Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Von 1890 - und noch immer aktuell!, 5. Februar 2005
Frank Wedekind schildert die Welt der Pubertät - vor 100 Jahren. Aber an der Aktualität mangelt es nicht. Es ist schon eine Zeit her, dass ich das Drama las, aber mir ist eine Szene besonders im Gedächtnis geblieben: (Wendla zu Melchior) "Melchior, meine Mama sagt, man wird nur schwanger, wenn man jemanden liebt - aber ich liebe dich ja nicht...", und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Die Probleme, die man als junger Mensch haben kann, sind aufgeführt: Leistungsdruck in der Schule, das andere Geschlecht, das Erwachsen werden, und und und. Um das Ende nicht zu verraten - es ist und bleibt ein Drama. Obwohl es ein von Schülern verhasstes gelbes Reclam-Heft ist, kann ich es nur empfehlen - den jungen Menschen, den älteren Menschen; jedem!
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21 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
noch immer aktuell und nicht nur zum Lesen für die Schule, 24. Juli 1999
Von Ein Kunde
Bei den Gymnasiasten Melchior und Moritz regen sich die ersten männlichen Gefühle. Aufgeklärt sind sie nicht, also versuchen sie sich selbst über das klar zu werden, was das ist, was sie verändert und gedanklich nicht mehr losläßt. Melchior verliebt sich in Wendla. Bei einer Begegnung im Wald bittet sie ihn sie zu schlagen, selbst nicht wissend, was dieser ihr unerklärliche Trieb bedeutet. Melchior tut es und flüchtet anschließend, erschrocken über seine Tat. Als Wendla's Schwester ein Kind bekommt, fragt Wendla ihre Mutter danach und bekommt das Märchen vom Klapperstorch erzählt. Als sie Melchior sie dann auf dem Heuboden verführt, ist sie vollends verwirrt. Parallel dazu werden Moritz verzweifelte Anstrengungen um eine Versetzung beschrieben. Als er erkennt, daß er es nicht schafft, erschießt er sich. Da man in Moritz Schulsachen Melchior's illustrierte Abhandlung zum Beischlaf findet, hält man dies für die Ursache des Selbstmordes. Melchior wird der Schule verwiesen und von den Eltern in eine Besserungsanstalt geschickt. Wendla ist schwanger. Sie stirbt beim Versuch der Abtreibung. Als Melchior bereit ist Freund und Freundin in den Tod zu folgen, erscheint ihm ein vermummter Herr und bittet Melchior sich ihm anzuvertrauen.Wedekind prangert in seiner Tragödie den konventionellen Moralbegriff seiner Zeit an, die Verleugnung eigener Gefühle und die Borniertheit von Sitte und Moral. Das Werk entstand 1891 und zeigt somit schon sehr früh die Veränderungswürdigkeit im Denken der Menschen. Das Stück ist leider noch heute sehr aktuell und daher gerade für Schulaufführungen sehr zu empfehlen. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der junge Tod am Rande des Lebens., 3. Oktober 2007
"Wunsch, Wille, Handlung: real oder in seiner Phantasie scheint unbegrenzt. Nur dort wo Wille ist, ist Urheberschaft, ist Ich. Da wo eigene Entscheidung ist, ist eigener Wille, wo Manipulation die Entscheidung scheinbar als eigene girlandet, wird man in der Nachträglichkeit des Überlegens zum "Lakai eines fremden Gedankens", wie Dostojewski es treffend formulierte. Und doch sind wir Menschen aus dem Kontext der Kernfamilie gebunden an Regeln und Vorstellungen, an Gedanken und moralischen Werten. Diese Familie ist wie eine "sanfte Sekte", deren Gedankengut wir in Übereinstimmung oder in kritischer Distanz überblicken und vielleicht in einigen Provinzen des Denkens zur Freiheit verhelfen". Dieses schrieb ich als Rezension zu Bieries "Das Handwerk der Freiheit".
Frank Wedekind (1864-1918) sieht Gesellschaft und Religion als Maßstab der Familientradition vorherrschend und damit die Familie, gezwungen in ein Korsett der Konventionen als seine familiäre Sekte, deren Voraussetzungen die pubertierenden Kinder Wendla Bergmann und die beiden Freunde Moritz Stiefel und Melchior Gabor ausgesetzt sind. Diese drei stehen als Repräsentanten der Folgen einer moralischen Überhöhung in Schule, Elternhaus und Gesellschaft. Wedekind zeigt an diesen Beispielen, wie Wachstum und Wandel gestört, Ehrlichkeit und Verbundenheit abhängig von Moral gehalten werden und die psycho-religiöse Gesellschaft Unterdrückung menschlicher Selbsterkenntnis fördert
Wendla wird von ihrer Mutter im falschen Scham zur kindlichen Unwissenheit in Sexualfragen verdammt, Moritz verzweifelt am Leben, quält sich durch Angst an allem und jenen, Pflichterfüllung in Schule und Elterhaus überfordern ihn, sein Ehrgeiz wird selbst zerstörerisch. Melchior erscheint fester in sich ruhend, ist aufgeklärt durch gewisse Lektüre, unproblematisch in Schule (nahezu bester) und Elternhaus, dank einer sehr vernünftigen, natürlichen und aufgeklärten Mutter. Melchior will seinem Freund über die Zeit der pubertierenden Selbstquälereien helfen und übergibt ihm sein selbsterstelltes Aufklärungsheft. Ansonsten lesen beide Faust, die Gretchenszene rückt ins Zentrum ihrer Betrachtung. Fausts Unrecht wird thematisiert, Unrecht erleiden für süßer gehalten, als Unrecht tun. (Eine beredete Formulierung des Sokrates aus Platons Georgias steht Pate.) Süßes Unrecht gar als Inbegriff der irdischen Seligkeit (2.1) für Moritz. Doch Melchior der Handelnde, will kein Almosen und wird wie bei Shakespeare über das zarte Nein ein warmes Ja interpretiert. Moritz gelingt es nicht aus dem Grübeln zu kommen, seine Schulleistungen liegen brach, er wird nicht promoviert (versetzt), denkt an Flucht nach Amerika, entscheidet sich für die Flucht aus dem Leben.
Melchior begegnet der unaufgeklärten Wendla, diese erregt ihn, in dem sie ihn bittet, sie zu schlagen, eine sadomasochistische Ausprägung bei Wedekind, und während eines Folgetreffens im Heu verführen die beiden sich. Melchior wurde nach dem Freitod Moritz von der Schule verwiesen, weil er als Auslöser der Verzweifelungstat angesehen wurde, allerdings als Mittel zum Zwecke der Reinhaltung der Schule wie der Lehrer. Seine Eltern zogen eine Besserungsanstalt in Erwägung, Melchior flieht, Wendla ist schwanger, eine von einer Nachbarin initiierte Abtreibung überlebt sie nicht.
Melchiors Flucht aus dem Besserungsheim zwingt zum Besuch des Friedhofs. Er fühlt sich schuldig am Tode Wendlas, er sucht ihr Grab und begegnet Moritz, er trägt seinen Kopf unter dem Arm. (heute noch ein Sprichwort) Die beiden Freunde sehen sich wieder, Moritz fühlt sich allein und preist den Tod, versucht Melchior zu bewegen, ihm die Hand zu geben, damit er folge. Doch Melchior weigert sich, glaubt den Worten nicht und unerwartet und zufällig erscheint ein vermummter Herr, offeriert mephistophelesk das Leben und trotz erstem Unglauben entscheidet sich Melchior für das Leben. Einzig er überlebt eine Kindertragödie, wie der Untertitel in Wedekinds bewegtem Drama ist.
Sein Werk wurde zensiert, erst 1912 wurde es aufgeführt, selbst da noch gemildert. Peter Zadeck brachte mit der Aufführung auf Bremens Bühne Wedekind erneut in den Blickpunkt und erkannte die Aktualität des Stücks.
Wedekind selbst wurde von Büchner inspiriert. Sein Bild von der Religiosität in der Gesellschaft und deren Umgang damit entstammt aus dieser Auseinandersetzung. Büchners Lenz fügte sich fromm zu lauter Frommen und ihm wurde einsam. Wedekinds Pubertierende suchten aus der Leere nach der Fülle des Lebens, lieber sich im Furchtbaren einrichten, als nichts zu ein. Wedekind beschreibt die Schule als grotesk, die Namen der Lehrer werden ins Lächerliche transferiert. Die Lehrer scheinen Bewahrer des Toten, der geregelten Gesellschaft, als Verhinderer eines Wandels. In der Familie (3.1) zeigt sich der Widerstreit zwischen Natur und Vernunft, zwischen Blut und öffentlicher Moral, zwischen Mutter und Vater. Wissen und Wollen als Basis eigener Verantwortlichkeit, entscheiden im Sinne von Prinzip gemäß toter Buchstaben im Gegensatz zur Liebe, Verständnis und Lebensbegleitung. Erst als das Vergehen der Vergewaltigung klar ist, gewinnt die Moral als überhöhte Instanz das Recht. Der vermummte Herr fasst es zusammen: Moral ist das Produkt der imaginären Größen aus Sollen und Wollen.
Moritz aus dem Grabe ist die Verkörperung des Todes am Modell Nietzsche. Man hat den Tod nahe genug, um sich nicht vor dem Leben fürchten zu müssen. So ist Moritz als Metapher für Melchior genau die Botschaft, dem vermummten Herrn zu folgen.
Wedekind hat sicher Musil zum Törleß und beide dann Robert Walser zu Jakob von Gunten inspiriert. Die Unendlichkeit im Denken und Sehen tritt sowohl bei Wedekind wie bei Musil auf, letztendlich finden wir sie in Nietzsches Morgenröthe: Unendlichkeit des Erkennens und damit im unendlichen Prozess der Selbsterkenntnis. Es gibt damit nur Annäherungen an sich selbst. Mit Nietzsches Philosophie im Kopf ist Wedekind Anstifter zu diesem Abenteuer des Frühlings Erwachen.
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