Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Ein wenig zäh, 6. April 2006
Coetzee erählt in Zeitlupe die Geschichte eines alternden Mannes (Paul Rayment), der bei einem tragischen Unfall sein Bein verliert. Die eigene Pflegebedürftigkeit führt ihn dazu, sein eigenes Leben zu hinterfragen, ohne es jedoch ernsthaft in Zweifel zu stellen. Dennoch offenbaren ihm 2 Frauen seine verpassten Chancen im Leben. Seine Pflegekraft Marijana weckt bei dem kinderlosen Fotografen die subtile Sehnsucht nach Familie und Verantwortung. Die von Paul angebotene Unterstützung für ihren Sohn Drago bringt ihre Beziehung zu Paul und zu ihrer eigenen Familie in Schwierigkeiten.Auf der anderen Seite taucht plötzlich eine alte Frau namens Costello auf und nistet sich in seiner Wohnung ein. Dadurch entsteht für Paul ein regelrechtes Wechselbad zwischen Bemutterung und proaktiver Lebensführung. Vergeblich versucht er - durch Bindung zur einen bzw. Trennung von der anderen - wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Am Ende arrangiert er sich halbwegs mit seiner Situation und findet einen für sich gangbaren Weg. Die Lektüre ist teilweise recht mühsam und erst am Ende erschliesst sich der Wert des Buches. 3 Sterne für eine schöne, nachdenkliche, aber auch etwas farblose Geschichte.
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Demütigung von außen und Selbstdemütigung von innen, 18. Dezember 2005
Der südafrikanische Nobelpreisträger hat nun endlich einen lange erwarteten Roman vorgelegt, „Slow Man“ im Original, der im Deutschen mit dem Titel „Zeitlupe“ übersetzt wurde. Zum Plot, der auf den ersten Blick wenig aufregend erscheint: Es ist die Geschichte eines ehemaligen Porträtfotografen, der Anfang 60 ist, Paul Rayments heißt und den wir in der ersten Passage des Buches sprichwörtlich in „Zeitlupe“ sehen und zwar bei einem Fahrradunfall. Er verliert das Bewusstsein und nach einer notwendig gewordenen Operation sein Bein, das es nicht lohnt, auf Grund seines Alters, aufwendig zu reparieren. Den Stumpf nennt er zunächst „Le jambon“, einen Schinken, später einen blinden Tiefseefisch. Wir erfahren, dass dieser Paul weder Familie, noch wahre Freunde hat. Er ist zwar ein kluger und kühler Charakter, der nicht lange jammert doch er befindet sich jedoch in dieser Krisensituation, seinem Leben und seinem Leiden gegenüber, in einer gewissen Form der Beziehungslosigkeit. Und in allem was passiert empfindet man als Leser eine Analogie zum Prozess des Alterns. Es ist eigentlich auch ein Buch über das Alter, über die Verminderung der physischen und psychologischen Existenz. Der physisch gewordene Prozess des Alterns, die Diskrepanz zwischen dem alten Körper und den Gefühlen, die noch nicht altern wollen, der Libido der nicht altern will, das gibt dem Buch doch in irgendeiner Form ein ganz untergründiges, graues, kaltes Pathos. Man kann sich jung fühlen, vergisst dabei aber, dass man für Jüngere schon eine Zumutung ist. Das ist übrigens ganz großartig geschrieben. Zunächst testet er zwei, drei Pflegerinnen, die ihm aber auf unterschiedliche Art tierisch auf die Nerven gehen. Dann tritt in sein Leben, als vermittelte Tagesschwester, die Kroatin Marijana Jokic. Sie besitzt einen pragmatischen Charme, stämmige Waden, einen straffen Po und ihr sonst matronenhaftes nicht unattraktives Aussehen wird für ihn schließlich zu einem Objekt der Begierde. Er sieht sie „stark wie eine Stute“. Sie lässt ihm alles, was sie an pflegerischen Fähigkeiten aufzubieten hat, angedeihen. In diese Frau, die glücklich verheiratet ist, drei Kinder hat, verliebt er sich oder ist vielleicht auch nur sexuelle scharf auf sie. Plötzlich haben wir dann zwei Formen des Liebens, der eine der immer noch erotisch lieben will, die andere, die die Pflege als konfuzianische Pflicht begreift und deshalb eigentlich nur die karitative Liebe sucht. Doch die Hoffnung auf Gegenliebe muss dieser Paul irgendwann aufgeben und er betrachtet Liebe dann nur noch als Sorge. Er will für den Sohn der kroatischen Tagschwester sorgen und hofft so wenigstens auf ein bisschen Gegenliebe. So ist dieses Buch schließlich nicht nur ein Buch der Demütigungen, der Demütigung des Unfalls und der des Alt werden, sondern auch der Selbstdemütigung, die von außen herangetragen wird, weil die Familie der Marijana seine Situation ausnutzt und ihn gnadenlos abzockt. Der Sohn wohnt bei ihm und plötzlich ist eine wertvolle Fotographie verschwunden. Doch der Protagonist setzt sich ins Unrecht, da er durch sein moralisches Fehlverhalten die intakte Familiensituation seiner Tagschwester zerstören kann. Das führt im Umkehrschluss dazu, dass alle anderen Personen ins Recht gesetzt werden. Und um das alles nun von außen zu begleiten, zu kommentieren, zu ironisieren, zu analysieren bringt Coetzee ab Seite 92 plötzlich eine alte Bekannte ins Spiel. Sie soll das aus den Fugen geratene Leben wieder richten, Paul zu einem Neuanfang bewegen. Es ist die, den Coetzee Lesern gut bekannte, australische, gut siebzig jährige Schriftstellerin Elizabeth Costello. Sie klingelt einfach und sagt hallo hier bin ich. Es wird nicht erklärt woher und warum sie kommt. Sie ist eine Art weibliches „Über-Ich“ des alternden Coetzee, sie ist sein Gewissen, was immer das ist. Sie ist mit Ideen beladen. Vielleicht ist auch sie die Autorin, die diesen Paul Rayments auftreten lässt. Sie, die Einsamkeit und Leid des Alters aus eigener Erfahrung kennt, nimmt Coetzee schützend, als Instanz, eine Ausgleichsfunktion gegenüber einer körperlich attraktiven Prostituierten und der karitativ wirksamen Kroatin ein. Denn diese blinde Prostituierte Marianne legt sie ihm zunächst ins Bett. Und danach darf endlich der Diskurs über Liebe beginnen, ob Liebe Fürsorge oder ob Liebe Bedürftigkeit ist. So kann sich der Autor von Paul lösen, sich hinter ihn stellen, wenn er auch zunächst über ihr Auftreten und ihre permanente, unerträgliche Einmischung erbost zu sein scheint. Zum Schluss erhält er von der kroatischen Familie ein sarkastisches Abschiedsgeschenk. Es ist ein beeindruckendes, wunderbares Buch, mit phantastischen Figuren, eine delikate Konstruktion, ein rasant, analytisch effizient, intelligent und toll geschriebenes Buch. Ich halte es für ein Meisterwerk, eine literarische Kostbarkeit. Ein Buch das hinter den bisherigen Romanen des Autors nicht zurückbleibt.
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5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Geborgen im Schoß der Mütter, 20. Januar 2006
„Entspanne dich“ ermahnt er sich während er durch die Luft fliegt… Wie eine Katze. Rolle ab und springe dann auf die Füße bereit für das, was kommt… Ganz so kommt es aber nicht…“Denn Paul Rayment verliert bei dem Unfall ein Bein. Ein jugendlicher Verkehrsrowdy hat ihn, den alten Mann auf dem Fahrrad, einfach übersehen und ihn gerammt. Paul ist geschieden, kinderlos und verbringt seine Tage am liebsten mit Fahrradfahren oder dem Ergänzen seiner bedeutenden Photosammlung, die er nach seinem Tod dem Staat vermacht hat. Ihm machte es bisher nichts aus, alleine zu sein. Doch ab jetzt ist er für immer auf Hilfe angewiesen. Insbesondere, weil er sich weigert, eine Prothese zu tragen. Eine Krankenschwester muss dringend her! Seine Sozialarbeiterin Miss Putts empfiehlt als erste „…Sheena. Sie sieht aus wie 19, aber ihre Papiere bestätigen, dass sie 29 ist. Sie ist dick, auf eine harte, speckige selbstsichere Art und während der ganzen Befragung unerschütterlich gut gelaunt…“ Sie wird engagiert und schon nach wenigen Tagen wieder entlassen, weil Rayment „…sie nicht ausstehen kann“. Danach tritt die rücksichtsvolle, ruhige, einfühlsame und unaufdringliche Kroatin Marjana ihren Dienst bei ihm an. In ihren Händen taut der grantelnde, egoistische und sich selbst bemitleidende Rayment auf. Er verliebt sich in sie und glaubt, ähnliche Gefühle bei ihr zu entdecken. Doch für sie ist er nur ihr sympathischer Arbeitgeber. Als er seinen Irrtum bemerkt, versucht er, Marjanas Zuneigung zu kaufen. Er verspricht, ihrem Sohn Drago das Studium zu bezahlen, wenn er „als eine Art Onkel einen Platz am Tisch der Jocics erhält“. Hinein in diese traute Zweisamkeit platzt eines Tages Miss Elizabeth Costello, eine berühmte Schriftstellerin. Kurzerhand zieht diese bei Rayment ein und versucht ihm zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Dabei ist sie manchmal in ihren Mitteln nicht zimperlich, wenn es darum geht, Rayment aufzurütteln: „Mein Gott… Sie haben ein Bein verloren. Das ist alles! Das ist irrsinnig komisch. Wenn es nicht komisch wäre, wieso gibt es dann so viele Witze über Beinamputierte?“ Doch nicht nur Miss Costello und Marjana spielen plötzlich im Leben des Single Paul eine Rolle. Da wäre noch Miss Putts, die Sozialarbeiterin. Oder Margot, seine Ex-Freundin, die im versichert „das ES ihr nichts ausmacht. Und seine Physiotherapeutin Madeleine Martin die versucht, sein eingerostetes Denken in Schwung zu bringen. Alle im Roman wichtigen Frauenfiguren beginnen metaphernhaft mit „M“ wie mütterlich. Und letztendlich ist dies das Gefühl, dass allen weiblichen Protagonistinnen gemeinsam ist. Durch das Verweben der einzelnen Handlungsstränge gelingt es dem Autor, auch mehrere Wirklichkeitsebenen zu erzeugen. Es bleibt unklar, warum Miss Costello so ein starkes Interesse an Paul zeigt. Paul ist anfänglich von Elizabeth Äußerem abgestoßen. Doch ertappt er sich eines Tages dabei, wie er sich vorstellt, sie zu küssen. Doch ist Elizabeth real oder ist sie nur eine Figur in einem Traum; ja liegt er vielleicht noch im Krankenhaus im Koma? Die beiden gegensätzlichen Begriffe „Neu“ und „Alt“ ziehen sich in vielen Variationen durch den ganzen Roman. Paul verliebt sich in die für ihn junge Marjana, er wiederum zählt zum alten Eisen. Seine unbezahlbare Sammlung von uralten Originalphotographien kontrastiert mit Dragos Supercomputer mit Internetanbindung und professioneller Bildbearbeitungssoftware. Pauls altes, durch den Unfall zerstörtes Fahrrad mit dem neuen, handkurbelbetriebenen Eigenbau Dragos. Die Tragik der Geschichte liegt jedoch darin, dass Paul nicht erkennen will, wie einfach es wäre, trotz fortgeschrittenem Alter und verlorenem Bein neu anzufangen. Dazu müsste er nur aufhören, einem Leben nachzujagen, dass er bis zu seinem Unfall gar nicht führen wollte und das ihm jetzt, wo er alt, krank und behindert ist, so unendlich erstrebenswert erscheint. Mattsilbrige Eleganz Die Vielschichtigkeit, die Coetzee bei den Figuren und den Realitäts- und Handlungsebenen anwendet, findet im Vortrag von Christian Brückner seinen Niederschlag. Scheinbar nicht aus der Ruhe zu bringen, explodiert seine Stimme förmlich in Augenblicken größter emotionaler Belastungen von Rayment. Man spürt förmlich das heiße Brennen von Rayments Stirn an der Ohrmuschel, als dieser schamrot wird beim Besuch der Jocics. Christian Brückners Stimme ist wie der Hauch eines gestaltgewordenen Geistes, von mattsilbriger Eleganz und quecksilbrigem Temperament. (C) Wolfgang Haan
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