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48 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eine literarische Sternstunde, 19. Oktober 2009
Der Titel von Richard Powers neuem Roman, "Das größere Glück", ist bezeichnend für den Zustand des Lesers bei der Lektüre dieses Buches.
Ein bewusst aktiver allwissender Erzähler beginnt die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der am Weg zu seiner ersten Unterrichtsstunde an einem College in Chicago ist. Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass der Erzähler dieses Romans eine ganz besondere Funktion hat, die weit über das Erzählen per se hinausgeht.
In Russell Stones Klasse findet sich auch die junge Berberin Thassadit Amzwar ein, die sehr bald Dank ihrer Ausstrahlung von ihren Kameraden nur mehr Miss Generosity genannt wird. Ihre sonnige und strahlende Persönlichkeit scheint trotz ihrer harten Vergangenheit im Algerienkrieg und dem Verlust ihrer Eltern keine Traurigkeit zu kennen. Nicht nur das ist auffallend, sondern auch der Umstand, dass jeder, der mit Thassadit Amzwar in Berührung kommt von ihrer Stimmung angesteckt wird.
Russell Stone beginnt sich um seine ungewöhnliche Studentin Sorgen zu machen und konsultiert eine psychologische Beraterin, Candance Weld. Eine erste auf Vermutungen und Beobachtungen basierende Diagnose scheint in Richtung Hyperthymie zu deuten. Während sich zwischen Stone und Weld langsam eine Beziehung anbahnt, wird Thassadit Amzwar nach einem Durchsickern der Information über die vermeintliche Diagnose zum Objekt der medialen und wissenschaftlichen Begierde.
Richard Powers führt zu diesem Zweck den Wissenschaftler Thomas Kurton ein, der sich mit der Idee beschäftigt, in Zukunft die Gene der Kinder manipulieren zu können, um unangenehme Seiten rechtzeitig entsorgen zu können. Sein Ziel, eine glückliche Menschheit ohne genetische Defekte. Sein Weg ist schmierig und mit allen Mitteln.
Eine weitere Protagonistin, die mit Verlauf des Romans immer größere Wichtigkeit erhält, ist Tonia Schiff, quasi Amerikas heißestes Eisen in der wissenschaftlichen Fernsehbranche.
Thassadit Amzwar ist nun die Gejagte, die eigentlich nur ihr Leben zurückhaben möchte. In einem Akt der Verzweiflung, erlaubt sie ein Aufeinandertreffen mit Thomas Kurton in Oonas Talkshow, "der wichtigsten Talkshow Amerikas". Durch den durch Manipulation erreichten Zustand des Publikums wird ihr Auftritt zu einer Art Skandal.
Mehr möchte ich über die Handlung nicht verraten, da ich sonst zu viel von dem verraten würde, was der Leser auf seinem Weg selbst entdecken muss.
Beeindruckend ist die von Richard Powers geschaffene literarische Welt, die eine ganz eigenartige Verbindung von Wissenschaft und Fiktion als Ausgangspunkt hat. Eine sehr intellektuelle Art der Fiktion, die, wenn man sich daran gewöhnt, subtil berührt.
Was in "Das größere Glück" aber das Tüpfelchen auf dem "i" ist, ist die Erzählstruktur. "Das größere Glück" ist nämlich auch ein Roman über das Schreiben. Immer wieder greift der Erzähler, der nicht unbedingt der Autor ist, ein, verschiebt die zeitliche Wahrnehmung und Abfolge, stellt einen Protagonisten in Manier einer Spielfigur zur Seite und verstärkt so auch das fast surreal albtraumhafte Gefühl der permanenten Manipulation. Dieser Erzähler vermittelt auch von Zeit zu Zeit da Gefühl, selbst nicht zu wissen, was eigentlich jetzt passieren wird, bzw. in welche Richtung er die Geschichte weiterentwickeln wird. Ob passiv oder aktive Teilnahme; Richard Powers lässt da immer wieder einen schönen Spielraum frei. Davon abgesehen erzählt der Roman eine zärtlich leidenschaftliche Liebesgeschichte und führt in einer rasant spannenden Koda auf ein so unerwartetes Ende zu, dass man das Buch sprachlos zuklappt.
Auch wenn dieses Ende vielleicht ein sehr bewusst gesetzter literarischer Zaubertrick ist, so ist das doch der Punkt, der diesem grandiosen Roman die letzte Stufe zur literarischen Sternstunde öffnet. "Das größere Glück" ist ein in jeder Hinsicht riesiges Glück für den Leser, eines der absolut besten Bücher der letzten Jahre.
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23 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Normalität oder Fortschrittsglaube, das ist hier die Frage!, 25. Oktober 2009
Was ist das Glück?
Bewegt diese Frage nicht Philosophen, Mystiker und Kleriker seit eh und je?
Richard Powers macht den Versuch, in seinem neuen Buch das Thema "Glück" auf vielfältige Weise zu umkreisen.
Protagonistin seines Versuchs ist Thassadit Amzwar, eine aus Algerien stammende Schülerin des kreativen Schreibkurses von Russel Stone in Chicago. Sie ist vor den Gräueln des Krieges in Algerien, in dem sie ihre Eltern verloren hat, nach Amerika geflohen. Ihrem Schicksal trotzend strahlt sie vor Glück und Zufriedenheit, ist heiter und ausgeglichen. Ihr Lehrer Russel Stone hingegen ist ein glückloser Schriftsteller, der sich mit Lektoraten und journalistischen Arbeiten durchs Leben schlägt. Umso erstaunter und tiefer bewegt ihn die glückliche Natur seiner Schülerin, die alle in ihren sorglosen und heiteren Bann schlägt.
"Glückliche Menschen müssen etwas kennen, das niemand anderer kennt. Irgendein Geheimnis des Lebendigseins, hart erarbeitet und rätselhaft, aber außer Reichweite." ( S. 74)
So umschreibt Russel sein Erstaunen über seine Schülerin, und bis hierher bewegt sich die Geschichte im Rahmen des Menschlichen.
Ein übergeordneter Erzähler scheint von außen dem Treiben der Helden im Buch zuzuschauen. Denn nun beginnt Thassadits Geschichte auch die Wissenschaft in Gestalt von Gen- und Glücksforschern zu interessieren. Es beginnt eine Odyssee, in der sie zum Studienobjekt wird, wahrlich nicht immer zu ihrer Freude!
In schneller Folge, die zuweilen etwas verwirrend ist, bekommt die Erzählung Tempo und entwickelt sich zu einer Mischung aus Reality Show und Science Fiction. Forscher, Medienstars und die Psychologin Candace Weld bereiten das Feld, um uns in die Welt der erhofften Zukunftsvisionen zu entführen. Die Möglichkeiten der Biotechnologie führen uns schauerlich vor Augen, wohin uns die Suche nach dem Glück bringen könnte. Neurose und Fortschrittsglaube contra Normalität und reines Gemüt. Klar und selbstverständlich bleiben einige der ansonsten recht verrückten Gestalten, die uns zu einem versöhnlichen Ende führen. Etwas surreal mutet die Geschichte an, wenn uns der von außen geschickte Erzähler / Betrachter an seinen Fantasien teilhaben lässt. Nicht zuletzt ist es die hohe Kunst des Erzählens, die uns hier vorgeführt wird.
Richard Powers, der überragende Berichterstatter des schönen Buches vom "Klang der Zeit," beweist erneut seine Fabulierkunst und gibt uns Anregungen, über Glück und Unglück zu meditieren. Ist alles nur Vererbung oder manipulierbar?
Der Leser möge selber schauen, welche Schlüsse er aus dem Roman ziehen möchte!
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
C3-16f: Der Jackpot des Glücks, 30. Januar 2010
Glück, ein äußerst vielschichtiger Begriff, dessen wahrgenommene Existenz entscheidend von den Augen seines Betrachters abhängig ist.
Gerade in unserer heutigen Leistungsgesellschaft nimmt das subjektive Glücksstreben einen immer höheren Stellenwert für den Einzelnen ein. Dessen Förderung ist vielfältiger Gegenstand von Forschung und Beratung unter soziologischen, philosophischen, psychotherapeutischen und neurobiologischen Gesichtspunkten. So meinte man zum Beispiel nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms auch dem Glücksgen auf dem 17. Chromosom auf die Spur gekommen zu sein, das dort durch Beeinflussung des Serotonin- und Dopamintransports im Gehirn den Träger vor Stress und Depressionen schützt. Fortan, so die Schlagzeile, sei es ein Leichtes, allzeit gesunde und glückliche Menschen zu "erzeugen". Zwar konnte sich diese Behauptung nicht manifestieren, aber Powers, gelernter Physiker und Informatiker, verarbeitet diese wissenschaftlich Entdeckung in seinem jüngsten, äußerst komplexen Roman.
Der Autor siedelt die Handlung in einer nicht näher definierten Zukunft in Chicago oder eher einem Parallel-Chicago an. Im Mittelpunkt des über 400 Seiten starken Plots steht Thassadit Amzwar, eine junge Berberin aus Algerien und Studentin. Trotz tragischer persönlicher Schicksalsschläge ist sie eine durch und durch fröhliche, lebensbejahende junge Frau. Durch ihre fast unheimliche Zufriedenheit und intensive Glücksausstrahlung fällt sie Russell Stone, ihrem Dozenten für kreatives Schreiben, auf. Fasziniert von ihrer Persönlichkeit, gleichzeitig jedoch beunruhigt von ihrem ansteckenden Frohsinns, tippt er auf eine Krankheit: Hyperthymie.
Stone zieht die am gleichen College beschäftigte Psychologin Candace Weld zu Rate. Dabei kommen sich beide näher. Gleichzeitig entwickeln beide zu Thassadit ein tief freundschaftliches, ja beinahe elterliches Verhältnis.
Doch das angeborene Stimmungshoch der Berberin dringt an die Öffentlichkeit und löst einen unglaublichen Medienhype aus. Sie wird in Talkshows herumgereicht und Forschungsgegenstand des Stargenetikers Dr. Thomas Kurton.
Langsam verwandelt sich das große Glück in ein zunehmendes Unglück.
Erneut wartet Powers mit einem raffinierten, doppelbödigen Plot auf, der auf mehreren Ebenen agiert und in den er verschieden stark kontrastierende Handlungsfäden einwebt. So offenbart die alles überspannende Rahmenhandlung das Aufzeigen des nicht immer einfachen Weges eines Schriftstellers von der Idee bis zur Fertigstellung seines Romans, sein ständiges Ringen, seine Zweifel, aber und vor allem auch die Einsamkeit , die über allem liegt. Powers gibt diesen Part einem namenlosen Ich-Erzähler, der vor allem zu Beginn und am Ende des Romans als Art Figurenerfinder eingesetzt wird. Im Mittelteil des Buches hält sich dieser fast gänzlich aus dem Geschehen heraus und kehrt nur gelegentlich als "Wirklichkeitsinformant" zurück
Den größten Teil der Handlung nimmt die teilweise sehr konträre Dialogführung von Wissenschaft und Literatur ein. Powers stellt die beiden Lager gegenüber und versucht immer wieder die Frage zu beantworten, wessen Sichtweise die Wirklichkeit genauer erfasst.
Fazit:
Entstanden ist ein äußerst intellektuelles Buch, das mit einer detailversessenen und überbordenden Fülle fachspezifischer Kenntnisse aus dem Bereich der Genetik und Biotechnologie aufwartet. Kurze, beinahe wie aus einem Blog gerissene Satzsequenzen wechseln sich mit längeren, beschreibenden Abschnitten ab. Die Sprache ist geschliffen und kraftvoll, jedoch relativ kühl und distanziert. Aber gerade dadurch wird die scharfsinnige Sezierung des Gesellschaftszustandes verstärkt.
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