Neue Taschenbücher
Universalbibliothek des Wissens
Zum Anfang einer Reihe
Einer Buchreihe, die kurz und prägnant «Wissen» vermitteln will, dürfte es an interessanten Themen, interessierten Autoren und nicht minder interessierten Lesern eigentlich nie fehlen. Ähnlichkeiten mit nicht mehr oder noch bestehenden Reihen auf dem deutschen Taschenbuchmarkt wären rein zufällig, sie könnten nicht einmal beabsichtigt sein: so vorbildlos scheint das Projekt wenn auch nicht in bestimmten Aspekten, so doch im grossen ganzen. Es darum als vorbildlich zu qualifizieren wäre jedoch auch wieder inadäquat, geht doch die neue Reihe «Wissen» des Verlags C. H. Beck im Entwurf und der Intention nach so sehr aufs Ganze, dass sie in sich selbst ihr Vorbild ist. Es liegt in ihrem enzyklopädischen Anspruch, eine Universalbibliothek des Wissens zu werden und vielleicht eines freilich noch fernen Tages repräsentativ auch zu sein.
Das Konzept zu der Reihe ist so einfach wie möglicherweise genial. Man greife nur hinein ins volle enzyklopädische Begriffsleben eines Universallexikons: und man wird immer fündig werden. In Hülle und Fülle bieten sich Stichwörter und Themen an. Lässt sich dem jeweiligen Stichwort ein ausgewiesener Wissenschafter zuordnen, der auch noch bereit ist, das Stichwort in der vorgegebenen Länge bzw. Kürze sowohl wissenschaftlich kompetent als auch dem berühmten Laien einigermassen verständlich zu explizieren, dann sollte einem zumindest soliden Publikationserfolg wenig mehr im Wege stehen.
Unerschöpfliche Ressourcen
Und der Anfang ist gemacht. Die ersten zwölf Bände sind erschienen. Ihre Themen und Titel sind: «Zeit», «Psychopharmaka» und «Die Sonne»; «Der Suizid», «Die Germanen», «Kolonialismus» und «Hildegard von Bingen»; «Römische Geschichte», «Jüdische Religion», «Der Dreissigjährige Krieg», «Angst und Angstkrankheiten». Im Herbst wird die Reihe mit abermals zwölf makro- und mikrokosmischen Titeln weitergehen: mit Bänden beispielsweise zu Chaos und China, Karthago und Kleopatra, Milchstrasse und Sexualität, Rosenkreuzern und Weltall.
Angesichts des unerschöpflichen Potentials der Reihe möchte man Goethe bemühen und die erste Zeile des Gedichts «Unbegrenzt» aus dem «West-östlichen Divan» variieren: Dass sie nicht enden kann, das macht sie gross. Äusserlich jedenfalls, was die numerische Wachstumsgrösse der Reihe angeht. Was ihre innere Grösse, die Qualität der einzelnen Bände betrifft, so dürfte sie naturgemäss unterschiedlich ausfallen, auch wenn sich mit jedem Band Professoren und Gelehrte, Experten und Kapazitäten aus Forschung, Lehre und Praxis zu Worte melden. Es ist durchaus vorstellbar, dass der eine oder andere Band zu einem Bestseller wird.
Zwischen 115 und 140 Seiten werden die Bände umfassen, die jeweils auch mit einem Namen-/Sachregister und einer hier und da sogar kommentierten Auswahlbibliographie versehen sind. Die nach einem Entwurf von Uwe Göbel ansprechend gestalteten Umschläge ergänzen das besondere Profil der Reihe.
Regina artium
Der erste Band beschäftigt sich zweifellos nicht zufällig mit einer Kunst, die einmal als regina artium galt: «Klassische Rhetorik» ist der Titel des Bandes, den Gert Ueding, Professor für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen, geschrieben hat. Seine Ausführungen bezeichnet Ueding als «Skizze», die «nur Hinführung und eine erste Problemdiskussion bieten» könne, und zwar «in der genuin rhetorischen Hoffnung, dass sie überzeugend genug zum weiteren Studium geraten sei».
In diesem Sinne werden wohl alle Bände einer genuin rhetorischen Intention folgen; und ein grosses rhetorisches Unternehmen stellt die neue Reihe nicht nur im intentionalen, sondern auch im inhaltlichen Sinne dar. Indem sie «gesichertes Wissen und konzentrierte Information über wichtige Gebiete aus den Kultur- und Naturwissenschaften» vermitteln soll, präsentiert sie sich «fächerübergreifend», d. h. interdisziplinär. Und so Ueding «Interdisziplinarität ist die wichtigste Anforderung an den Rhetoriker».
Ueding beruft sich bei dieser anspruchsvollen und imperativen These auf den einflussreichsten und berühmtesten Rhetorik-Lehrer Roms: auf Marcus Fabius Quintilianus (um 35100 n. Chr.). In seiner «Institutio oratoria» bemerkt Quintilian, den Martial als «Stolz der römischen Toga» und als «Lehrer des Abendlandes» rühmt: «Ich entscheide mich [. . .] dafür, dass Stoff der Rhetorik alle Gegenstände sind, die sich ihr zum Reden darbieten.» Die Formulierung liesse sich, nur leicht abgewandelt, als Motto über das Projekt der enzyklopädischen Reihe des Beck-Verlages stellen.
Rainer Hoffmann