sich von dem erfahrenen Philosophiedidaktiker auf kleine Denkreisen mitnehmen zu lassen.
Weniger überzeugend sind dagegen Gaarders genuin literarische Qualitäten. Sprache und Dialoge sind dem konstruktiven Spiel untergeordnet, die Figuren nicht psychologisch angelegt. Einer bemerkenswert unbedarften Männerphantasie schliesslich entspringt der Plot der Haupthandlung: Antrieb für die Reise in die Heimat der antiken Philosophen ist nämlich die Suche nach der Mutter, von Beruf Photomodell, die vor Jahren die Familie verlassen hatte, «um sich selber zu finden», und sich dabei «in ein Modemärchen verirrt» hat. Aber während Vater und Sohn das verlorene Objekt, von dem man weiter nichts erfährt, glücklich finden und im Auto heimführen, fahndet die Leserin im Text vergeblich nach weiblicher Denk- und Erzähltradition. Wie in «Sofies Welt» sind auch im «Kartengeheimnis» für die Überlieferung von Geschichten und Gedanken ausschliesslich Männer der Vater und die vier Erzähler im «Brötchenbuch» zuständig, und nur ihre Genealogie ist der Darstellung würdig. Die Lücke (das Fehlen des Weiblichen), die die Geschichte in Gang bringt, weist damit gleichsam als blinde Hinweistafel auf die Lücke im Kulturverständnis dieses Romans.
Claudia Weilenmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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