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Herbst der Chimären: Dritter Band der Commissaire-Llob-Trilogie von Yasmina Khadra |
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"Unser Land braucht weder Propheten noch einen Präsidenten. Es braucht einen Exorzisten." Die Worte von Ben Ouda, die er an Kommissar Llob richtet, klingen diesem noch in den Ohren, als der abgehalfterte Diplomat und Geschäftsmann in seinem Haus wenige Tage später geköpft aufgefunden wird. Der Geliebte des Ermordeten bezeugt, dass die Mörder nach einer Diskette gesucht und Ben Ouda gefoltert hätten, um in ihren Besitz zu gelangen, jedoch ohne Erfolg. Auf der Suche nach diesem Beweisstück gerät Kommissar Llob, der Moralist ohne Illusionen, erneut zwischen die Fronten fundamentalistischen Terrors, hoher Politik und großem Business. Doch diese Fronten verwischen, Fäden verwirren sich und in trübem Gewässer stochern Llob und der algerische Geheimdienst auf der Suche nach so etwas wie Schuld und Verantwortlickeit. Was sie schließlich finden, entpuppt sich als groß angelegte geheime Verschwörung, die der ermordete Ben Ouda zu enttarnen versucht hatte.
Yasmina Khadras Roman Doppelweiss ist als zweiter Teil einer Trilogie nach Morituri erschienen, die demnächst mit der deutschen Übersetzung von L'Automne des Chimères abgeschlossen wird. Jeder einzelne Teil dieser hochspannenden Trilogie darf ohne Übertreibung als einzigartiges Dokument der gegenwärtigen Tragödie Algeriens bezeichnet werden. Erst wenn Menschen wie Yasmina Khadra ohne Gefahr für Leib und Leben ihre wahre Identität werden preisgeben können, kann wohl von Entspannung in diesem nordafrikanischen Land gesprochen werden. --Ulrich Deurer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Yasmina Khadras zweiter Kriminalroman
«Die Polizei hat doch wirklich Besseres zu tun. Sie wird dafür bezahlt, dass sie uns den Fundamentalismus vom Hals schafft», herrscht der Unternehmer Dahmane Faïd den Kommissar Llob an. Wer die Situation im krisengeschüttelten Algerien der neunziger Jahre nicht genauer kennt, würde Faïd gerne zustimmen. In weiten Kreisen dominierte die Vorstellung, ein terroristischer Fundamentalismus bringe Tod und Schrecken in das doch einigermassen geordnete algerische Staatswesen mit dem Ziel, einen Gottesstaat zu errichten.
Kommissar Llob und mit ihm sein Autor mit dem Pseudonym Yasmina Khadra sind da anderer Meinung. Wie in ihrer Sicht die Stützen der algerischen Gesellschaft zur Katastrophe beitragen, lässt sich nun in «Doppelweiss» (1997) nachlesen, Khadras zweitem Kriminalroman, wiederum gelungen ins Deutsche übersetzt von Regina Keil-Sagawe. Es liegt in der Natur der Kriminalromane mit gleich bleibendem Personal, dass sich die Schreibweise von Band zu Band kaum ändert; das Neue liegt im Inhalt.
Ben Ouda, ein homosexueller Diplomat mit literarischen Ambitionen, wird ermordet. Alles deutet auf eine moralisch motivierte Tat der Fundamentalisten hin: «Ben Ouda liegt in der Diele, enthauptet, die Arme wie am Kreuz ausgebreitet.» Als bald darauf auch Professor Abad Nasser umkommt, will niemand einen Zusammenhang herstellen man ordnet die Tat den bekannten Intellektuellen-Morden zu. Zeugenaussagen verweisen in beiden Fällen auf eine Bande um den Emir Gaïd Ali, also tatsächlich auf Islamisten. Llob hat seine Gründe, den Fall trotzdem als nicht gelöst zu betrachten. Er sucht unterstützt durch die Aussagen von Gaïd Alis Schwager, den er mit «den aktuellen Gepflogenheiten angemessenen Methoden» bearbeitet nach Auftraggebern. Eine Spur führt ihn zu Dahmane Faïd und dessen Strohmann und Kompagnon Abderrahmane Kaak. Sie zu überführen, gilt nun Llobs ganzes Bestreben.
Anders als in «Morituri», Khadras bereits auf Deutsch publiziertem Roman, gehören Faïd und Kaak nicht zu jenen Mächtigen Algeriens, die ihren Einfluss und Reichtum zur Zeit des Kriegs und der sozialistischen FLN-Herrschaft angehäuft haben. Sie sind Emporkömmlinge, die den Durchbruch erst nach dem Beginn der von IWF und Weltbank verordneten algerischen Liberalisierung, mitten in der Katastrophe geschafft haben. Llob macht aus seiner Verachtung kein Hehl: «Dahmane Faïd ist nur aus einem einzigen Grund auf die Welt gekommen: um Geld zu scheffeln. ( . . .) Und es kam gar nicht in Frage, dass er zum Fläschchen griff, wenn man ihm nicht zuvor eine Banknote unter sein Lätzchen steckte. Erpressung, Prostitution, Rauschgift, Schmuggel, Politik: wo immer es was zu mauscheln gibt, hat er seine Hände im Spiel.» Dabei gibt er sich gern als Ehrenmann, wie Kaak auch, den Llob nicht vorteilhafter beschreibt.
In einem im Anhang abgedruckten Interview rechtfertigt der Autor, warum er Kriminalromane schreibt. Er will aufrütteln, die Ursachen der algerischen Katastrophe ins rechte Licht rücken das scheint ihm in dieser Gattung besser möglich. Im Interview kommt er auch auf die Wahl seines Pseudonyms zu sprechen: «Heute bin ich stolz darauf, dass meine Romane unter einem weiblichen Namen erscheinen. Die algerischen Frauen haben während der gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den Islamisten viel gegeben und auch viel verloren. Ihre Tapferkeit ist einzigartig.» In krassem Gegensatz zu dieser Aussage steht die Art und Weise, wie die algerischen Frauen in «Doppelweiss» gezeigt werden: fast nicht, und wenn Llob einmal einer begegnet, so nennt er sie «Mieze». Dieser Umstand beeinträchtigt die Lektüre von «Doppelweiss» doch etwas, mit wie viel sprachlichem Reichtum das Buch auch geschrieben sein mag.
Dass «Doppelweiss» heute so aktuell ist wie 1997, zeigt die Geschichte des Autors: Wegen der schwierigen Verhältnisse im Land zog er es im Januar dieses Jahres vor, ins Exil zu gehen. Bei dieser Gelegenheit gab er das Geheimnis um sein Pseudonym preis: Khadra heisst in Wirklichkeit Mohamed Moulessehoul, wurde 1955 geboren und gehörte bis vor kurzem als hoher Offizier der algerischen Armee an.
Heinz Hug -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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