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Liebestod
 
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Liebestod (Gebundene Ausgabe)

von Oscar van den Boogaard (Autor)
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe
  • Verlag: Fischer (S.), Frankfurt; Auflage: 1 (2001)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3100078071
  • ISBN-13: 978-3100078070
  • Größe und/oder Gewicht: 21,2 x 13,2 x 1,7 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 1.541.807 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Verschenkte Dramatik

Oscar van den Boogaards «Liebestod»

Erste Sätze tragen die Schwellenlast der Initiation, denn mit ihnen öffnet sich, wie in einem Türspalt, der Blick aufs Ganze des Zimmers, in das man eintreten – oder nicht eintreten will. Sie sollen den Leser in den Text hineinziehen. Etwa so: «Es war einmal ein Matrose, der verschluckte das Ende eines Taus und fuhr infolge der wurmartigen Tätigkeit der Speiseröhre den Mast hinauf.» Wie bitte? Schlagen wir die letzte Seite von Oscar van den Boogaards Büchlein auf, so erfahren wir, dass «Eingangsmotiv des Romans . . . Witold Gombrowicz' Geschichte ‹Die Begebenheiten auf der Brigg Branbury› entlehnt» ist. Sieht man einmal von dieser so kruden wie auch irreführenden Eröffnung ab, so übt der kleine Text mit dem trompetenstossartigen (und ebenso irreführenden) Titel «Liebestod» zunächst tatsächlich eine beträchtliche Sogkraft aus.

Denn auf den ersten Seiten lässt der Autor ein kleines Mädchen im Schwimmbad der Nachbarn ertrinken. Minuziös verfolgt er die Entdeckung der Nachbarsfrau und erspart es uns nicht die Aufzeichnung der unmittelbaren Reaktionen der Eltern – in einer halb treibenden, halb (ver-) zögernden Sprache, deren scheinbare Nüchternheit den atemlosen Schock nachbildet: «Sie lässt sie los und ordnet mit den Fingern das Haar, wischt das blassblaue Gesichtchen mit den Händen sauber. Dann steht sie auf, geht ins Haus, öffnet die Fliegentür und geht in die Küche, ordentlich aufgeräumt, ohne eine Spur von Leben, die Küchentheke glänzt.» Welche Zukunft hat ein Paar nach dem Tod des einzigen Kindes? Wie geht Inez, die Nachbarin, mit dem Schuldbewusstsein um, und welche Gestalt nimmt das Verhältnis der Erwachsenen untereinander an?

Der dramatische Anfang schickt also dramatische Fragen voraus, doch der Autor hat sich für seinen kurzen Text einen noch weiter reichenden Plot ausgedacht. Was wenige Andeutungen innerhalb der vierzehn Jahre durchmessenden Erzählung vorwegnehmen, wird erst am Ende verraten: Oda, die Mutter, hatte am Todestag der Tochter schon die Koffer gepackt, um ihren Mann, den Berufsoffizier Paul, zu verlassen und mit dem Kind zu dem Geliebten Emile zu ziehen; der Tod hat diesen Plan vereitelt, die heimliche Liebe zerstört und das Ehepaar mit dem zähen Bindemittel des Verlusts zusammengeschweisst. Dies und noch viel mehr erfährt der Leser in aufwendigen Zeit-, Orts-, Tempus- und Perspektivwechseln. Der aufwühlende Blickwinkel der unschuldig-schuldigen Inez weicht nach der Eingangsszene demjenigen Pauls, der vor der drückenden Situation zum Dienst in die Tropen geflohen ist. Zu Hause erwartet ihn eine tyrannische, abweisende Oda, die den Weg ins eheliche Bett erst in dem Moment wiederfindet, als das Haus der Nachbarn abbrennt. Als gälte es, die Schuldquittung perfekt zu machen, zieht nun auch noch deren Dauergast zu dem trauernden Ehepaar, ein Mädchen just in dem Alter, das die Tote erreicht hätte, lebte sie noch. Bevor man schliesslich Emile kennenlernt, sieht man Oda Mutter-Gefühle und Paul ödipal-erotische Empfindungen zu der Ersatztochter entwickeln, die sich wiederum mit einem Jungen des Ortes in einem Schuppen eher plagt denn vergnügt.

Was eine sehr einfache, sehr tragische Geschichte hätte werden können, wird also in bemühte, zusehends unplausible Konstruktionen, in Abrechnungen, Bilanzen und Parallelitäten gezwängt und in einer faden Schlussszene ganz verschenkt. Spätestens bei dem enttäuschenden Ende mag man sich an das erste ins Deutsche übersetzte Buch des Niederländers erinnern, der durch allerlei aufdringliches PR-Getön von sich reden machte und jüngst als 35-Jähriger eine Sammlung autobiographischer Texte veröffentlichte. Die Bovary-Geschichte «Julias Herrlichkeit» war ein aufgeblasenes Konvolut bizarrer Erzählstränge und Originalität heischender Sprachübungen ohne jede Stringenz und Motivation. Obwohl der neue, novellenhaft gedrängte Roman mehr kompositorische Strenge und Stiltransparenz zeigt, scheint der Autor den eigenen Absichten zu misstrauen – so, wenn er den lakonischen Duktus immer wieder mit albernen Experimenten spickt, die die Übersetzerin zu ebensolchen Kunststücken zwingen: «Ach herrliche Bakabana, murmelt er, Köchin aller Köchinnen, und dann: Köch-rin, Köch-raus, Köch-rin, Köch-raus – Stopp!»

Dass solche Extravaganzen durch trivialpathetische Sentenzen à la «Für manche Eltern ist das Glück ihrer Kinder das Wichtigste auf der Welt» flankiert werden, tröstet da keineswegs. Oscar van den Boogaard verwechselt immer noch Dramatik mit Erzählaufwand und poetische Originalität mit literarisierendem Gefuchtel. Das ist umso bedauerlicher, als immer wieder jener sparsame Ton durchdringt, dessen nüchterne Traurigkeit bewegt, weil sie sich selbst genügt. Offenbar sind dies jedoch nur die gelungenen Passagen einer blossen Etüde. Man hätte es ahnen können beim ersten Satz.

Dorothea Dieckmann

Kurzbeschreibung

Wer nicht mehr geliebt wird, ist unsichtbar und könnte genau so gut tot sein. Das ist traurig, aber verhängnisvoll wird es, wenn etwas geliebt wird, das tot und unsichtbar ist - wie die kleine Vera, das Mädchen, das unbeobachtet im Swimmingpool der Nachbarn ertrinkt. Ihr Tod bannt die Eltern wie die Nachbarn in ein Geflecht von Versäumnis und Schuld, in dem jeder wie einem Glaskasten den andern sieht und doch nicht versteht. "Liebestod "ist eine verzweifelt taktvolle Studie über das Prekäre, Zufällige und Hinfällige der Lebenskonstruktion und der Trauer daran.

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4.0 von 5 Sternen Gefangen im Vakuum, 24. April 2001
Von Ein Kunde
Mit dem Tod ihres Kindes beginnt das Seelenpsychogramm um Oda und ihren Mann Paul, einen Oberstleutnant der niederländischen Armee. Was Oscar van den Boogaard atemlos zerhackstückt beschreibt, läutet eine 14-jährige Trauergeschichte ein, in der sich Oda und Paul auseinanderleben, wieder zusammenfinden, ihre Sehnsüchte zeitweise auf ein amerikanisches Au-Pair-Mädchen projizieren, aber als Paar schlussendlich doch zum Scheitern verurteilt sind. Van den Boogaard erzählt die Geschichte eines Paares, dessen Leben nach dem Verlust ihrer Tochter Vera in Scherben zerschlagen wird. Aber weil der Autor geschickt mit seinem Wissen haushaltet, legt er nicht alle Karten auf den Tisch, sondern wirft einzelne Schlaglichter auf die marode Beziehung. Im Halbdunkel schweben seine Figuren schmerzbetäubt durch die Seiten, zerfressen von Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen. Den überraschenden Trumpf gibt der 37-jährige Holländer aber erst ganz am Ende aus der Hand. Ein Lichtblitz, der aufräumt mit der Schummeratmosphäre und ein so nüchternes wie deprimierendes Licht auf das ganze Beziehungskuddelmuddel wirft. Leider zerfasert sich „Liebestod" im zweiten Drittel etwas und verliert an Faon. Rechtzeitig zum Schluss findet der Autor aber wieder den melancholischen Ton, der die Entzweiungs-Geschichte lesenswert macht.
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