Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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71 von 74 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der Klimawandel der Gesellschaft, 11. Mai 2008
Vorneweg: ich selbst bin Nachhaltigkeitsforscher mit wirtschafts- und sozialwissenschaftlichem Hintergrund, kein "unbefangener" Leser. Ich kann meinen Vor-Rezensenten gut verstehen, wenn er die Fachsprache bei Harald Welzer negativ anmahnt. Für alle, die sich beruflich mit dem Thema Klimawandel befassen (sei es als Politiker oder Wissenschaftler) ist dieses Buch allerdings eine absolute Pflichtlektüre.
Harald Welzer bemisst hier die Folgen des Klimwandels nicht in Zentimetern ansteigenden Meeresspiegels, sondern im Ausmaß von Gewalt als gesellschaftliche Reaktion darauf -- im Luhmannschen Sinne könnte vom "Klimawandel der Gesellschaft" gesprochen werden. Gewalt, so Welzers reichhaltig fundierte Hypothese, ist immer eine gesellschaftliche Option auf Veränderungen gewesen und wird es auch in Zukunft sein. Dabei kann Gewalt nicht nur in Entwicklungs- und Schwellenländern in Folge des Klimawandels auftreten (z.B. in Ressourcenkriegen wie in Darfur), sondern durchaus auch in der so genannten Ersten Welt, durch Abschottung vor Migranten, der Verlagerung von Grenzkontrollen in deren Herkunftsländer, durch eine immer stärkere Sicherheitsüberwachung und Einschränkung bürgerlicher Freiheiten.
Im Gegensatz zu vielen naturwissenschaftlichen Beschreibungen des Klimawandels legt Welzer den Finger auf die Wunde der Gesellschaft. Seine Schlussfolgerungen, welche Handlungsoptionen uns bleiben, sind denn auch realistischer als das platte "weniger Auto fahren" manch anderer Autoren. Sein Schlusswort ist dabei zweigeteilt. Zum einen für den optimistischen Leser, der sich -- nach einer sehr ernüchternden Lektüre -- an Begriffen wir reflexiver Moderne und guter (= nachhaltiger) Gesellschaft wieder aufrichten kann. Zum anderen für den Leser, der die Hoffnung hat fahren lassen. Dazu mag vielleicht auch Welzer selbst gehören, zeichnet er doch das Ende der Aufklärung, die an sich selbst zu Grunde gegangen sein wird.
Aber wie schreibt Welzer zu Beginn; "Manche Bücher werden in der Hoffnung geschrieben, dass sie sich irren."
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52 von 59 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Kriegsgrund Klimawandel?, 7. Juni 2008
Als Bedrohung für die nationale Sicherheit wird der Klimawandel unterschätzt und meist mit noch geringeren Budgets als der Kampf gegen den Terrorismus bedacht, doch sind es nicht Präventivmaßnahmen wie Förderungen für Passivhäuser oder Partikelfilter, die damit gemeint sind, sondern Katastrophenschutzmaßnahmen, die Möglichkeiten im schlimmsten Fall zumindest adäquat reagieren zu können. Naturkatastrophen wie der Hurrikan Katrina beweisen dass auch in den Industriestaaten eine gewisse Arglosigkeit herrscht und selbst für bekannte Bedrohungsszenarien kaum Notfallpläne in den Schubladen vorhanden sind. Man sollte aus den Fehler der Vergangenheit doch etwas lernen? So sieht das zumindest der Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, Harald Welzer und hat sich in "Klimakriege" mit durch den Klimawandel verstärkten Konfliktpotentialen befasst.
Bereits das Titelbild zeigt die 1909 vor Namibia auf Grund gelaufene "Eduard Bohlen", welche sich heute einige hundert Meter vom Meer entfernt befindet. Das Klima unserer Erde ist einem beständigen Wandel unterworfen, ob wohin dieser auch immer führen mag und wer ihn zu verschulden hat. Doch genau dieser Wandel, sorgt seit jeher für demographische Bewegungen und die Verschärfung regionaler Konflikte, die sich nicht selten in Bürgerkriegen und Massakern entladen. Wenn das Weideland zurückgeht und die Bevölkerung explosionsartig anwächst, sich aber nicht mehr ernähren kann, geraten womöglich Minderheiten ins Visier der aufgebrachten Massen. Nicht das Klima an sich, aber die Begleiterscheinungen sind entscheidende Faktoren, die das neutrale Zusammenleben von nomadischen Viehzüchtern und sesshaften Bauern bedrohen können. Harald Welzer nutzt diese Szenarien nur als Beispiele, um die Bedeutung des Klimas als Einflussfaktor auf die nationale und regionale Sicherheit zu verdeutlichen.
Erste Klimaflüchtlinge ortet er in Nordafrika wo Millionen hoffen in die europäischen Staaten emigrieren zu können, während in ihren Heimaten politische Konflikte, Arbeitslosigkeit und schwindende Ernteerträge ihr Leben bedrohen. Währenddessen könnte Nordeuropa sogar vom Klimawandel profitieren, auch wenn Skiorte eindeutig mit Tourismuseinbußen rechnen müssen. Gegen Naturkatastrophen könnten wir uns wappnen, denn es sind meist nicht Natur- sondern soziale Katastrophen die sich im Ernstfall offenbaren, wenn schlicht nichts unternommen wurde diese zu verhindern oder Szenarien für den Notfall zu erproben.
Als Autor von Werken wie "Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden" gibt Harald Welzer in "Klimakriege" auch einen sehr eindrucksvollen Einblick in die Moral des Tötens. Der Zweck heiligt gewissermaßen die Mittel, rückblickende Reue verleiht den Tätern Absolution und macht sie wieder menschlich. "Erst illusionslose Betrachtungen ermöglichen es, aus der tödlichen Logik der Sachzwänge auszusteigen - wie sie sich etwa in falschen Alternativen wie der zeigt, ob man nun aus Gründen des Klimaschutzes auf verbesserte Kohlekraftwerke oder doch lieber auf die Atomkraft setzt." (Seite 261-262) Klimakriege ist kein Buch für Optimisten, denn es soll bewusst illusionslose Betrachtungen fördern und zum Nachdenken anregen.
Fazit:
Das Konzept funktioniert, ein Autor der sich zuvor vorwiegend mit den Massenmorden gewöhnlicher Mitläufer im NS-Regime befasst hat, bringt diese mit der Tradition europäischer Kolonialpolitik in Einklang. Ein Buch, das überaus nachdenklich stimmt und die Frage stellt, welche Verbrechen der Klimawandel im 21. Jahrhundert möglich machen wird.
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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Klimakriege, 17. Juli 2008
Endlich ein Buch über die globale Erwärmung von einem Wissenschaftler einer nicht technischen Disziplin. Ein Buch eines Soziologen bzw. Sozialpsychologen über den Klimawandel.
Doch Vorsicht: Es ist keine populärwissenschaftliche leichte Lektüre im Stil von Al Gore, auch wenn der bebilderte Umschlag entsprechendes vermuten lässt.
Für die Gemeinde, die noch nicht wissen will, dass es wissenschaftlicher Konsens ist, dass menschlich verursachte Treibhausgase der Grund für den Klimawandel sind, sollte sich -man höre und staune- Wikipedia aufrufen und erst einmal Fakten lesen (http://de.wikipedia.org/wiki/Globale_Erwärmung). Wer sich mit dem Focus-Titel "Werden Sie Optimist" von Anfang Juli 2008 identifiziert, sollte anschliessend den Artikel über die Kontroverse um die globale Erwärmung in Wikipedia lesen (http://de.wikipedia.org/wiki/Kontroverse_um_die_globale_Erwärmung). Danach sollte man reif sein für die Klimakriege, natürlich nicht ohne jemals die unbequeme Wahrheit gesehen zu haben.
Das Buch ist eine Herausforderung für Otto Normalleser, welcher keine Vorkenntnisse aus der Soziologie oder Sozialpsychologie mitbringt. Das Buch weckt Interesse an der Soziologie, die im Stil von Harald Welzer im Anspruch der höheren Mathematik gleicht. Logische Zusammenhänge und immer schlüssige Folgerungen im überdimensionalen Zusammenhang meistert Herr Welzer, was mich immer ein wenig überforderte aber das macht den Reiz aus. Lesen Sie es und wenn sie nicht alles verstanden haben lesen sie es ein zweites Mal.
Verzeihen Sie es Herrn Welzer dass er sich beim zweiten Weltkrieg etwas verliert und ziemlich weit ausholt.
Der Schlusssatz ist schockierend und es wir einem schlagartig klar, dass das ganze Buch auf dieses Fazit hingearbeitet hat.
Herr Welzer hofft, dass "der Autor Unrecht behält". Ich denke der Autor wird nicht Unrecht behalten, denn Herr Welzer hat den Durchblick. "Optimismus ist lediglich ein Mangel an Informationen" wird Heiner Müller zitiert.
An einigen Stellen bezieht sich Welzer auf 'Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste', Erstauflage 1956. Die im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) tätigen Geologen Henno Martin und Hermann Korn flohen 1939 aus Furcht vor der drohenden Internierung als 'feindliche Ausländer' in die Namib und kämpften dort mehr als zwei Jahre um das nackte Überleben. Wenn sie nicht mit Jagen oder Nahrungsmittelsuche beschäftigt waren hörten sie über ihr Transistorradio die Grausamkeiten des Krieges und machen sich Gedanken über die Entwicklung der Menscheit.
Welzer unterstreicht seine Theorie mit der Praxiserfahrung der beiden - Gedanken, die aus einem extremen Überlebenskampf entstanden sind, hier ein Auszug aus dem Buch von Henno Martin:
"Allmählich wurde unsere Welt immer trockener und trostloser. Oft fragten wir uns, ob Grausamkeit auch eine Grundeigenschaft des Lebens sei. War das Leben nicht überall der Feind des Lebens? Nun, bei uns war die vermehrte Grausamkeit eine Folge der Trockenheit. Der verschäfte Existenzkampf bedingte die Grausamkeit; wir mussten unsererseits mit Grausamkeit antworten, wenn wir uns nicht selbst aufgeben wollten."
Schlussanmerkung zum Titelbild der Edward Bohlen in der Namib-Wüste:
Namibia's Küste südlich von Walvis Bay wächst jährlich um bis zu 25 Meter ins Meer, aber nur zum kleineren Teil aufgrund der globalen Erwärmung. Tatsächlich befördert der aus der Antarktis nach Norden strömende Benguela-Strom den durch den massiven Offshore-Abbau von Diamanten im Gebiet um Oranjemund aufgewirbelten Sand Richtung Namiba. Hierdurch wächst die Wüste vom Meer her. Schade dass Herr Welzer hier kein passendes Photo gefunden hat, geeigneter wäre ein Schiff des Aralsees o.ä. gewesen.
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