|
|
9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Werte und Wahrheit(en)!!, 20. März 2006
Theorie ist tot. Es lebe die Theorie! "After Theory" ist eines der witzigsten und gleichzeitig intellektuell anspruchvollsten Bücher, die ich seit langem gelesen habe. Es ist einerseits eine Generalabrechnung mit der postmodernen Weltanschauung und der "hedonistic playfullness of postmodern thought" (153) sowie eine Neudefinition von Moral, Werten, Objektivität und absoluten Wahrheiten, alles Kategorien, die in den letzten vier Jahrzehnten von Kulturtheoretikern strikt abgelehnt wurden.Eagletons Analyse ist brillant. Auf der Suche nach einer neuen, post-theoretischen Moral definiert er zuerst die Natur des Menschen als "the way we are most likely to flourish" (120). Er argumentiert also für ein essentiell Menschliches, ein weiteres Konzept, was von der Postmoderne verneint wurde. Für Eagleton ist dieses Essentielle der menschliche Körper: "It is because of the body, not in the first place because of Enlightenment abstraction, that we can speak of morality as universal. The material body is what we share most significantly with the whole rest of our species" (155). Daraus folge, dass alle Menschen, mögen sie kulturell auch noch so unterschiedlich sein, zu Mitgefühl fähig seien: "It is on this capacity for fellow-feeling that most values are founded"(156). So weit so gut. Alle Menschen haben einen Körper, seien also zu Mitgefühl fähig und auf dieser Grundlage lasse sich eine allgemein gültige Moral begründen. Und jetzt wird es interessant! Für den linken Eagleton lässt sich eine moralische Gesellschaft, getreu dem Marxschen Imperativ, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, nur in einer Gesellschaft mit bestimmten materiellen Voraussetzungen gründen (128). Und Eagleton lässt auch keinen Zweifel daran, was das für eine Gesellschaft zu sein hat: "The political form of this ethic is known as socialism [...] It is, as it were, politicized love" (122). Daraus ergebe sich für jeden Einzelnen die Verpflichtung sich politisch zu betätigen, weil "[b]eing politically active helps us to create the social conditions for virtue, but it is also a form of virtue in itself" (129). Moral nur möglich in einer sozialistischen Gesellschaft. Das ist natürlich harter Tobak und wird bei dem einen oder der anderen stasigeschädigten nur verständnisloses Kopfschütteln hervorrufen. Dennoch ist die Analyse, wie gesagt, brillant und sollte auch von Konservativen oder Liberalen unbedingt gelesen werden. Absoluter Höhepunkt von "After Theory" ist Eagletons Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus. Nachdem er dargelegt hat, dass der feste dogmatische Glaube an bestimmte Werte nicht als fundamentalistisch bezeichnet werden kann, definiert er: "Fundamentalism is a textual affair [...] Both Islamic and Christian versions of Fundamentalism [...] make an idol of a sacred text [...] This sacred text is more important than life itself, a belief which can bear fruit in violence" (202f.). Etwas bildhafter drückt Eagleton diesen Sachverhalt im folgenden Satz aus: "Fundamentalism is a kind of necrophilia, in love with a dead letter of a text" (207). Die Welt wäre sicherlich ein sicherer Ort, wenn sich alle Menschen diese simple Weisheit zu Eigen machen würden. Fazit: Witzig, brillant, genial! Mitreißende Analyse der Welt, in der wir leben. Die fünf Sterne gibt es trotz der teilweise penetranten Glorifizierung des Sozialismus als allein seligmachendes Gesellschaftsmodell.
|