Und Gott würfelt doch
«Nie mehr schlafen» ein Roman von W. F. Hermans
Im vergangenen Jahr schickte sich der Leipziger Verlag Gustav Kiepenheuer an, eine der ärgsten Lücken in der Rezeption europäischer Literatur zu schliessen und den Niederländer Willem Frederik Hermans hierzulande bekannt zu machen. Der grosse pessimistische Schriftsteller erkundet die Abgründe eines nihilistischen Relativismus, ohne dabei den Wärmestrom des Mitleids eines ohnmächtigen freilich einzufrieren. Den Anfang machte die herausragende Übersetzung des Romans «Die Dunkelkammer des Damokles», in dessen Laboratorium Hermans die moralische Legitimität politischen Widerstandes mit einer Folgerichtigkeit prüfte, die jede gängige Moral hinter sich lässt. In einem irrationalen Universum bleibt der Einzelne noch im selbstlosesten Einsatz für «das Gute» hoffnungslos im Unklaren über die Richtigkeit seines Handelns wie jener Henri Osewoudt, der die Nazibesatzer bekämpft und ermordet und dennoch als Kollaborateur hingerichtet wird. Hermans, ein enfant terrible nicht nur des Literatur-, sondern auch des Universitätsbetriebs, gab 1952 seinen Geologielehrstuhl auf und ging nach Paris. Dort vollendete er fünf Jahre nach seinem Buch über den Antihelden des Widerstands den Roman «Nie mehr schlafen», dessen Thema ein völlig anderes zu sein scheint: die Frage nach der wissenschaftlichen Wahrheit. Der 25-jährige Geologiestudent Alfred Issendorff schliesst sich einer Exkursion in die Finnmark an, um die These zu beweisen, dass dort einst Meteoriten eingeschlagen sind. Rätselhafte Hindernisse bei den Vorbereitungen, entsetzliche Strapazen auf dem Weg durch die lappländische Einöde und der Erfolgsdruck, den Familie und akademische Öffentlichkeit ausüben, verweisen jedoch nicht nur auf äussere, sondern auch auf innere Beschränkungen: Der Ich-Erzähler schwankt zwischen paranoidem Ehrgeiz, Versagensangst und Schuldgefühl gegenüber seinen drei Begleitern, den jungen norwegischen Forschern Arne sowie Qvigstad und Mikkelsen, die den physischen und technischen Anforderungen weit eher gewachsen sind. Angekündigtes Scheitern Längst vor dem finalen Entsetzen, das nun auf Alfred wartet, sind die Zeichen des Scheiterns gesetzt. Schon die Stationen Oslo und Trondheim wirkten unwirtlich wie Mondlandschaften und so skurril wie die Verantwortlichen, die ihn in die Irre schickten, der eine blind, der andere kinnlos, der dritte mit lädiertem Kehlkopf. Kleine kafkaeske Täuschungen, Missverständnisse und Versäumnisse, die den Protagonisten ständig zwischen peinlicher Unzulänglichkeit und infantilem Trotz schlingern lassen, nähren seine Angst, «in einer Welt leben zu müssen, in der jeder jeden zum Narren hält». Hinzu kommen die Querelen der Professoren und der Wunsch, die durch einen Unfalltod abgebrochene Karriere des Vaters fortzusetzen fremde Motive, die sein Erkenntnisinteresse vernebeln. Das Missverhältnis zwischen Weg und Ziel, körperlicher Qual und versprochener Entdeckung, das die eigentliche Reise bereithält, sprengt jedoch alle Massstäbe. Von seinen persönlichen Opfern wird, ahnt Alfred, so wenig übrig bleiben wie von denen der Urmenschen, die ihr Leben damit verbrachten, gigantische Steine zu wälzen und wer garantiert, dass es nicht die Steine des Sisyphos sind? Hermans' Sisyphos ist kein glücklicher Mensch. Keine Perfidie kann dies besser illustrieren als die Tatsache, dass die Herren seiner Schöpfung die Mücken sind. Während der gutmütigere Arne sie sich zynisch als himmlische Heerscharen vorstellt, die ihn im Jenseits erwarten, geht Qvigstad, der Pragmatiker, der «mit grossen weissen Zähnen in die Welt beisst» ein pessimistischer Metaphysiker vom Rang des Thomas Mann'schen Naphta , in seiner negativen Theodizee weiter. Jede menschliche Entdeckung entlarve die Rückständigkeit einer Instanz, die, hätte sie die Welt auf dem Gewissen, nur ihre unendliche Boshaftigkeit bewiese. Das moralische Skandalon Gott wird schliesslich in der brisanten Vision künstlicher Intelligenz intellektuell in Frage gestellt: Vom Menschen erdachte Rechner stellen und lösen alle Aufgaben, bis «die Menschheit irgendwann an der Erkenntnis ihrer Überflüssigkeit aussterben» wird. Eben diese Erkenntnis erleidet Alfred im Angesicht des Todes, zuerst am Abhang einer gigantischen Schlucht, die er mit Arne überwindet, dann in seiner selbstverschuldeten Einsamkeit, die ihn auf den höchsten Ort treibt, den Berg Vuorje. Was dort in dünner Luft, zwischen Steinen und Nebel, lautlos erklingt, ist eine Anti-Bergpredigt von ungeheuer schlichter Schärfe: «Jesus hatte gut reden. Er glaubte, die ganze Welt sei mit Feigenbäumen bewachsen.» Jeder Versuch, die Erde zu erklären, erwächst aus dem Bedürfnis nach Trost über diese leere Welt und endet in leeren Märchen, deren Wahrheit mit Blut besiegelt wird. Gespenstische Wiederholung Mit Hilfe seiner einzig verlässlichen Fähigkeit: seine Schritte zu zählen, gelingt es Alfred, Arne wiederzufinden. Der aber liegt wie einst Alfreds Vater tot in der Schlucht. Auf den letzten vierzig Seiten entrollt sich der Rückweg in die Zivilisation als Spiegelbild des Hinwegs. Gespenstisch, unmerklich wiederholen sich die Szenen, ohne ihr Rätsel zu enthüllen: die Begegnung mit einer nymphomanischen Amerikanerin, der vergebliche Versuch, echten norwegischen Gravlaks zu bekommen, das Treffen mit dem blinden Osloer Professor, Nachrichten von einem früheren Exkursionsgenossen. Punkt für Punkt hakt die Erzählung die absurde Folge der Stationen ab. Auch darin zeigt «Nie mehr schlafen» eine Parallele zur «Dunkelkammer», die dieselbe Geschichte aus zwei Perspektiven erzählte. Um die sadistische Groteske zu vervollständigen, lässt der Autor am Ende ein Licht- und Schallphänomen auftreten, das Experten als Meteoriteneinschlag interpretieren. So wird selbst das Scheitern der wissenschaftlichen Wahrheitssuche in Zweifel gestellt. «Ist das nicht der Erfolg, auf den mich mein ganzes Leben vorbereitet hat? Die Spitzenleistung! Die Leiche meines Freundes und der Weg zurück. Das war's.» Abermals hat Hermans Wittgensteins Skeptizismus literarisch verifiziert. Was wir mit Sprache, Bildern und Formeln beweisen Schuld oder Unschuld, eine Himmelsrichtung oder einen Meteoriten , ist nichts als eine verdoppelnde Beschreibung der Welt, zufällig, erratisch, vergeblich. Osewoudts trauriger Bruder Issendorff zeigt aufs Neue: Wir müssen an der blossen Existenz, in der wir eingeschlossen sind wie in einer Dunkelkammer, verzweifeln oder schweigen. Dorothea Dieckmann