|
|
25 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Feder ist mächtiger als das Schwert , 12. März 2004
„Unsere Gegner haben die Enzyklopädie und den festen Willen, alles zu erklären. Wir haben die Kalligraphie und die Pflicht, die Welt in ein Rätsel zu verwandeln", das sind Worte, die der Autor einem Abt des Dominikanerordens im Frankreich zur Mitte des 18. Jahrhunderts in den Mund legt. Es ist eine Zeit, in der sich das Ancien Régime aus Adel und Klerus im Angesicht der hereinbrechenden Aufklärung noch einmal mit aller Kraft aufbäumt, um die alten Machtverhältnisse gegen neue, rationalistisch geprägte Ideen mit Folter, Gift und Schafott zu verteidigen. In diese unruhige Umbruchsphase hineingeboren, sucht der junge Dalessius nach der Verwirklichung seines Traumes. Er will Kalligraph werden, einer jener Kunstschreiber, die mit gespitzter Feder und einem Arsenal unterschiedlichster Tinten bewaffnet, prachtvolle Bücher entstehen lassen. Sein Problem: er trachtete nach Vergangenem, denn der Berufsstand des Kalligraphen war bereits „so tot, dass wir uns als Archäologen unserer eigenen Zunft verstanden", wie Dalessius es selbst formulierte. Ergo bleibt dem 20-jährigen nichts anderes übrig, als sein Talent an Justitia zu verkaufen; Dalessius wird Gerichtsschreiber; wenngleich ein ungewöhnlicher.Einmal wurde einem Todgeweihten, dessen Urteilsspruch Dalessius zu Papier bringen musste, das Verdikt samt all seinen Schnörkeln und Siegeln kurz vor dem Weg zum Henker gezeigt. Der Mann war von der Kunst des verkannten Kalligraphen so angetan, der aus seinen Verbrechen etwas derart Schönes entstehen lassen hatte, dass er aus sich hervorstieß, er würde weitere zehn Männer umbringen, bekäme er dafür nur wieder solch ein Kunstwerk zu sehen. Von diesem und anderen kuriosen Fällen wenig angetan, beschloss Marschall de Dalessius, Dalessius' Onkel, seinen Neffen weit weg zu schicken, auf Schloss Ferney, wohin ein anderes Enfant terrible seiner Zeit, der scharfzüngige Philosoph Voltaire, sich zurückgezogen hatte. Voltaire, mittlerweile ein alter Mann, findet Gefallen an der Art des jungen Dalessius und schickt ihn als seinen persönlichen Kurier nach Toulouse. Voltaire, des Klerus' schärfster Kritiker, vermutet dort eine Verschwörung fanatischer Mönche. Dalessius reist inkognito mit der „nächtlichen Post", einem Unternehmen im Besitz seines Onkels, das die Leichen Gefallener oder Verunglückter in ihre Heimatorte überführt. In der holprigen Kutsche entdeckt er einen Glassarg, in dem eine seltsam anmutige Frau liegt, die irgendwie untot wirkt; in der Tat. Wenig später sollte er die Auferstandene in einem Freudenhaus „lebendig" wiedersehen, aber nur für kurze Zeit, denn Schergen des Dominikanerordens schneiden ihr die Kehle durch; wenngleich das auch deren Ende bedeutet; zumal die geheimnisvolle Unbekannte kein Mensch, sondern eine perfekt nachempfundene Maschine war - mit Selbstzerstörungsvorrichtung. Konstruiert wurde die explosive femme fatale vom genialen Ingenieur von Knepper nach dem Abbild seiner Tochter Clarissa, die er wie eine Gefangene von der Welt abschirmt. Als Dalessius in Paris Clarissa, das lebende Vorbild der „Untoten", trifft, nimmt eine unerfüllte Beziehung zwischen den beiden ihren Anfang. Von Knepper will den Kalligraphen nicht nur von seiner Tochter fernhalten, er steht gezwungenermaßen auch im Dienst des Dominikanerabtes Mazy, welcher ihn beauftragte, eine detailgetreue Maschine nach dem Abbild des im Sterben liegenden Bischofs anzufertigen. Mithilfe des sprachfähigen Roboters soll die Sache der Kirche gegen jene der Aufklärer und Häretiker verteidigt werden, ohne dass Außenstehende davon erführen. Dalessius, vom Abt enttarnt, flieht zurück zu Voltaire, der ihn aber mit neuen Instruktionen ausgerüstet erneut nach Paris schickt. Voltaires Kalligraph gerät dabei immer mehr in das klerikale Komplott hinein. Schauriger Höhepunkt ist Dalessius' Zusammentreffen mit dem Meister-Kalligraphen Silas Darel, seinem einstigen Idol. Darel sitzt leichenblass in einer Verlies ähnlichen Klause und schreibt mit dem Blut seiner Feinde. Der junge Kalligraph tötet den alten. Wie? Nun, die Feder ist bekanntlich mächtiger als das Schwert. Dies bestärken auch ein von Voltaire zur Vervielfältigung gegebenes kryptisches Pamphlet sowie 42 Worte, durch die der Roboter-Bischof letztendlich enttarnt wird. Mehr als 17 Jahre danach hütet Dalessius das konservierte Herz des längst verstorbenen Voltaire und sinniert: „Herzen verausgaben sich im Leben. Danach kann ihnen nichts mehr Schaden zufügen." Eine wunderbare Metapher für den hart erkämpften Sieg der Aufklärung. Wie schon in „Die Übersetzung" bzw. „Die Fakultät" versteht es der argentinische Schriftsteller, Elemente verschiedener Genres perfekt zu etwas literarisch völlig Neuartigem zu vermengen, das weder Krimi, Horror, noch Historie, sondern ein Kunstwerk für sich ist. Besonders faszinierend die Doppelfigur Clarissas, einmal als unerreichbar Schöne, dann als mechanischer Golem. Sie zieht nicht nur Dalessius und den Leser in ihren Bann, sondern treibt den Bildhauer Mattioli in den Freitod. Mit einem nach ihrem Abbild gemeißelten Statuenkopf um den Hals gebunden, macht der moderne Pygmalion seinem Leben in der Seine ein Ende. Ein bizarr-romantischer Todesfall á la de Santis. Pablo de Santis legte mit „Voltaires Kalligraph" ein weiteres Meisterwerk an skurrilem Humor, Wortwitz wie pointierter Satire hin. Als roter Faden durch alle drei bisherigen Romane bleibt de Santis' Besessenheit für Bücher, die in düsteren Bibliotheken, blutgetränkten Seiten und mordenden Archivaren Niederschlag findet. Wer Pablo de Santis einmal gelesen hat, wird seinen Stil unter tausend Werken sofort wiedererkennen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|