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3.0 von 5 Sternen
Vorreiter der "Rational Choice" in der Politikwissenschaft, 23. Juni 2003
Gibt es eine Möglichkeit, politisches Handeln vorherzusagen? Anthony Downs entwickelt in seinem Buch „An Economic Theory of Democracy" eine konkrete Strategie, um diese Frage mit „Ja" beantworten zu können. Inspiriert von der Anwendbarkeit des rationalen Menschenbildes auf die klassische Ökonomie entwirft er ein Modell der Gesellschaft als Ansammlung individueller und kollektiver Entscheidungsprozesse, das in der Folge die Sozialwissenschaften revolutionieren sollte. „Rational Choice" gab Politikern und Wissenschaftlern ein Instrument an die Hand von dem sie sich erhofften, dass es die Unsicherheiten und Nebenfolgen politischen Handelns nicht nur besser erklären, sondern auch beseitigen könne.Downs gliedert das Buch in vier Teile und 16 Kapitel, in denen er zuerst seine Methode und die Grundannahmen des Modells darstellt, danach den grundsätzlichen Problemrahmen entwirft, um dann Implikationen für und Hypothesen über politisches Handeln abzuleiten. Dabei kommt Downs zu zwei wichtigen und in der Folge häufig diskutierten Erklärungsansätzen moderner Demokratie. Er liefert rationale Erklärungen zum einen für unterschiedliche Formen des Parteiensystems, zum anderen für das Wahlverhalten. Diese zwei Ansätze sollen nun kurz dargestellt werden. Wie mit dem occam'schen Rasiermesser reduziert Downs anfangs alle politischen Fragen innerhalb westlicher Demokratien auf die Streitfrage, wie viel Einfluss der Staat denn auf die Wirtschaft haben solle und abstrahiert daraus eine horizontale Verteilung gesellschaftlicher Präferenzen. Er fordert den Leser auf, sich eine horizontale Linie vorzustellen, auf der sich die verschiedenen Meinungen und Präferenzen der Menschen auf einer Skala von eins bis hundert erstrecken. Dabei stellt der am weitesten links gelegene, mit 1 gekennzeichnete Punkt der Skala eine vollständige Kontrolle des Marktes durch den Staat dar, während 100 den vollkommen freien Markt repräsentiert. Anhand dieses polaren Links-Rechts-Schemas kann Downs bestimmte Beziehungsverhältnisse zwischen Parteien und Wahlvolk extrahieren, indem er Politiker und Parteien als rational handelnde Akteure setzt und ihnen unterstellt, dass ihr erstes Ziel das Rekrutieren von Mitgliedern sei, welche die Grundlage für das Gewinnen von Wahlen seien. Nach Downs gibt es drei unterschiedliche Möglichkeiten der Präferenzverteilung, die zu drei unterschiedlichen demokratischen Systemen führen. Befindet sich das größte Wählerpotential in der Mitte der Skala - was er als die häufigste Verteilung identifiziert - tendieren die Parteien in ihrer politischen Argumentation zum Zentrum, um einen möglichst großen Teil der Wähler an sich zu binden, da ein politischer Akteur, der zwischen der eigenen politischen Ideologie und der des Wählers agieren könnte, dessen Stimmen auf sich ziehen würde. Ein solches System zeichnet sich durch ein Zweiparteiensystem aus, in dem beide Parteien um die Wählerstimmen der Mitte kämpfen. Die Entwicklung von dritten Parteien sei relativ unwahrscheinlich, da sich an den Rändern kaum Wähler befinden und somit die Gründung einer dritten Partei unattraktiv sei. Befinden sich die Wähler an den verschiedenen Polen der Skala, sieht Downs ein Zweiparteiensystem mit ideologisch stark abgegrenzten Parteien. Ein solches System sei instabil, da die Politik einer Partei immer den anderen Teil der Bevölkerung vernachlässigt und diskriminiert. Eine Revolution ist latent wahrscheinlich. Eine gleichmäßige Verteilung der Wähler entlang der Skala führt zu einem Mehrparteiensystem und zur Nischenbildung, da alle Wählerschichten vertreten werden wollen, bzw. auch ein genügender Anreiz für die Bildung kleiner Partein vorhanden ist. Dass sich Downs vorwiegend am Zweiparteinsystem der USA orientiert, wird auch dadurch deutlich, dass er innerhalb dieses Systems noch einmal auf die Entstehung dritter Parteien eingeht. Diese entstehen entweder als Interessenspool, der darauf ausgerichtet ist, eine der großen Parteien von der Mitte weg in die eigene Position zu bewegen, oder als eine wirkliche Alternativpartei, die um den Wahlsieg kämpft. Eine solche Konstellation kommt nach Downs aber nur dann zustande, wenn vorher eine signifikante Veränderung der Präferenzen entlang der Skala stattgefunden hat. Downs nennt als Beispiel die britische Labour Partei, die im Anschluss an die Ausweitung des Wahlrechts auf die Arbeiterklasse entstand. Ein sehr interessanter Aspekt ist Downs' Feststellung, dass Akteure im Zweiparteiensystem Anreize haben, die eigene Ideologie nur verschleiert und unklar wiederzugeben, um damit zum einen Stimmen von eigentlich eher dem politischen Gegner zugeneigten Wählern zu stehlen, zum anderen den Wähler zu zwingen seine Wahlentscheidung auch anhand der Persönlichkeit des Kandidaten und anderer irrationaler Kriterien zu treffen. Downs drückt das in eigenen Worten schon fast ein wenig ironisch aus: „rational behavior by political parties tends to discourage rational behavior by voters". Indem er den Wählern rationales Verhalten unterstellt, kommt Downs allerdings auf ein überraschendes Ergebnis. Er folgert, dass sie eigentlich kaum Interesse am Gebrauch ihres Wahlrechts haben dürften, da sie sowohl antizipieren, dass ihre Stimme wenig Gewicht für den Ausgang der Wahl hat, als auch die Kosten des eigentlichen Wahlgangs scheuen. Ja, der Nutzen aus dem Wahlgang erscheint ihnen sogar so gering, dass Opportunitätskosten, wie schlechtes Wetter oder Warteschlangen vor den Wahllokalen schon zu einer negativen Entscheidung gegenüber der Wahl führen können. Noch dazu sind durch die schwammigen und unklaren Aussagen der Politiker und Parteien die Informationskosten über Sachpolitik derart hoch, dass es die Bürger meist aus Zeitmangel unterlassen, sich über Wahlprogramme zu informieren. Downs Ansatz hat wesentliche Schwächen. Er wird bereits inkohärent, als er die Annahme trifft, dass ideologisch rechts gerichtete Parteien dem freien Markt eine faschistische Kontrolle vorziehen. Damit differenziert er implizit doch zwischen verschiedenartigen, auch irrational motivierten Ideologien, nicht nur zwischen unterschiedlichen Einstellungen gegenüber Markteingriffen. Auch sein strikter Dogmatismus, Rationalität nur auf den Wahlakt selbst anzuwenden, nicht auf die rationale Fähigkeit des Bürgers unterschiedliche Politikansätze unterscheiden zu können, bzw. zu erkennen, dass der Akt der Wahl durch die aus der Wiederholbarkeit folgende Verbindlichkeit wieder rational wird, führt zu teilweise anzweifelbaren Aussagen. Man darf jedoch bei aller Kritik nicht vergessen, dass spätere Rational-Choice-Theoretiker viele dieser Fehler und Lücken korrigiert, bzw. ergänzt haben, womit ihm zumindest die Ehre zukommt, der Erste gewesen zu sein, der die ökonomische Theorie publikumswirksam auf die Politikwissenschaft anzuwenden wusste.
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