Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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37 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein bewegtes und bewegendes Leben!, 15. Mai 2007
Als Marcel Reich-Ranicki kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag seine Lebenserinnerungen veröffentlichte, nahmen Kritik und Leserschaft in selten einmütiger Begeisterung dieses Buch auf.
Der einflussreichste Literaturkritiker Deutschlands, der vorher eher seine Leser, Hörer und Zuschauer polarisierte, blickt hier ungewohnt leise und versöhnlich auf sein bewegt-bewegendes Leben zurück.
Er hat viel zu erzählen: In Polen geboren, kommt er als Neunjähriger nach Berlin. Hier besucht er ein humanistisches Gymnasium und liest schon mit zwölf lieber Schiller als Karl May. Er ist enthusiastischer Theatergänger und hat in der ausgehenden Weimarer Zeit noch Gelegenheit, die größten Darsteller ihrer Zeit auf der Bühne zu bewundern. Doch bald sind die nach Hitlers Machtergreifung immer deutlicher werdenden Repressalien für Juden auch für Marcel Reich unübersehbar. Ihm gelingt es noch, sein Abitur abzulegen, dann wird er nach Polen deportiert. Er leidet unter unmenschlichen Bedingungen im Warschauer-Ghetto, flüchtet mit seiner jungen Frau Tosia und wird von einfachen Menschen auf dem Land versteckt. Nach dem zweiten Weltkrieg will er zunächst in Polen bleiben, wird aber mit seiner offen-streitbaren Art bald zum Risiko, so dass er nach Deutschland zurück kehrt. Sehr bald macht er sich als Literaturkritiker einen Namen, es beginnt ein sagenhafter Aufstieg zur literarischen Instanz, die seit 1988 durch seine Fernsehsendung "Das literarische Quartett" eine ungeheuer große Bekanntschaft für Marcel Reich-Ranicki bedeutet.
Es ist seine Kennerschaft, die ihm viel Bewunderung und vor allem auch den Respekt seiner Gegner einbrachte. Marcel Reich-Ranicki lebt Literatur! Sein Wissen und sein klares Urteilsvermögen sind ohne Beispiel. Hinzu kommt ein mediales Talent und eine Präsenz, die bisher kein Literaturkritiker zuvor und auch niemand danach erreicht hat.
In seinen Lebenserinnerungen, die auch einen höchst unterhaltsamen Rückblick auf die deutsche Literatur des Zwanzigsten Jahrhunderts bieten, paaren sich Weitblick, Klarheit, schnörkellos-schöne Sprache. Als einer der letzten Zeitzeugen kann er noch von der fruchtbaren künstlerischen Atmosphäre im Berlin der Weimarer Zeit berichten, ebenso von den verheerenden Folgen, die jüdische Mitbürger im Dritten Reich zu tragen hatten. Und man kann sicher sagen, dass Marcel Reich-Ranicki zwar auf ein Leben voller Brüche, aber auch auf eines, dass man als geglückt bezeichnen darf, klug und niemals selbstverliebt zurückschaut!
Ein wichtiges und zeitlos-schönes Buch, dass jetzt in der Spiegel-Edition noch einmal als hochwertige Hardcover-Ausgabe angeboten wird.
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63 von 68 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein spannendes und ein lehrreiches Buch wie es wenige gibt, 22. Oktober 2006
Am 2. Juni 1920 wird Marcel Reich in Wloclawek/Polen als Sohn einer gebildeten jüdischen Familie geboren. Er wächst im damals gleichermaßen deutschen- und judenfeindlichen Polen auf und übersiedelt zusammen mit der Familie im Jahre 1931 nach Deutschland, in das Land der Kultur, wie ihm seine Lehrerin mitgibt. Hier erschließt sich dem jungen Marcel die Offenbarung seines Lebens: das deutsche Theater und die deutsche Literatur, die sich sogar noch nach der Machtergreifung der Nazis als ein Refugium von Geist und Moral behauptet. ( vgl. etwa S.137: den Bericht über die Inszenierung von Richard III als Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Herrschaft). So bedrohlich sich auch im öffentlichen Leben die Schlinge um die jüdischen Existenzen in Deutschland zusammenzog, so sehr schöpfte der junge Marcel so lange es nur ging, Kraft und Zuversicht aus den Werken von Shakespeare, Thomas Mann, Goethe, Lessing und all den anderen, die keiner Nation sondern nur der Menschheit angehörten. Selbstverständlich wird er als Student Ende der Dreißiger Jahre als jüdisch abgelehnt, doch noch ehe er sich von der Enttäuschung über diese Absage erholt hatte, schlug der Terrorstaat zu: die Familie Reich wurde nach Polen deportiert, wo die Eltern ermordet wurden und wo der junge Marcel mit seiner Frau Tosia in einem Versteck bei dem polnischen Bauernpaar Bolek und Genia überlebte. Diesen beiden erzählt er an langen Winterabenden zwischen Angst und Langeweile die Dramen und Romane der Weltliteratur, König Lear, Effi Briest, Kabale und Liebe. Mit dem Einmarsch de Roten Armee in Polen ist Marcel frei, er wird Kommunist, Mitarbeiter im Partei- und Staatsapparat und als solcher auch in das allgegenwärtige Spitzelwesen integriert. So gut er kann versucht er sich als Literaturkritiker und Rezensent, doch er gerät in die Turbulenzen der Säuberungen, wird verhaftet, aus der Partei ausgestoßen und wandert schließlich 1958 nach Deutschland aus. Nun ist er 38 Jahre alt (das Buch ist schon auf Seite 395 von ca. 550 Seiten angekommen), doch niemand konnte ahnen, welche sagenhafte Karriere nun beginnen sollte. Irgendwie standen ihm alle Türen offen, er kam zur FAZ und wollte schrieben, bitte schön, er kam zur Welt und durfte rezensieren, Siegfried Lenz öffnete ihm die Zugänge zum Rundfunk, und er erhielt schon 1959 einen festen Vertrag als Literaturkritiker. der ZEIT, die ihn aber, wie er im Abstand eines Menschenalters ein wenig moserig bemerkt, nie eine Führungsposition angeboten hatte. Trotzdem wurde er schnell ein Teil der literarischen Szene, die in den frühen Sechziger Jahren von der Gruppe 47 um Richter, Grass, Walser und andere geprägt wurde. Walter Jens und Hans Joachim Fest wurden seine engsten Freunde, jeder von ihnen ebenso wie er ein Unikat im Reich des Geistes, und mit Hans Joachim Fest, der 1973 Herausgeber der FAZ wurde, geht MRR nach Frankfurt und wird Literaturchef der FAZ. In dieser Position wird er, obwohl bereits anerkannt und berühmt, zum unumschränkten Literaturpapst der deutschen Sprache, als der er heute noch herrscht und redigiert. Was war das Geheimnis meines Erfolges, fragt er sich selbst ein wenig Selbstversonnen und antwortet: Immer an den Leser denken, nie langweilig sein, keine Gefälligkeitsrezensionen schreiben und auch die Großen des Faches nicht schonen, wenn sie Murks fabrizierten. Und auch die größten der Großen, so erfährt man in diesem Werk, sind vor Murks nicht gefeit, mehr noch: sie sind auf eine gotterbärmliche Weise eitel, wenngleich jeder auf eine andere Weise: Adorno wollte die pfauenhafte öffentliche Verehrung, Canetti die religiös angehauchte stille Devotion der Jünger (S.4599; und diese Anmerkung sei gestattet auch die Eitelkeit MRRs bleibt dem Leser nicht verborgen. Sonderbar, heißt es auf S. 469, wieder einmal musste ich andere belehren, ohne selbst etwas gelernt zu haben. MRR trifft Thomas Bernhard, Wolfgang Koeppen, Nelly Sachs, Erika und Golo Mann, die Meinhof und viele andere große und kleine Sternchen des Kulturbetriebes, und ein jeder (außer Koeppen ) erhält sein Fett weg Aber auch Enttäuschungen bleiben nicht aus: die Freundschaft mit Jens zerbricht, ohne dass klar würde, warum, auch die Verbindung mit Fest geht wegen des Historikerstreites in die Brüche. Häme, Feindschaft und das Ende der Schonzeit bleiben nicht aus, doch die Liebe zur Literatur und zu einem neuen, nach dem zweiten Weltkrieg gereiften Deutschland bleibt. Alles in allem ein kurzweiliges und großartiges, stilistische ausgereiftes und lehrreiches Werk, das das Genre von Erzählung, Kritik und Reflexion weit übersteigt und dass auch diejenigen begeistern wird, die mit seinen Verrissen nicht immer einverstanden waren. Hut ab und fünf Punkte für Marcel.
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9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Das Leben des jüdischen Literaturpapstes: ehrlich, fesselnd und machmal sogar selbstkritisch, 22. November 2006
Nein, man muss ihn nicht lieben, aber man sollte ihn lesen. Denn die Autobiografie des jüdischen Literaturpapstes (sic) liest sich streckenweise spannend wie kaum eine sonst - abgesehen vom ersten Kapitel, in dem MRR so ziemlich jedes Theaterstück beschreibt, dass er in Berlin gesehen hat. Der zweite Part schildert die Über-Lebenszeit im Warschauer Ghetto, die Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Teofilia "aus Zufall" überleben. Ein drittes Kapitel ist, sehr aufschlussreich, der Zeit nach dem Krieg in Polen gewidmet. Hier kann MRR zum ersten Mal, wenn auch begrenzt und gegängelt, seine "portative Heimat" die deutsche Literatur, vorstellen, beschreiben und kritisieren. Die Flucht nach und das Leben im Nachkriegs-Deutschland macht Teil Nummer vier aus, vielleicht das interessanteste Kapitel. Hier trifft MRR so ziemlich jeden namhaften Schriftsteller und Dramatiker - auch die, die damals noch keinen bekannten Namen hatten. Das liest sich heute wie ein Who-is-who der deutschen Nachkriegsliteratur. Der letzte Teil reicht fast bis an die heutige Zeit heran, beginnt mit dem unheimlichen Zusammentreffen mit Albert Speer auf einer Party und endet mit der Schlussstrich-Rede Martin Walsers in der Frankfurter Paulskirche 1998. Alle Autoren, die MRR in ihrer Eitelkeit verletzt hat, das sind nicht eben wenige und die auf billige Rechtfertigungs-Prosa gehofft hatten, werden von MRR enttäuscht: seine Autobiografie ist ehrlich, fesselnd, glänzend geschrieben und stellenweise sogar selbstkritsich. Allein dafür lohnt es sich, das Buch über sein Leben zu lesen. Danach wird man ihn vielleicht nicht lieben, aber zumindest besser verstehen.
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