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32 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Fritzi Haberlandt ist Doris, das kunstseidene Mädchen, 27. April 2005
Mit Fritzi Haberlandt haben sich wirklich Werk und Sprecher gefunden. Seit einiger Zeit bin ich Hörbuch-Fan und muss sagen, dass sich hier die Vertonung besonders gelohnt hat! Ich habe beim Hören nicht Fritzi Haberlandt vor mir gesehen, sondern die dunkelhaarige, pelzmantelbewehrte junge Doris. Die Art dieses Buch vorzulesen haucht der Ich-Erzählerin Doris wirklich Leben ein. Freude, Trauer, Langeweile, alles wird durch das Vorlesen Fritzi Haberlandts sehr natürlich und fast intim ausgedrückt. Genauso müsste das Mädchen Doris gedacht und gesprochen haben. Dieses Buch ist auch deshalb sehr interessant, weil es einen guten Eindruck vermittelt, wie das Leben der (einfachen) Bevölkerung kurz vor dem Dritten Reich aussah. Doris trifft auf ihrer Odyssee auf viele verschiedene Menschentypen und damit schafft Irmgard Keun ein Bild der Gesellschaft um 1930. Man erfährt Wünsche und Sorgen und die Überlebensstrategien von (Großstadt-) Menschen in einer von Arbeitslosigkeit und Orientierungslosigkeit gekennzeichneten Zeit.
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30 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein Glanz!, 15. September 2006
Diese Doris habe ich ins Herz geschlossen, kaum dass ich die erste Seite von Irmgard Keuns "Kunstseidenem Mädchen" umgeblättert habe. Sie erzählt ihr Leben, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, ihre Sicht auf die Welt, und ganz nebenbei, man bemerkt es kaum, blitzt ihr widersprüchlicher Charakter durch: Sie ist gewitzt und naiv zugleich, gewitzt und rührend hilflos, ihre Menschenkenntnis ist stupend, und sie kann eiskalt kalkulieren und ist doch immer wieder warmherzig, und in ihrer schnoddrigen Sprache blitzt mehr als einmal ein wunderbarer Sinn für Poesie durch.
Worum geht's? -- Doris, eine kleine "Tippse" im Anwaltsbüro, träumt davon, "ein Glanz" zu werden. Und dieses Ziel verfolgt sie mit allen Winkelzügen, die sie auf Lager hat. Nur ein Beispiel unter vielen, aber eines der hinreißendsten: Als kleine Statistin noch am heimischen Theater macht sie den hochnäsigen Kolleginnen weis, sie genieße die besondere Protektion des Direktors, mit einem scheinbar achtlos hingeworfenen "Ich kann Leo ja heute abend mal fragen, ob er 'na' gesagt hat" -- denn darum dreht sich grad eine hitzige Diskussion. Diese schwierige Rolle -- der Direktor darf ja schließlich nichts von alledem erfahren -- spielt sie mit Bravour, was u.a. das Gerücht in die Welt setzt, der Direktor besitze drei Pyjamas aus Crepe de Chine mit Rosenmuster...
Aber dann sieht Doris in der Theatergarderobe diesen wunderschönen Feh-Mantel, zu dem sie eine regelrechte Liebesbeziehung entwickeln wird. Sie maust ihn -- und nun wird ihr klar, sie ist eine Kriminelle (sogar in dieser Selbsteinschätzung ist sie rührend), muss vor der Polizei fliehen, und kommt im Berlin der frühen 30er Jahre an, mit all seinem Glanz und all seinem Elend: "Berlin senkte sich auf mich wie eine Steppdecke mit feurigen Blumen". Doris nimmt die Stadt, ihre Poesie und ihre Brutalität, ihre vielen verschiedenen Bewohner aller Gesellschaftsschichten mit allen Sinnen auf: "Es gibt eine Untergrundbahn, die ist wie ein beleuchteter Sarg auf Schienen [...]. Es ist sehr interessant und geht schnell." So geht es los, das abenteuerliche Leben in der Hauptstadt. Mit wenigen Worten charakterisiert sie ihre mehr oder weniger flüchtigen Gegenüber: Es gibt da z.B. eine reiche "Onyxfamilie", das "Pickelgesicht", den "Zwickermann", den "Schmiß"... und dann "das grüne Moos", denn der Mann hat "eine Stimme wie dunkelgrünes Moos".
Doris lernt die Stadt und ihre Bewohner in all ihrer Verschiedenheit kennen schlägt sich wacker durch: als Kindermädchen bei der "Onyxfamilie mit ihren widerwärtigen Kindern", als halbverhungerte Gelegenheitsprostituierte ebenso wie als Geliebte eines spendablen Fabrikanten.
Sie sieht hinter die Fassaden, findet sogar die große Liebe -- aber die beruht nicht auf Gegenseitigkeit, wie sie feststellen muss. Und Kompromisse geht sie nicht ein. Verbittert ist sie nicht, im Gegenteil: Sie versucht sogar hier noch, die Welt ihres vergeblich Geliebten wieder in Ordnung zu bringen. Andererseits: Sie hat ihre Schlüsse gezogen aus ihren Erlebnissen, durchschaut die Situation -- einerseits: "Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an.", lautet ihr Fazit im Wartesaal vom Bahnhof Zoo. Wie es weitergehen wird mit ihr, bleibt offen, doch mehr oder weniger abenteuerliche Pläne hat sie immer noch jede Menge. Doris platzt vor Zuversicht, den Leser plagen mitleidige Zweifel.
Das Faszinierende dieses Romans ist die Sprache, in der er geschrieben ist: Man liest Doris' Tagebuch, und dem vertraut sie ihre Erlebnisse und Überlegungen genau an, wie eine richtige Chronistin. Das tut sie in ihrer ureigenen Sprache -- fernab vom hochdeutschen Standard, aber mit viel Poesie; anschaulicher geht's nimmer. Eine der rührendsten Passagen des Buches ist denn auch die, in der sie dem kriegsblinden Herrn Brenner ihre Sicht schenkt: "Ich packe meine Augen aus -- was sah ich denn noch?" Und dann legt sie los, liefert atemlose Stakkato-Berichte über das ebenso atemlose Großstadtleben. Berlin 1931/32, wie man es noch nie wahrgenommen hat, denn Doris packt nicht nur für den armen Brenner die Augen aus, sondern für jeden Leser.
Ein Kronjuwel der Neuen Sachlichkeit, ein Berlin-Roman der ganz besonderen Art. Ein Glanz!
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15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Zeitkritik, Witz, Charme - die 20er leben in diesem Buch!, 30. August 2006
Irmagard Keun stand auf der schwarzen Liste der NS-Zensur, ihr Schaffen galt als "Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz". Um damals in Deutschland weiterhin publizieren zu dürfen, musste man Mitglied in der Reichsschrifttumkammer sein. Doch Keun entschied sich dazu, in ihrem Roman "Nach Mitternacht" schließlich eine düstere Sittengeschichte des dritten Reiches zu zeichnen. Keun verbrachte ihr Exil zunächst in Holland, als der Krieg begann, kehrte sie unerlaubt - aber auch unerkannt - nach Deutschland zurück.
Das klingt nach der Lebensgeschichte einer mutigen, selbstbewussten Frau, nicht wahr?
Solchermaßen chaotisch, aber auch so mutig erscheint auch die freche Heldin Doris aus dem Roman "Das kunstseidene Mädchen". Doris hat ihr Leben als Sekretärin satt; da sie die Avancen des aufdringlichen Chefs nicht erwidert, wird sie entlassen. Sich am Theater verdingend stiehlt sie einen Pelzmantel und flieht nach Berlin. Berlin, in den 20ern ja der Nabel der Welt, glänzt - und Doris möchte eben auch "ein Glanz" sein.
Sie hat sich verabschiedet von romantischer Liebe - sie lebt die Augenblicke, lässt sich von Männern aushalten, benutzt sie auch.
"Hast du micht nicht auch ein bisschen lieb, meine Taube, und nicht nur mein Geld?" fragt er voll Angst - und das rührt mich so, dass ich ihn wirklich ein bisschen lieb habe."
Die Heldin bleibt aufgrund dieser sehr natürlichen Art, ihres Charmes und Esprits aber immer sympathisch.
"Herr Brenner - sehen Sie, man sollte nie Kunstseide tragen mit einem Mann, die zerknautscht dann so schnell, und wie sieht man aus dann nach sieben reellen Küssen und Gegenküssen?"
"Tilli sagt: Männer sind nichts als sinnlich und wollen nur das. Aber ich sage: Tilli, Frauen sind auch manchmal sinnlich und wollen auch manchmal nur das. Und das kommt dann auf eins raus. Denn ich will manchmal einen, dass ich am Morgen ganz zerkracht und zerküsst und tot aufwache und keine Kraft mehr habe zu Gedanken und nur auf wunderbare Art müde bin und ausgeruht."
Insbesondere die unverbrauchte, sehr frische Sprache besticht in Keuns Buch. Dieser unglaubliche Sprachwitz, mit dem die "Berliner Schnauze" soziale und politische Missstände der Zeit entlarvt, lässt einen immer und immer wieder schmunzeln. Der naive Blick der Heldin ist ein rührendes aber manchmal auch schonungsloses Zeitportrait der Weimarer Republik.
Der der Roman ist auch das Portrait einer selbstbwussten jungen Frau - verpackt in eine unglaublich echte, direkte Sprache. Dieses Buch ist sicher noch in 100 Jahren alles andere als angestaubt.
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