Beinahe 250 Titel werden angezeigt, wenn man bei Amazon den Suchbegriff "Vorstellungsgespräch" eingibt. Und nicht wenige sind vom Autorenduo Hesse und Schrader. Die kühne Behauptung, dass der Fragekatalog zu Beginn des Buches 98 Prozent aller potenziellen Fragen im Vorstellungsgespräch abdeckt, trifft allenfalls bei standardisiertem Vorgehen zu. Aber sobald das Gegenüber einen anderen Weg einschlägt, kommt man ins Schleudern. Und was bei solchen Ratgeber kaum berücksichtigen wird, ist ihre Wirksamkeit unter Stress. Man solle sein Bewusstsein schärfen und weit verbreitete Denkmuster aufbrechen, klingt zwar gut, hat aber mit dem ganz normalen menschlichen Verhalten herzlich wenig zu tun. Die Mustervorlagen des Unbewussten lassen sich nicht einfach mit "Du sollst-Sätzen" überlisten. Das müssten doch Profis wie Hesse und Schrader langsam wissen.
Selbsterkenntnis, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sind die drei Bausteine für ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch. Das schreiben auch die Autoren. Doch wie sie ihre Leser diesem Ziel nahe bringen möchten, überzeugt mich nicht. Und so komme ich zur Einschätzung, dass Kauf und Lektüre dieses Ratgebers wohl weniger bringen, als sich die meisten erhoffen. Ganz Unerfahrene werden trotzdem einen Gewinn davontragen. Denn sie merken im Kapitel "Ihre Ausgangsposition", dass eine seriöse Vorbereitung wichtig ist, lernen Standardfragen kennen, vernehmen einige Grundregeln der Gesprächspsychologie und werden mit den gängigsten Frage- und Antworttechniken vertraut gemacht. Dass man nicht zu spät und in Motorradkleidung erscheinen sollte, wird kaum ein Leser als Neuigkeit verbuchen. Da Vorstellungsgespräche selbst nach der Lektüre dieses Buches scheitern können, hätte ich mir den Teil zur Nachbereitung ausführlicher gewünscht.
Mein Fazit: Nichts Überraschendes zum Thema. Und weil die Autoren von der Annahme ausgehen, Verhaltensmuster liessen sich durch ein paar Übungen, Tipps und Gedanken neu verknüpfen, glaube ich nicht sehr an die Wirksamkeit solcher Ratgeber. Aber grossen Schaden können sie zum Glück ja nicht verursachen.