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14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Schönbergs Stuhl und andere Abgründe, 10. Oktober 2007
Man denkt zuerst, dass darf der doch gar nicht! Man darf doch nicht als Autor von heute sich in die Köpfe von Brecht, Feuchtwanger, Werfel, Thomas Mann etc hineinbegeben und innere Monologe, ja sogar von ihnen geschriebene Erzählungen erfinden. Aber der Sprachkünstler Lentz schafft das ohne Anbiederei, schafft auch ohne den Zwang zur durchgängigen Handlung ganz wunderbare Porträts der Künstler im Exil. Das ist oft saukomisch und eigentlich immer anrührend. Dass es manchmal langatmig wirkt, ist bestimmt dem Umstand geschuldet, dass da lauter Genies auf einen hineinmonologisieren, und das hat man nun mal nicht täglich. Ein fantastischer Roman, völlig unverständlich, dass er nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises kam!
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17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Dem Bertolt Brecht beim Denken zuhören, 4. November 2007
Tolle Idee, denkt man, aber kann das funktionieren? Michael Lentz hat in "Pazifik Exil" das Leben deutscher ausgewanderter Geistesgrößen zu einem Roman verarbeitet. Nein, das reicht nicht: Michael Lentz hat einen Roman geschrieben mit dem Titel "Pazifik Exil" in dem die deutschen Ausgewanderten Bertolt Brecht, Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Thomas Mann, Heinrich Mann und Arnold Schönberg die Charaktere sind. So muss es heißen!
Sie sitzen allesamt in einem völlig fremden Land und bilden eine eigenartige entwurzelte Schicksalsgemeinschaft. Sie gehen ihren alten und ihren neuen Gewohnheiten nach, sie besuchen sich auf ihren Partys, sie pflegen ihre alten Eitelkeiten, Freund- und Feindschaften, sie werden alt - und sie scheinen so ganz entsetzlich überflüssig. Die Geschichte hat sie an die sonnenverwöhnten Strände Kaliforniens gespült, ausgerechnet in die Nähe von Hollywood, wo eine neue Medienwelt entsteht, an die sie, auf der Flucht vor der alten, keinen Anschluss mehr finden sollten. Sie bewegen sich in dieser modernen Welt wie Dinosaurier aus einem anderen Zeitalter, beispielsweise wenn Bert Brecht darauf besteht, zu einer Party zu Fuß zu gelangen, und dabei die Dimensionen und die Infrastruktur vollkommen unterschätzt. Nein, wir können es uns nicht so recht ausmalen, wie ein Thomas Mann mit Hut und Zigarre unter Palmen mit Schönberg schwadroniert und ihm seinen Ohrensessel abschwatzt, in dem er dann den Doktor Faustus schreiben soll.
Und deshalb ist es so genial! Es hat fast etwas Unanständiges, bei all diesen erfundenen Szenen anwesend zu sein und unseren vertrauten Gestalten über die Schulter zu gucken. Allein schon dafür hat sich der Roman gelohnt. Wie aber ist es gemacht?
Michael Lentz umschifft spielend das Problem der historischen Genauigkeit, indem er sie einfach in den Wind schreibt. Diese Nonchalance gibt Lentz' Prosa eine enorme Freiheit und Spielfreude. Er lässt sie alle einfach daherkommen und losschwatzen, den Bertolt und den Heinrich, den Arnold und den Thomas. Und nicht nur das, wir nehmen auch an ihrem Innenleben teil und hören ihren Gedanken bis in die letzten Verästelungen im O-Ton zu.
Natürlich steckt hier auch gleich der Haken, denn das will man sich dann doch nicht vorstellen, dass sie alle so dermaßen platt dahergedacht haben. All diese unsäglichen Eitelkeiten. All diese Stammtischplattheiten. Dann wieder die schrecklich platten Deutungen und Interpretationen der politischen Lage in Deutschland. Da erklärt sich die geistige Elite Deutschlands den Nationalsozialismus, als ginge es um einen Beitrag zur Sendung mit der Maus. Also lieber Herr Lentz, bei aller Güte, das ist nun wirklich etwas peinlich.
Stilistisch schöpft das Buch aus dem großen Fundus der klassischen Moderne. Ein Kapitel über Brecht ist beispielsweise gänzlich im inneren Monolog Joycescher Manier gehalten. An anderer Stelle hört man deutlich Thomas Bernhard schimpfen. Dieses Spiel geht bis in einzelne Zitate von der Bibel über Gryphius und Schiller bis hin zu Zuckmayer. Gedichte und Texte von beispielsweise Brecht sind hingegen frei erfunden. Bewusst spielt Lentz auch mit Anachronismen, gebraucht beispielsweise den Begriff 'Paparazzi', als es ihn noch gar nicht gibt.
Dies alles soll uns zeigen: Dies ist nicht wirklich ein historischer Roman. Hier fungieren unsere Künstler nur als Material und Vorlagen für ein postmodernes Spiel um Authentizität und Freiheit, Zitat und Original, Eigenem und Fremden - was natürlich das Thema des Exils ist. Insgesamt eine lohnende und interessante Lektüre, die allerdings in einigen Passagen recht langweilig werden kann, was wohl an der Belanglosigkeit der Konzeption liegt. Man kann eben nicht beides haben: ironisches Augenzwinkern und literarisches Schwergewicht.
Thomas Reuter
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9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Literaten im Labor, 5. November 2007
Brecht, Werfel, die beiden Manns und die Feuchtwangers - alle sind sie an Bord dieser illustren und satirischen Ausfahrt. Wer einmal Faulkners Moskitos gelesen hat, weiss, dass es so etwas geben muss.
Na klar, immer wieder rufen wir uns in das Gedächtnis zurück dass Moskito Lentz seine brillanten Sticheleien nur erfunden hat, dass es seine Figuren geworden sind, die er in schrulligen Eitelkeiten posieren lässt - aber dann sind wir hilflos gegen das Gefühl, das vieles von dem was da steht genauso gewesen sein könnte, ja gewesen sein muss. Bert Brecht auf dem Wege zur Cocktailparty, ohne Schuhe, Thomas Mann posierend und das eigene Imago reflektierend vor dem Spiegel - pazifische Tiefe und eine Stimmung wie in den Geistessümpfen des Mississippi Deltas bei Faulkner.
Literatur(geschichten) einmal anders - lesenswert. Warum dann "nur" vier Sterne. Das ist Geschmackssache. Mir fehlte der Bezug zur historischen Epoche. Bei den genialen Einfällen von Michael Lentz wäre hier wahrscheinlich "noch einiges drin gewesen."
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