Aus der Amazon.de-Redaktion
Kein Gewerbe, das so alt, und kaum eines, dessen soziale Ächtung so einhellig ist. Aber auch keines, über das so viele und so falsche Klischees im Umlauf sind. Letzteres jedenfalls behauptet Tamara Domentat in ihrem überaus interessanten und offensichtlich mit großer Liebe fürs Detail recherchierten und lesenswerten Bericht über die Wirklichkeit der Prostitution in Deutschland. Diese beginnt sich offenbar mehr und mehr als (wenn auch nicht ganz) gewöhnliches Dienstleistungsgewerbe zu etablieren. "Professionalität" zeichnet sich deshalb für die gute "Sexarbeiterin" (Domentat) ebenso wie für das gut geführte Etablissement durch eine besondere Kundenorientierung und durch faire Preise aus.
Während in der allgemeinen Wahrnehmung immer noch das Bild von der Prostituierten als einem abhängigen, ausgenutzten, außerhalb des Milieus ,sozial isolierten und rundherum bedauernswerten Geschöpfs dominiert, zeigt uns die Autorin ganz andere Seiten der käuflichen Liebe. Und in einem ganz anderen Licht erscheinen nicht nur die ihrem Klischee Hohn sprechenden sexgewerbetreibenden Frauen, sondern ein Stück weit auch ihre Klienten.
Das zeitgemäße Bordell hat mit dem zwielichtigen Animierlokal, das ebenso zwielichtige Gestalten am Rande der Legalität und am Rand der Gesellschaft führen, nichts mehr gemein. Im Gegenteil erscheinen die Musterbetriebe, von denen die Autorin berichtet, als Wellness-Oasen, denen im Grunde nichts Anrüchiges mehr anhaften sollte. Freilich, Domentat verschweigt nicht, dass es das, was dem gängigen Klischee von der erniedrigten Hure und dem schmierigen Puff entspricht, nach wie vor gibt. Doch dürfte sich freier Wettbewerb ausgerechnet in diesem Gewerbe eher als andernorts als "heilende Kraft" erweisen. --Hasso Greb
Kurzbeschreibung
Prostitution in Deutschland, heute weder verboten noch sittenwidrig, etabliert sich zunehmend als sexuelle Dienstleistung. Mit einem Jahresumsatz von über sechs Milliarden Euro ist sie ein beträchtlicher Wirtschaftsfaktor. Prostitution hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren aus den Sperrbezirken herausbewegt. Die Frauen haben sich vom Zuhälter emanzipiert, Straßenprostitution wird von "Hausbesuchen" und weiblich geführten Bordellen verdrängt. Nach einer aktuellen Gesetzesänderung haben Huren das Recht, sich sozialversichern zu lassen und Honorare einzuklagen. Aber nicht nur auf der Anbieterseite, auch auf Kundenseite ist ein Wandel eingetreten. Seriöse Studien zeigen, dass viele Freier bewusst eine kompetente und professionelle Dienstleistung in Anspruch nehmen und bereit sind, entsprechend zu bezahlen.
Tamara Domentat zeigt - u. a. auch anhand zahlreicher O-Töne - was Prostitution in Deutschland heute ist. In ihrem Buch stellt sie die Prostitution in den Kontext einer medial erzeug ten durchsexualisierten Gesellschaft und demontiert den gängigen, von den unterschiedlichsten Lagern - von der Kirche bis zu den Feministinnen - verbreiteten Mythos, dass Prostitution ausschließlich auf Ausbeutung und ungleichen Machtverhältnissen basiert. Die Autorin führt uns in eine Welt, die viel normaler - aber auch viel fremder - ist, als wir uns das bislang vorgestellt haben.