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16 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Lebenskrise und Millionenerbschaft, 11. Dezember 2001
Von Ein Kunde
Der Schriftsteller Leon de Winter veröffentlicht seit mittlerweile mehreren Jahren nichts Neues mehr, was vermutlich damit zusammenhängt, dass er in die Filmwelt gewechselt ist und dort nach neuen Themen sucht, nachdem er sein bisheriges Lebensthema des Nachkommens von jüdischen Holocaust-Überlebenden in neun Romanen und diversen Erzählungen zur Genüge ausgeschöpft haben mag. Seine letzte Neuveröffentlichung, "Der Himmel von Hollywood", deutete dies bereits an. Wie gut ist es da, dass es aus der Zeit vor seinem internationalen Durchbruch mit "Hoffmans Hunger"(1990, deutsch 1993) noch mehrere nicht übersetzte Bücher gibt, die vom Diogenes-Verlag offenbar jetzt nach und nach auf Deutsch herausgegeben werden. Nach "Sokolows Universum" 1999 erschien in diesem Jahr "Leo Kaplan", das im Original bereits 1986 vorlag. Leo Kaplan ist ein beeindruckendes Beispiel, was Kreativität und Phantasie vermögen. Die Geschichten sprudeln aus dem Autor nur so heraus. Kritisch kann man sicher zu diesem noch frühen Roman des bei der Verfassung noch sehr jungen Schriftstellers anmerken, dass es manchmal fast zuviel wird, weil man Probleme mit der Zuordnung bekommt, was sicher besonders für Leser zutrifft, die wegen ihrer Verpflichtungen, denen sie nachzugehen haben, nicht ständig an dem Buch "dranbleiben" können. Da die Ereignisse jedoch originell sind und geistreich und witzig erzählt werden, sieht man das gern nach und blättert bereitwillig zurück, um festzustellen, was man von der jeweiligen Handlungsfigur vorher schon gelesen hat; am Ende läuft nämlich alles wieder zusammen, und allein das ist schon eine ganz besondere Kunst. Der Diogenes-Verlag sollte möglichst bald an die Übersetzung der beiden Erzählungsbände gehen, die es von de Winter in niederländischer Sprache gibt; wer die unzähligen Geschichten, die den Roman "Kaplan" ausmachen, gelesen hat, kann sich nur vorstellen, dass es sich dabei um einen besonderen literarischen Leckerbissen handeln muß.Worum geht es? Leo Kaplan, sicher eng vertraut mit dem Autor, ist Schriftsteller und befindet sich in einer Lebens- und Schreibkrise, obwohl oder vielleicht auch weil er noch nicht vierzig Jahre alt ist. Eine PR-Tour nach Rom will er eigentlich dazu nutzen, in Ruhe über neue Projekte nachzudenken. Doch er gerät dort von einer Turbulenz in die andere, so dass er dazu nicht im Geringsten kommt. Allerdings zwingen ihn die Ereignisse, besonders das Wiedertreffen seiner ersten großen Liebe, dazu, über sich und den Sinn seines Lebens nachzudenken und wie es zu seiner derzeitigen Lebenssituation gekommen ist. Es gelingt dem Autor, durch Rückblenden, die für manchen Geschmack gelegentlich zu sehr ausufern dürften, Kaplans Leben und seine nicht wenigen Liebschaften, aber auch die Lebensläufe der meisten anderen Protagonisten so anschaulich, sensibel und mit einer Leichtigkeit, eines der speziellen Merkmale dieses Autors, durchweg anrührend darzustellen, so dass man den überbordenden Stoff gern verzeiht. Das gilt gerade auch für die Sexszenen, bei denen exzellent benannt wird, was in Kaplan vorgeht und somit seine innere Zerrissenheit aufzuzeigen. De Winter war bei Verfassen dieses Romans noch erheblich jünger als sein Alter Ego Kaplan, und da meinte er wohl noch, möglichst alle Einfälle unterbringen zu müssen - aber was für Einfälle: So sollte ihm die Millionenerbschaft des Vaters, eines jüdischen, gesellschaftlich nicht gerade geschätzten Altwarenhändlers erst nach fünfzehn Jahren zufallen, es sei denn, er weise die Existenz eines beschnittenen Sohnes nach (übrigens sollte man sich als Nichtjude das besser nicht ausdenken). Das weitere Besondere an diesem Buch ist die Selbstironie, wo findet man das sonst; denn dem dem Autor so nahen Romanhelden passieren nicht wenige, überaus amüsante Missgeschicke. Leon de Winter macht sich nicht über die anderen lustig, ihr Handeln schildert er immer mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen, lieber schon belustigt er sich durch seinen Helden über sich selbst, eine Eigenschaft, die nicht unbedingt verbreitet ist. Wer also auf den ersten Seiten aus den benannten Gründen Probleme mit der Lektüre hat, sollte unbedingt weiterlesen, denn er wird reichlich belohnt.
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14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Das langsame Reifen der Frucht, 17. April 2001
Auf den ersten Blick hin ist es etwas verwirrend, was Leon de Winter da anrichtet, doch bei genauem Hinsehen, bekommt man/frau den Faden schon mit. Kann es möglich sein, daß es in der "Glasglocke" der ersten Liebe für ein ganzes Leben reicht? Leo Kaplan unterhält sich darüber mit seinem Freund Rudy (dieser scheitert). Auf der Suche nach Beantwortung dieser Frage ist auch Paula. Letztendlich auch Hannah und auch Ellen. Berührend wie die Früchte (der Erfahrung) reifen. Ellen wird mutig erst in ihren "guten" Jahren und die Erfahrung läßt sie in einem versteckten Hotel "Bruschetta" statt des begehrten "Osso bucco" bekommen, wobei es in diesem Fall auf den Geschmack des Olivenöls ankommt, das sie verstehend hinnimmt. Typisch jüdische Wehmut und das dezente Angebot des noch kommenden Messias (statt des schon gekreuzigten) ist nicht das schlechteste. Verwoben das Ganze bis hin zum fast Undurchschaubaren manchmal, und selbst die Jugendlichen schütteln bei einem intensiven Gespräch den Kopf (über auftretenden Pessimismus).Ist es wirklich schon soweit, daß alles zu spät scheint? Stecken wir alle denn schon unter einer "Glasglocke", händchenhaltend wie in einem Bild von Hieronymus Bosch und warten auf das Ende? Da sei Gott davor! Und der Sex, der aufblitzt in den kunstvoll verstreuten Medaillons, hilft uns zwar lange, sehr lange, vor dem Tod aber wird er uns auch nicht bewahren, doch gibt er Hilfestellung. Ein Sittengemälde der heutigen (europäischen!) Gesellschaft mit Bezugnahme bis hin zum Animalischen in der Bedeutung der hündischen Kriecherei (Leckerei), die auch ein Spiegelbild unserer Welt ist. Was für ein Buch! Empfohlen zum sorgfältigen Lesen. Auch der Humor kommt nicht zu kurz und ein zweites Lesen lohnt durchaus.
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17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Verdientes Lob, 14. August 2002
"Leo Kaplan", der letzte Roman des holländischen Autors Leon de Winter, ist viel gelobt worden. Zu Recht, wie ich finde. Natürlich geht es, wie in allen Romanen, die man in einem Bissen verschlingt, um die großen Gefühle: die Hauptfigur, der Schriftsteller Leo (seinem Schöpfer, darf man annehmen, nicht unähnlich), ist zerrissen zwischen seinen Begierden und der Sehnsucht nach der großen Liebe, zwischen gequälter Loyalität zu seinen kleinbürgerlichen jüdischen Wurzeln und der narzisstischen Pose des weltbürgerlichen Großintellektuellen. Ein Mensch, der die innere Leere mit tausend Worten füllt, der sich schreibend neu erfinden will und der doch nicht verhindern kann, dass sein brillanter Verstand immer wieder unter die Gürtellinie rutscht. Den Tiefpunkt hat er erreicht, als er in Kairo von einer minderjährigen Prostituierten beraubt wird und im Krankenhaus landet, und eben dort sieht er nach siebzehn Jahren seine große Liebe wieder... Natürlich ist das alles nicht neu- es gibt überhaupt wenig Neues unter der Sonne- aber es ist ganz ungewöhnlich gut gemacht. Winter benutzt alle Techniken, vor denen die Lehrbücher warnen: Vor- und Rückblenden, ironische Erläuterungen des auktorialen Erzählers, häufige Perspektivwechsel (einmal spricht sogar ein Hund), eingefügte Anekdoten, die mit dem Hauptstrang nur wenig zu tun haben- und trotzdem hält alles zusammen und das intensive Lesevergnügen wird keine Sekunde gestört. Wie er das schafft, kann ich nicht erklären, es ist einigermaßen verblüffend. Handwerklich erinnert mich sein Vorgehen am ehesten an Milan Kundera- aber Winter ist komischer und weniger prätentiös. Alle Figuren, große wie kleine, sind absolut glaubhaft. Sie sind nicht erfunden, keine Ideen auf Stelzen, sondern so lebendig, wie es Menschen auf Papier sein können. Vielleicht mit einer kleinen Einschränkung: die Dialoge, oft spritzig und intelligent, sind in der Diktion mehr oder weniger einheitlich; auf die Möglichkeit, die Figuren durch sprachliche Eigenheiten zu charakterisieren, verzichtet der Autor. Ich finde das in Ordnung- Manierismen a la Sam Hawkins („hihi, wenn ich mich nicht irre") halten 12jährige Karl-May-Fans für große Kunst. An dem Sonntag, an dem ich das Buch verspeiste, habe ich mich mindestens dreimal verliebt: in Ellen, in Hannah, in Paula. Da ich mir das Privileg gönne, nur über Bücher zu schreiben, die ich liebe (obwohl auch Verrisse Spaß machen könnten, zum Beispiel über Harry Fulisch, den schönsten Autor aller Zeiten- aber das kann sein Landsmann Winter besser!!!) ist der Schluss immer derselbe: stornieren Sie das Kokain, schenken Sie sich die Cocktail-Party, sparen Sie den Eintritt für die Nobel-Disco und kaufen sich stattdessen dieses Buch!
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