Neue Zürcher Zeitung
Ein Argloser im Reich des Bösen
Giles Fodens erster Roman verunsichert die Leser
Der Kritiker des «Boston Globe» klang gereizt. «Überlang und ermüdend», so klagte er, wirke der Débutroman seines Kollegen Giles Foden vom britischen «Guardian». Umgekehrt hatte die Themenwahl dem Buch 1998 viel Lob eingetragen: Schwarz und schaurig sei die Story, hiess es damals, der Stoff eine historische Tragödie. Vermutlich hatten beide Recht, Verächter wie Bewunderer. Deutschsprachige Leser können sich nun überzeugen: Dieses Buch verunsichert. Kühn? Misslungen? Zwiespältig bleibt der Eindruck. Und unheimlich die Geschichte eines Arglosen im Reich des Bösen. Nicholas Garrigan, ein junger schottischer Arzt und Sohn eines Predigers, geht 1971 im Dienst Ihrer Majestät nach Uganda. Er will helfen, und er will frei sein. Aber Zeitpunkt und Richtung für die Flucht aus Vaters Dunstkreis waren schlecht gewählt. Am Tag von Garrigans Ankunft in Kampala putscht das Militär einen Mann an die Macht, dessen Name später zum Synonym wird für Grössenwahn und Grausamkeit schwarzer Tyrannen: Idi Amin. Untätiger Mittäter Garrigan bleibt in Uganda, in einer Buschklinik. Der Diktator holt ihn bald nach Kampala. Denn «Seine Exzellenz, Präsident auf Lebenszeit, Feldmarschall Al Hadj Doktor Idi Amin Dada, Herr der Tiere des Erdkreises und Eroberer des britischen Empire in Afrika» besitzt ein Faible für alles Schottische. Sohn Campbell trägt Kilt, schwarze Soldaten marschieren zu Dudelsackmusik. Die unterdrückten Schotten, glaubt Amin, seien Verbündete im Kampf gegen England. «An meinem ersten Tag als Idi Amins Leibarzt tat ich praktisch nichts.» So beginnt der Bericht des Mediziners, und beim Nichtstun wird es bleiben: Garrigan schaut und schweigt, acht mörderische Jahre lang. Er sei, glaubt er, nur Betrachter des grausigen Spektakels, anfangs auf der Empore, dann am Bühnenrand; Souffleur des Protagonisten wird er, Amins weisses Spielzeug, ein oft belohnter, oftmals bedrohter Narr. Der Schotte ekelt sich, er fürchtet sich und flieht doch nicht. Denn Idi Amin («Ich bin ein Bote Gottes») ist nicht nur ein Mörder mit messianischen Anfällen, erst recht kein Operetten-Vampir, sondern auch Machtmensch mit faszinierender Aura, ein Widerbild des Vaters. Und, ja, Garrigan mag ihn. Den Massakern fallen 300 000 Menschen zum Opfer. 1979 erobern tansanische Truppen Uganda. Idi Amin flieht zu arabischen Freunden, Garrigan zurück auf die heimischen Inseln. Von den Medien als Verräter geschmäht, beginnt der Arzt zu schreiben: «Ich habe schliesslich bloss meinen Job gemacht.» Natürlich, es wird ein Buch der Rechtfertigungen von Giles Foden verkauft als Roman. Erklärungsbedürftig Und hier beginnen die Fragen: Wer ist der Autor? Und ist dies überhaupt ein Roman? Oder doch ein Tagebuch? Gibt es jenen Garrigan überhaupt? Sind die Details über Idi Amins Alltag verbürgt? Und die verrückten Telegramme? (Botschaft an die Queen, Kopien an Waldheim, Breschnew, Mao: «Wenn die Schotten mich zu ihrem König krönen wollen, so werde ich mich ihrem Willen fügen.») Selten bedarf ein fiktionaler Text so sehr der Erklärung, Aufklärung, einer «Lesehilfe». Man bekommt sie nicht. Nicht im Buch. Aber im Internet. Giles Foden, geboren 1967 als Bauernsohn in England, verlebte Kindheit und Jugend in Afrika, unter anderem in Uganda. 1993 ging er zurück nach England. Auf dem Papier so Foden in einem Interview habe er versucht, seine Eindrücke wiederzubeleben, «auch die schrecklichen, etwa den Anblick toter Menschen». Und er recherchierte gründlich. «Die sonderbarsten Dinge im Buch sind alle faktengetreu, auch wenn sie erfunden scheinen.» Und Nicholas Garrigan? Hat es nie gegeben. Aber vier andere britische Ärzte im Uganda des Idi Amin. Der Autor befragte sie. Warum sind sie geblieben? «Das Leben ging schliesslich weiter; das tut es ja immer», sagt Garrigan im Buch. «Das Leben ging normal weiter», sagten die vier Ärzte zu Giles Foden. Dieser Garrigan sei schwach, ein Sonderling, Versager, urteilen Kritiker. Darauf der Autor, kurz und bündig: «Ich glaube nicht, dass er schwächer ist als wir alle.» Dies ist Fodens Verdienst: Dass er die Unschlüssigkeit des Individuums in einem Terrorregime zum Thema machte. Dass er für dichte Atmosphäre sorgt. Dass er den schwarzen Despoten als Kreatur einer verfehlten «weissen» Afrika-Politik beschreibt. (Garrigan zu britischen Geheimdienstlern: «Wenn Sie ihn nicht an die Macht gebracht hätten, wäre das alles nicht passiert.») Zu loben ist auch der Tonfall klinisch kalt. Unübersehbar bleiben andererseits die Mängel des Romans. Die Garrigan-Figur wirkt partiell unglaubwürdig. Viel zu spät erwähnt der Arzt die alltäglichen Verbrechen. Und peinlich melodramatisch wirkt am Ende seine mit Reue gemischte Selbsterkenntnis, zu der Garrigans reale Vorbilder gewiss nicht in der Lage waren: «Korrumpiert von der Erinnerung an Handlungen, die ich nicht ungeschehen machen kann (und ohne das ganze Ausmass meiner Mitschuld zu begreifen), habe ich meinen Körper vernachlässigt. Ich bin eine eiternde Bestie geworden, jemand, der den Gestank des Bösen abgibt. Ja, ich habe mich in ihn verwandelt. O mein Gott ». Unsinn! Sofort streichen!, möchte man dem Lektor noch nachträglich zurufen. Überhaupt hätte viel gestrichen werden müssen Passagen von ermüdender Weitschweifigkeit, hausbackene Szenen, grosse Mengen redundanter Floskeln und so manch stilistischer Nonsens. Sprache? Drei minus. Man ärgert sich und kommt nicht los. Und dies ist der wahre Wert des Buchs: Dass es den Leser zurückwirft auf sich selbst. Dass es ihn mit einer letzten Frage allein lässt: Was hätte ich getan? Uwe Stolzmann
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 08.12.2001
Giles Foden, britischer Schriftsteller und Journalist, lässt in seinem Debütroman "Der letzte König von Schottland" einen schottischen Arzt, Nicholas Garrigan, eine abstruse Geschichte erzählen, berichtet Karsten Kredel. In dieser geht es um das Verhältnis zwischen dem berühmt-berüchtigten ugandischen Diktator und Menschenschlächter Idi Amin und dem jungen Mediziner, der aus der Enge seiner heimatlichen Umgebung nach Afrika flüchtet und von Idi Amin zu seinem Leibarzt und Geliebten gemacht wird. Sein Bericht, so der Rezensent, gehe dabei so nahe an das Beschriebene heran, dass sich kein Gesamtbild ergebe, sondern zur schrulligen Impression gerate. Kredel hat die Sprache des Autors, die zwischen klinischer Sachlichkeit und emotionalem Stillleben oszilliere, deutliches Unbehagen bereitet. Sein Protogonist, schreibt der Rezensent, nehme einen grausigen Logenplatz beim enigmatischen Star Amin ein. Die Welt, die Foden hier destilliert, sei "morbid-komisch", ihr Erzähler moralisch anspruchslos. Das fordert, lässt Kredel durchblicken, vom Leser starke Nerven.
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