Verschenkte Dramatik
Oscar van den Boogaards «Liebestod»
Erste Sätze tragen die Schwellenlast der Initiation, denn mit ihnen öffnet sich, wie in einem Türspalt, der Blick aufs Ganze des Zimmers, in das man eintreten oder nicht eintreten will. Sie sollen den Leser in den Text hineinziehen. Etwa so: «Es war einmal ein Matrose, der verschluckte das Ende eines Taus und fuhr infolge der wurmartigen Tätigkeit der Speiseröhre den Mast hinauf.» Wie bitte? Schlagen wir die letzte Seite von Oscar van den Boogaards Büchlein auf, so erfahren wir, dass «Eingangsmotiv des Romans . . . Witold Gombrowicz' Geschichte Die Begebenheiten auf der Brigg Branbury entlehnt» ist. Sieht man einmal von dieser so kruden wie auch irreführenden Eröffnung ab, so übt der kleine Text mit dem trompetenstossartigen (und ebenso irreführenden) Titel «Liebestod» zunächst tatsächlich eine beträchtliche Sogkraft aus.
Denn auf den ersten Seiten lässt der Autor ein kleines Mädchen im Schwimmbad der Nachbarn ertrinken. Minuziös verfolgt er die Entdeckung der Nachbarsfrau und erspart es uns nicht die Aufzeichnung der unmittelbaren Reaktionen der Eltern in einer halb treibenden, halb (ver-) zögernden Sprache, deren scheinbare Nüchternheit den atemlosen Schock nachbildet: «Sie lässt sie los und ordnet mit den Fingern das Haar, wischt das blassblaue Gesichtchen mit den Händen sauber. Dann steht sie auf, geht ins Haus, öffnet die Fliegentür und geht in die Küche, ordentlich aufgeräumt, ohne eine Spur von Leben, die Küchentheke glänzt.» Welche Zukunft hat ein Paar nach dem Tod des einzigen Kindes? Wie geht Inez, die Nachbarin, mit dem Schuldbewusstsein um, und welche Gestalt nimmt das Verhältnis der Erwachsenen untereinander an?
Der dramatische Anfang schickt also dramatische Fragen voraus, doch der Autor hat sich für seinen kurzen Text einen noch weiter reichenden Plot ausgedacht. Was wenige Andeutungen innerhalb der vierzehn Jahre durchmessenden Erzählung vorwegnehmen, wird erst am Ende verraten: Oda, die Mutter, hatte am Todestag der Tochter schon die Koffer gepackt, um ihren Mann, den Berufsoffizier Paul, zu verlassen und mit dem Kind zu dem Geliebten Emile zu ziehen; der Tod hat diesen Plan vereitelt, die heimliche Liebe zerstört und das Ehepaar mit dem zähen Bindemittel des Verlusts zusammengeschweisst. Dies und noch viel mehr erfährt der Leser in aufwendigen Zeit-, Orts-, Tempus- und Perspektivwechseln. Der aufwühlende Blickwinkel der unschuldig-schuldigen Inez weicht nach der Eingangsszene demjenigen Pauls, der vor der drückenden Situation zum Dienst in die Tropen geflohen ist. Zu Hause erwartet ihn eine tyrannische, abweisende Oda, die den Weg ins eheliche Bett erst in dem Moment wiederfindet, als das Haus der Nachbarn abbrennt. Als gälte es, die Schuldquittung perfekt zu machen, zieht nun auch noch deren Dauergast zu dem trauernden Ehepaar, ein Mädchen just in dem Alter, das die Tote erreicht hätte, lebte sie noch. Bevor man schliesslich Emile kennenlernt, sieht man Oda Mutter-Gefühle und Paul ödipal-erotische Empfindungen zu der Ersatztochter entwickeln, die sich wiederum mit einem Jungen des Ortes in einem Schuppen eher plagt denn vergnügt.
Was eine sehr einfache, sehr tragische Geschichte hätte werden können, wird also in bemühte, zusehends unplausible Konstruktionen, in Abrechnungen, Bilanzen und Parallelitäten gezwängt und in einer faden Schlussszene ganz verschenkt. Spätestens bei dem enttäuschenden Ende mag man sich an das erste ins Deutsche übersetzte Buch des Niederländers erinnern, der durch allerlei aufdringliches PR-Getön von sich reden machte und jüngst als 35-Jähriger eine Sammlung autobiographischer Texte veröffentlichte. Die Bovary-Geschichte «Julias Herrlichkeit» war ein aufgeblasenes Konvolut bizarrer Erzählstränge und Originalität heischender Sprachübungen ohne jede Stringenz und Motivation. Obwohl der neue, novellenhaft gedrängte Roman mehr kompositorische Strenge und Stiltransparenz zeigt, scheint der Autor den eigenen Absichten zu misstrauen so, wenn er den lakonischen Duktus immer wieder mit albernen Experimenten spickt, die die Übersetzerin zu ebensolchen Kunststücken zwingen: «Ach herrliche Bakabana, murmelt er, Köchin aller Köchinnen, und dann: Köch-rin, Köch-raus, Köch-rin, Köch-raus Stopp!»
Dass solche Extravaganzen durch trivialpathetische Sentenzen à la «Für manche Eltern ist das Glück ihrer Kinder das Wichtigste auf der Welt» flankiert werden, tröstet da keineswegs. Oscar van den Boogaard verwechselt immer noch Dramatik mit Erzählaufwand und poetische Originalität mit literarisierendem Gefuchtel. Das ist umso bedauerlicher, als immer wieder jener sparsame Ton durchdringt, dessen nüchterne Traurigkeit bewegt, weil sie sich selbst genügt. Offenbar sind dies jedoch nur die gelungenen Passagen einer blossen Etüde. Man hätte es ahnen können beim ersten Satz.
Dorothea Dieckmann