Da man als Mediävist immer wieder gefragt wird, was von diesem Buch zu halten sei, möchte ich an dieser Stelle einige grundsätzliche Anmerkungen zu seinem Inhalt zu machen.
Da wäre zunächst ein Einwand zur Methodik. In Heribert Illigs Werk findet sich immer wieder die Behauptung, daß die archäologischen Funde für den Zeitraum der von ihm diagnostizierten „Phantomzeit" ausgesprochen dürftig seien. Er postulierte sogar eine „Fundleere", die als solche schon fraglich ist, da Herr Illig gekonnt seine Augen vor karolingerzeitlichen archäologischen Funden zu verschließen weiß, was einfach ist, wenn man, wie er, alle gängigen Datierungsmethoden für unzuverlässig erklärt. Außerdem, selbst wenn es eine Fundleere gäbe, wäre es nicht ohne weiteres zulässig aus der Häufigkeit bestimmter Funde oder Überreste einen Rückschluß auf die Authentizität eines Gegenstandes, eines Ereignisses oder einer Person zu ziehen. Anders gesagt, nur weil eine Person oder gar eine ganze Epoche womöglich weniger Spuren hinterlassen hat, als andere, ist ihre Existenz dennoch nicht weniger wahrscheinlich. Die Vergangenheit ist schließlich nicht verpflichtet, Überreste zu hinterlassen, und somit ist jede Überlieferung rein zufällig und unterliegt keinen statistischen Vorgaben oder irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten, weshalb die Häufigkeit von Funden kein Maßstab für Authentizität sein kann. Daß die Fundmenge durchaus schwanken kann, mag daher niemanden überraschen und kein seriöser Historiker würde aus einem solchen Befund schließen, daß ein bestimmtes Ereignis nicht stattgefunden oder Personen nicht existiert haben können, womit eines der von Heribert Illig bevorzugten und virtuos angewandten Argumentationsmuster entkräftet ist.
Ein weiterer Punkt in Heribert Illigs Argumentationsgrundlage kann hier nur kurz gestreift werden. Gemeint ist sein Postulat, das Mittelalter sei ein Zeitalter der Fälschungen. Es ist auch der Fachwissenschaft selbstverständlich seit langem bekannt, daß die Urkunden des Mittelalters nicht immer das sind, was sie zu sein vorgeben. Der heutige Betrachter mag in solch einem Fall gern das Wort FÄLSCHUNG rufen. Der Begriff der Fälschung muß für das Mittelalter aber differenzierter definiert und betrachtet werden. Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Häufiger Inhalt von mittelalterlichen Urkunden - die in der Regel ja ein Rechtsgeschäft festhalten und verbriefen - sind Schenkungen von Grundbesitz. So könnte einem Kloster „X" von dem adligen Herrn „Y" ein Bauernhof geschenkt worden sein. Darüber wäre dann eine Urkunde ausgestellt worden, wobei das Exemplar des Klosters in dessen Archiv aufbewahrt worden wäre. Nun brannten die Klöster des Mittelalters des öfteren ab, wurde von den Normannen überfallen oder durch sonstige Katastrophen zerstört. Wenn dabei die genannte Urkunde verloren gegangen wäre, wäre es nicht unüblich gewesen oder gar für moralisch verwerflich gehalten worden, wenn sich die Mönche des Klosters eine neue Urkunde ausgestellt, diese in die Zeit des verlorenen Originals datiert, und selbige dann als Nachweis ihres Besitzanspruches an dem fraglichen Bauernhof ausgegeben hätten. Damit wäre die Urkunde als solche nicht authentisch, der in ihr wiedergegebene Rechtsinhalt wäre aber dennoch korrekt. Ist das eine Fälschung? Oder anders gefragt, muß der Inhalt eines Schriftstückes erfunden sein, nur weil es nicht unter den Umständen entstanden ist, unter denen es entstanden zu sein vorgibt? Diese feine Unterscheidung bei der Interpretation von Texten des Mittelalters macht Herr Illig nicht.
Ein weiteres Argumentationsmuster, dessen Heribert Illig sich immer wieder bedient, läßt sich auf ähnlich simple Weise entkräften. Dabei führt er an, daß eine auffallende Diskrepanz zwischen der Menge der schriftlichen Überlieferung aus der Regentschaftszeit Karls des Großen - die nämlich ausgesprochen reichhaltig sei - und der anderer „phantomzeitlicher" Herrscher bestehe, die eher dünn genannt werden müsse. Daraus schließt Herr Illig, daß die Fälscher in Bezug auf eben diesen Karl ganz besonders fleißig gewesen seien, schließlich sei er die Hauptfigur des Fälschungswerkes gewesen. Allerdings ist die unterschiedliche Dichte der schriftlichen Überlieferung mancher Herrscher ein der Forschung schon lange bekanntes Phänomen (man beachte nur die Unterschiede zwischen Otto I. und seinem Enkel Otto III., oder die zwischen Friedrich Barbarossa und Heinrich VI.), das seinen Ursprung in einer völlig simplen Tatsache hat. Karl dem Großen war nämlich eine ausgesprochen lange Herrschaft vergönnt, genau wie etwa Otto I. und Friedrich Barbarossa. Und während einer langen Herrschaft kann man nun einmal deutlich mehr erreichen, verändern und auch hinterlassen, als während einer kurzen, wie man an Karls Sohn Ludwig oder an Otto III. und Heinrich VI. sehen kann. Um diese Beobachtung zu erklären muß man also keine Phantomzeit erfinden.
Und damit kommen wir auch schon zu dem wohl schlagensten Argument. Es liegt genau in der großen Anzahl der schriftlichen Quellen aus der Zeit Karls des Großen und seiner Nachfolger. Der entsprechende Band der Regesta Imperii (in den Regesten sind alle bekannten Urkunden der römisch-deutschen Kaiser und Könige verzeichnet) ist mit mehr als 800 dicht beschriebenen Seiten ein beredtes Zeichen dafür. Es ist schlicht unvorstellbar - und jeder der sich schon einmal ausführlicher mit dieser Überlieferung befaßt hat, müßte das wissen -, daß ein solches Schriftvolumen, das aus mehreren Jahrhunderten stammt und nachweislich von vielen verschiedenen Händen geschrieben wurde und an ebenso vielen Orten entstanden ist und aufbewahrt wurde, das Werk eines Fälschers oder einer Gruppe von Fälschern ist. Wie hätte das Schriftgut etwa in die Archive des Papstes in Rom gelangen sollen, wie in die Archive der orientalischen Welt, wie in die Bibliotheken unzähliger Klöster, wie an die Höfe anderer europäischer Herrscher? (Die Idee, daß in anderen Kulturkreisen ebenfalls Phantomzeiten erfunden wurden, um die chronologische Differenz zum phantomzeitlichen Abendland auszugleichen, zu der sich Herr Illig schon verstiegen hat, ist so absurd, daß sie schon fast wieder gut ist!) Außerdem, wer hätte das Unternehmen koordinieren sollen, letztendlich, wer hätte garantieren können, daß die vielen für ein solch gigantisches Fälschungswerk nötigen Personen das Geheimnis bewahrt hätten? Allein diese Feststellung führt die Illig'schen Thesen ad absurdum.
Heribert Illigs Phantomzeittheorie basiert nicht auf den von der Geschichtswissenschaft vorgegebenen und allgemein anerkannten methodischen Vorgaben, da er diese schlicht ignoriert. So lange das so bleibt, kann sich die Mediävistik mit seinen Thesen nicht auseinandersetzen. Und so erkennt man die Phantomzeit als das was sie ist, nämlich eine typische Verschwörungstheorie, die alle dafür notwendigen Eigenschaften aufweist. Als solche ist sie eine von vielen. Wer sie ernst nimmt, der kann auch glauben, daß die Mondlandung nicht stattgefunden hat, oder die Marsmenschen die Pyramiden bauten!