Die obige Wertung bezieht sich auf die Neuausgabe von Albert von Schirnding.
Der "Ewige Brunnen" (alte Ausgabe) WAR eine geniale kompilatorische Sonderleistung von Ludwig Reiners, einem Chefdenker der deutschen Sprache, Stilistik und Literatur. Das Konzept seiner Sammlung bestand nicht darin, den Schulkanon an deutscher Lyrik - wie in unzähligen seelenlosen Sammlungen, Conrady usw. geschehen - wiederzukäuen, sondern neben den unvermeidlichen Glanzlichtern auch jede Menge kleiner, unbekannter Geistesblitze von Autoren aufzunehmen, die heute so gut wie niemand mehr kennt.
Die Sammlung war unverkennbar aus dem Geist der 50er Jahre heraus gestaltet und versuchte daher, einen Beitrag zur Restauration einer durch NS und zweiten Weltkrieg nachdrücklich ins Wanken geratenen kulturellen Identität zu leisten. Daher war weder anklagende Bußelyrik noch das aggressive Gepränge des Nationalsozialismus, sondern eine recht stille, unaufdringliche, aber doch sehr vielfältige und faszinierende Fülle deutscher Lyrik enthalten. Und Reiners gliederte nicht etwas dumpf chronologisch, sondern thematisch und entfaltete so eine richtige anthologische Dramaturgie! So war es etwa beeindruckend, wenn der Abschnitt namens "Buch des Kampfes" mit Goethes "Prometheus" wie mit einem mächtigen Paukenschlag anfing.
Albert von Schirnding (was qualifiziert diesen Menschen eigentlich für diese Aufgabe bzw. warum war eine Neuausgabe überhaupt notwendig??) zerstört dieses Konzept nun nachhaltig, indem er die wohldurchdachte Sammlung brachial und unsensibel mit allem möglichem, was an Lyrik seit Reiners' Tagen hinzugekommen ist, vollstopft und reduziert das Werk so auf eine bloße Massenauswahl, wie sie in jedem Buchhandlungsregal in Mengen herumstehen. Dass dies überhaupt nicht ins Konzept der Sammlung passt, interessiert ihn offenbar nicht.
In Reiners' nach thematisch angelegten "Büchern" gegliederter Sammlung gab es - jeglicher Verdacht auf nachträgliche NS-Agitation wäre hier völlig unbegründet! - auch ein "Buch des Vaterlandes" und ein "Buch des Kampfes". Die neue Ausgabe hat diese 'bösen' Wörter in hyperkorrekter Beflissenheit wegzensiert und bietet jetzt vorsichtig fragend "Kennst du das Land...?" sowie - oberdämlich - das "Buch des Mutes und der Tapferkeit". Solche Verstümmelungen bedürfen keines weiteren Kommentares.
Liebe Lyrikfreunde: Versucht lieber, die alte Ausgabe zu bekommen, die bis vor kurzem überall greifbar war. Warum muss heute alles, was gut und bewährt ist, nachträglich verpfuscht werden?