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Der Briefwechsel zwischen Anton Tschechow und Olga Knipper
Von Ilma Rakusa
Anton Tschechow und Olga Knipper lernten sich im Herbst 1898 bei den Proben zur «Möwe» im Moskauer Künstler-Theater kennen: der russische Schriftsteller war achtunddreissig, die Schauspielerin deutscher Abstammung dreissig. Aus der Bekanntschaft wurde ein Liebesverhältnis, das 1901 durch Heirat besiegelt mit Tschechows Tod am 2. Juli 1904 allzu früh abbrach, ohne dass das Paar den Traum vom gemeinsamen Leben hätte verwirklichen können.
Denn Olga Knipper sass mit Rollenengagements in Moskau fest, während Tschechow, tuberkulosekrank, im südlichen Jalta seinen Garten bebaute oder andere klimatisch günstige Orte (wie Nizza oder Rom) aufsuchte. Die wenigen Wochen pro Jahr, die das Paar gemeinsam zubrachte, waren zumindest aus Olgas Sicht getrübt durch die häuslichen Verhältnisse, d. h. die ständige Gegenwart von Tschechows Schwester Mascha, die eifersüchtig über das Leben ihres Bruders wachte. Intimität bot dagegen der Briefwechsel: vor allem Knipper machte davon täglich Gebrauch, doch auch Tschechow hielt sich nicht zurück und sandte seiner «herzallerliebsten Schauspielerin» in schöner Regelmässigkeit wehmütig-witzige Post. Entstanden ist so ein epistolarisches Gespräch über Hunderte von Kilometern hinweg, das Liebessehnsucht und Zärtlichkeiten ebenso einschloss wie Alltagskram, Theater-Geschwätz, Wetterberichte, Gesundheitsprotokolle, Missverständnisse und Leid.
Tschechows lakonisch-ironischer Reserviertheit steht dabei Olga Knippers freundlich-impulsive Redseligkeit gegenüber. Die Temperamente reiben sich bisweilen und lassen vor allem bei Olga Frustrationen erkennen: die Befürchtung, dem Partner nicht zu genügen, verbindet sich zunehmend mit dem Vorwurf, von diesem nicht ernst genommen zu werden. Tschechow zerstreut alle Bedenken und findet immer neue Worte, um seine «Knipperin», seinen «kleinen Liebling», seinen «Engel», sein «Täubchen», seine «Schauspielerin», seinen «Hund», seine «Deutsche», seine Olja und Olka seiner Liebe zu versichern. Scherzhaft unterschreibt er als «Antoine», «Antonio academicus», als «Toto, Arzt im Ruhestand und Provinzdramatiker», als «Mönchspriester Antonij» und «in die Knipschitz verliebter Dummkopf».
Gegenüber Olga beklagt er die Langeweile seines einsamen Lebens «ohne Dich bin ich wie ohne Arme, wie auf einer unbewohnten Insel» , murrt er über das Wetter und über die Lästigkeit der Leute, verschweigt aber fast alles, was mit seiner Arbeit (an Erzählungen und am «Kirschgarten») zu tun hat. Wortkarg auch berichtet er über seine Begegnungen mit Gorki und Tolstoi, während dem eigenen körperlichen Befinden widerstrebend zwar der nötige Respekt gezollt wird: «Mein liebstes Puppelchen, Du willst Einzelheiten hören, hier sind sie: Emser Wasser trinke ich schon zwei Tage, immer morgens. Es ist nicht leicht, das zu bewerkstelligen, denn ich muss aufstehen, die Stiefel anziehen, klingeln, dann warten, dann die Stiefel ausziehen und mich wieder hinlegen . . . Deine Empfehlung mit dem ol. ricini war angebracht, da ich gestern abend Schweinekoteletts gegessen habe, die einen ganzen Sturm entfacht haben.» Hier das anrührende Lamento: «Welch eine Qual, sich die Fingernägel der rechten Hand zu schneiden!», dort der desillusionierende Ausspruch: «Du fragst, was ist das Leben? Das ist das gleiche, als würde man fragen: Was ist eine Mohrrübe? Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe, und das ist alles.»
In solch herber Lakonik liegt die Quintessenz von Tschechows Denken und Stil für Olga Knipper nicht selten eine Provokation. Sie, die am Moskauer Künstler-Theater als Arkadina («Die Möwe»), Jelena («Onkel Wanja») und Mascha («Die drei Schwestern») brilliert und ihrem Mann stolz über die Erfolge seiner Stücke berichtet, um ihn zum Weiterschreiben zu ermuntern, sieht sich durch Tschechows resignative Haltung brüskiert. Hinzu kommt der Selbstvorwurf, an dieser Resignation womöglich mitschuldig zu sein. In den Wintermonaten 1901/02 erlebt Olga eine Identitätskrise: Wie lässt sich die Liebe zum Beruf mit der zu ihrem Mann vereinen? Soll sie die Schauspielerei aufgeben, um eine gute Gattin zu sein? Wie Hilferufe klingen ihre Fragen: «Anton, was ist das Wichtigste im Leben, sag es mir! Ich bin völlig durcheinander. Irgendwie verstehe ich das Leben nicht, d. h., ich kann es nicht begreifen . . . Es ist so schwer, getrennt voneinander zu leben. Es ist so absurd.» Und: «Wo ist denn das wahre Leben, Anton?» Der Verdacht, das Falsche gewählt zu haben, verstärkt sich, als Olga Knipper Ende März 1902, während einer anstrengenden Tournee in St. Petersburg, eine Fehlgeburt erleidet. Trotz Tschechows liebevoller Sorge kommt sie über den Verlust nur schwer hinweg. Und einmal mehr scheint sich ihr Satz zu bewahrheiten: «Aber wir leben nur in Träumen und müssen warten.»
Der Sehnsuchtshorizont ist es, der die Fernliebe nährt, so wie das Vertrauen Kleinlichkeiten und Eifersüchteleien überwindet. Rührend zu lesen, wie Tschechow seine «kleine Kakerlake» küsst, wie er seinen «lieben Fink» und «kleinen Hänfling» grüsst und fast beiläufig notiert: «Ich habe Atemnot.» Das Ende kommt schneller als erwartet. An seinem Geburtstag, dem 17. Januar 1904, wohnt Tschechow in Moskau der Premiere des «Kirschgartens» bei, Anfang Juni desselben Jahres fährt er mit Olga über Berlin nach Badenweiler, zur Kur. Jetzt sind sie zusammen, Tag für Tag. Olga pflegt ihn, erfüllt seine Wünsche; bestellt in Freiburg einen weissen Flanellanzug für ihn, der jedoch zu spät eintrifft. Am 2. Juli stirbt Tschechow an den Folgen seiner Tuberkulose, gerade vierundvierzig Jahre alt. Olga Knipper setzt das Gespräch mit ihrem toten Mann noch zwei Monate lang in fiktiven Briefen fort, denen später Erinnerungen folgen. Sie sollte Tschechow um fünfundfünfzig Jahre überleben tätig in ihrem Beruf, ohne wieder zu heiraten.
Die vorliegenden Liebesbriefe, ausgewählt und ediert von Jean Benedetti, ergreifen als zutiefst private Dokumente von unprätentiöser Offenheit. Wäre zur damaligen Zeit der Telefonverkehr schon etabliert gewesen, wer weiss, ob Tschechow und Knipper in ihrer Leidenschaft und Ungeduld die spontane Kommunikation nicht vorgezogen hätten. So aber sind wir unfreiwillig voyeuristisch zu späten Zeugen einer Liebe geworden, die gerade in ihrem Ringen um Erfüllung Grösse und Menschlichkeit bewies.
Zu bedauern ist, dass Benedetti die Briefe um all jene Stellen gekürzt hat, die sich nicht unmittelbar auf das Paar beziehen. Der Horizont des epistolarischen Austausches wird dadurch deutlich verengt. Wer Tschechows Briefe an Olga Knipper in Originallänge nachlesen möchte, greife zur fünfbändigen Briefausgabe, die Peter Urban vorbildlich ediert und übersetzt hat. Sie enthält weit über tausend Briefe aus dem Zeitraum 1877 bis 1904 und zeigt den Korrespondenten Tschechow in all seinen Facetten klug, selbstironisch, sarkastisch, melancholisch.
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