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"Gewitzt durch Erfahrungen mit antiken Chronologien, deren Wahrheitsgehalt kein näheres Hinschauen verträgt", machte ihn diesmal die Dunkelheit des Mittelalters stutzig. Die Überprüfung der Gregorianischen Kalenderreform brachte es schließlich zutage. Rund 300 Jahre Geschichte sind frei erfunden, "Phantomzeit", die "ersatzlos zu streichen" ist. Doch gemach. Es ist nämlich kein Geringerer, als der strahlende Ahnherr des christlichen Abendlandes, Karl der Große (um 742-814), der einer Zeitkürzung in der europäischen Geschichtsschreibung am ehesten im Wege steht. Indes, die geradezu herkulische Vita dieses sagenhaften Heros, der mitten im sprichwörtlich "finsteren Mittelalter" aufleuchtet, um in einem saeculum obscurum wieder zu verlöschen, ist es, die Illigs Zweifel überhaupt erst nährten. "Karls Heldentaten prangen im hellsten Licht der Geschichte, Zeugnisse für das Entstehen eines geeinten Europas. Sie verdecken nur mühsam die allgegenwärtigen Widersprüche. Jede Prüfung enthüllt neue Unverträglichkeiten und Lücken, als wäre 'Er' ein Widerspruch in sich, ein hölzernes Eisen, ein Oxymoron".
Getreu Kurt Gödels Erkenntnis, daß die Gesamtheit einer (mathematischen) Theorie nur von außen durch eine Metatheorie abgrenzbar ist, sieht sich Illig selbstbewußt als unbedarfter Außenseiter", der mit unverstelltem Blick eine Lösung erkennt, die der Fachmann inmitten 'seiner' Bäume niemals finden würde". Zeigte sich die Mediävistik Anfang der neunziger Jahre von dem "neuen Däniken" und seinen ersten dünnen Beweisen für "Karl den Fiktiven" noch weitgehend unbeeindruckt, scheint sie mit zunehmender Unterfütterung archäologischer, architektonischer und dokumentarischer Anachronismen inzwischen zum kritischen Disput geneigter. --Roland Detsch -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Doch mit Karl dem Großen hat Illig sicher einen wunden Punkt der Geschichtschreiber getroffen. Dieser wurde ebenso wie Jesus 800 Jahre zuvor in den Himmel gehoben, um sich dadurch den eigenen Thron, als einer seiner Nachfolger darauf, ebenfalls zu erhöhen.
Geradezu als Mahnmal für die Gefahren und Möglichkeiten der Zeitfälschung erscheint aber die Idee des deutschen Historikers Heribert Illig, der behauptet 297 Jahre des Mittelalters seien erfunden und feststellt, die Jahre zwischen 614 und 911 seien eine Phantomzeit, die in Wirklichkeit nie stattgefunden hätte. Als Argument für seine These nennt Illig, dass durch die Differenz von Julianischem Kalender und natürlicher Erdbewegung sich in den 1500 Jahren seit Caesar dem Gründer des Julianischen Kalenders bis zur Gregorianischen Kalenderreform bereits 12 Tage ausgemacht hätten. Tatsächlich betrug die Korrektur im Jahr 1583 aber bekanntlich nur 10 Tage. Wie ein genauer Blick auf "inter gravissimas", das Dokument der Gregorianischen Reform ergibt, war dessen Absicht, die Frühlings Tag und Nachtgleiche wieder auf den Frühlingstag, wie er zur Zeit des Konzils von Nicea im Jahr 325 war, zu verlegen. Die entsprechende Textstelle bei "inter gravissimas" lautet: ...primum, certam verni aequinoctii sedem; deinde rectam positionem XIV lunae primi mensis, quae vel in ipsum aequinoctii diem incidit, vel ei proxime succedit; postremo primum quemque diem dominicum, qui eamdem XIV lunam sequitur; curavimus non solum aequinoctium vernum in pristinam sedem, a qua iam a concilio Nicaeno decem circiter diebus recessit, restituendum, et XIV paschalem suo in loco, a quo quatuor et eo amplius dies hoc tempore distat, reponendam, sed viam quoque tradendam et rationem, qua cavetur, ut in posterum aequinoctium et XIV luna a propriis sedibus nunquam dimoveantur. .." Die päpstliche Bulle stellt in der Folge noch zusätzlich klar, dass dieser Tag des Frühlingsäquinoktiums der 12. Kalaende Aprilis ist, dem der heutige 21. März entspricht: "...Deinde, ne in posterum a XII kalendas aprilis aequinoctium recedat, statuimus bissextum quarto quoque anno (uti mos est) continuari debere, praeterquam in centesimis annis..." Wie sich aus sicheren Quellen und auch aus modernen Berechnungen des Erdenlaufs ergibt, war der Frühlingsbeginn damals, zu Nicea, tatsächlich am 21. März. Illigs Hilfesuche bei der Gregorianischen Reform, mit der er seine These zu bekräftigen trachtet, ist also nicht stichhaltig, denn die entscheidenden 10 Tage Differenz entstanden in den 1258 Jahren zwischen 325 und 1583 und nicht seit Caesar. Illigs These lässt sich aber auch durch andere archäoastronomische Fakten leicht widerlegen, nämlich alte Finsternisberichte. Da das Auftreten und der Verlauf der Finsternisse von Sonne und auch Mond durch den Saroszyklus und den Umlauf der Mondknoten bewirkt wird, sind alte Finsternisberichte für einen Chronologen, besonders wenn sie eine Serie von Finsternissen beinhalten, wie unverwechselbare Fingerabdrücke für einen Kriminalisten. Neben vielen anderen liegen im Almagest des Claudius Ptolemäus drei genaue Mondfinsternisbeschreibungen vor, die in dieser Abfolge und an diesem Ort, zu keiner anderen Zeit hätten stattfinden können. Wie auch Professor Schlosser, Leiter des Archäoastronomieprojektes am astronomischen Institut der Universität Bochum sagt, passt diese Abfolge entweder genau oder gar nicht. Die Abschriften des Almagest, verfasst etwa im Jahr 140, zirkulierten im gesamten Abendland, im arabischen und persischen Raum, - eine Fälschung all dieser Daten im Hochmittelalter, wie sie laut Illig erfolgten, ist sehr unglaubwürdig, ja unmöglich. Die Abfolge dieser Mondfinsternisse hat folgende Daten im einstigen und heutigen Kalender: 20./21. Payni im 17. Jahr Hadrians: 6. Mai 133 um 21:03. 2./3. Choiak im 19. Jahr Hadrians: 20. Oktober 134 um 21:00. 1./20. Parmuthi im 20. Jahr Hadrians: 6. März 136 um 01:49. Ein weiteres und wohl am meisten stichhaltiges Argument gegen Illig ist der Stern von Bethlehem im Jahre 7 vor der Zeitenwende, für den sich in keinem der folgenden Jahrhunderte eine vergleichbare oder auswechselbare Planetenkonstellation findet. Diese große dreifach Konjunktion der Planeten Jupiter und Saturn im Frühlingssternbild Fische ist einmalig und unverwechselbar, ebenso wie seine Neuauflage im Mai 2000 auf die der Errichter der christlichen Jahreszählung der skytische Mönchgelehrte Dionysius Exiguus bei der Festlegung des Jahres A.D. abzielte und damit die Zeitrechnung tatsächlich um 7 Jahre fälschte. Der Stern von Bethlehem, der ja zur Geburt Christi stattfand war namlich 7 Jahre vor dem Jahr 1 anno domini, das er festsetzte und nach dem bis heute die Jahre gezählt werden und schließlich das ominöse Jahr 2000 brachten.
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