Mit einer Bewertung dieses Buches habe ich mich sehr schwer getan. Da ist einerseits das Hauptanliegen des Buches: Wissenschaft zerstört nicht etwa die Poesie des Lebens (das Märchenhafte am Regenbogen), sondern kann selbst gute Poesie sein. Auch können wissenschaftliche Arbeiten ähnlich kreative Leistungen sein, wie echte Kunst. In allen diesen Punkten hat Dawkins meine volle Zustimmung. Ich finde es gut, dass er sich diesem meist zu wenig beachteten Thema einmal ausgiebig gewidmet hat.
Gut gefallen haben mir auch einige Detaildarstellungen, z. B. zur Funktionsweise des menschlichen Gehirns und wie es mit Informationen umgeht (11 "Die Welt wird neu verwoben"). Da merkt man, wie gut und kenntnisreich Dawkins erzählen kann.
Weiterhin ist positiv anzumerken, dass sich Dawkins nicht zum Sklaven der politischen Korrektheit macht. So heißt es etwa auf S. 372: "Und nebenbei bemerkt, muss die Größe des Gehirns bei unseren Vorfahren auch einer genetischen Steuerung unterlegen haben. Wäre es anders gewesen, hätte die natürliche Selektion nichts gehabt, worauf sie wirken könnte, und dann wäre das Gehirn in der Evolution nicht größer geworden. Aus irgendeinem Grund halten viele Menschen die Vorstellung, manche Personen seien aus genetischen Gründen klüger als andere, für einen politischen Fauxpas."
Und auf den Seiten 249-252 werden dann ganze Salven gegen die sog. feministische Wissenschaft geschossen, sodass ich sogar ein wenig schmunzeln musste.
Insgesamt ist das Buch - wie für Dawkins üblich - sehr gut geschrieben und leicht lesbar. Soviel zu den positiven Aspekten.
Als störend empfand ich die aufdringliche Arroganz, die durch viele Zeilen strömt. Ganz entsprechend heißt es auf S. 398: "Ich habe mir gerade ein Wörterbuch des zeitgenössischen Slangs gekauft, denn zu meiner Beunruhigung erfuhr ich von Amerikanern, die das Manuskript gelesen hatten, einige meiner englischen Lieblingswörter würden jenseits des Atlantiks nicht verstanden. Das Wort 'mug' zum Beispiel, das 'dumm', 'einfältig' oder 'albern' heißt, kennt man dort in dieser Bedeutung nicht."
Vielleicht aus gutem Grund. Für Dawkins sind nämlich nicht nur Kreationisten, Mystiker, Esoteriker und Gesinnungsgenossen dumm, sondern viele seiner FachkollegInnen gleich mit. Ganz hart erwischt es Stephen Jay Gould (zu dem auch noch die Beleidigungen anderer Wissenschaftler angeführt werden), aber auch Lynn Margulis und stellenweise Stuart Kauffman. Deren Ausführungen seien zum Teil schlechte Poesie.
Dabei stößt man immer wieder auf Stellen wie (287): "Das ist verführerisch, aber oberflächlich. Und es zeugt auch von Faulheit. Um zu erkennen, was sich wirklich abspielt, braucht man ein wenig zusätzliche Denkarbeit." oder (380) "Ich halte das für eine recht phantasielose Schlussfolgerung." Ich halte so etwas für unnötig bis peinlich.
Dabei glänzt Dawkins - bekanntermaßen - selbst reichlich mit eigenen Thesen, die man als sehr weit hergeholt bezeichnen könnte. Ich möchte drei solcher Passagen herausstellen:
(278): "Die entscheidende Erkenntnis des Darwinismus lässt sich in genetischen Begriffen formulieren: Die Gene, die in der Population in vielen Kopien vorhanden sind, können gut Kopien von sich herstellen, und das heißt auch, sie können gut überleben."
Tatsächlich?
(283): "Aber so einheitlich und abgegrenzt ein einzelner Wolf oder Büffel auch sein mag: Es handelt sich nur um eine zeitlich befristete Einwegverpackung. Erfolgreiche Büffel vermehren nicht sich selbst, sondern sie vermehren ihre Gene. Von der wirklichen Einheit der natürlichen Selektion muss man sagen können, dass sie eine bestimmte Häufigkeit hat. Diese Häufigkeit nimmt zu, wenn der Typus erfolgreich ist, und sie sinkt, wenn er versagt. Genau das kann man über Gene in Genvorräten behaupten, nicht aber über einzelne Büffel."
Dawkins nimmt hier etwas als gottgegeben ("muss man sagen können") an, was z. B. seitens der
Systemischen Evolutionstheorie längst bestritten wird.
(395) "In meinem Buch
The Extended Phenotype habe ich dargelegt, warum man den einzelnen Organismus nicht als selbstverständlich betrachten sollte. Ich meinte damit nicht das Individuum im Sinn des Bewusstseins, sondern einen einzigen, zusammenhängenden Körper, der von einer Haut eingehüllt ist und sich dem mehr oder weniger einheitlichen Zweck des Überlebens und der Fortpflanzung widmet. Dieser individuelle Organismus ist nach meiner Argumentation kein grundlegendes Element des Lebendigen, sondern er entsteht, wenn sich Gene - die zu Beginn der Evolution getrennte, gegeneinander kämpfende Gebilde waren - als 'egoistische Kooperatoren' zu Gruppen zusammentun. Der einzelne Organismus ist keine richtige Illusion - dazu ist er zu konkret. Aber er ist ein sekundäres, abgeleitetes Phänomen, zusammengesetzt durch die Tätigkeit von grundsätzlich selbständigen und sogar feindlichen Akteuren. Ich möchte die Idee hier nicht weiterentwickeln, sondern nur in Übereinstimmung mit Dennett und Blackmore den Vergleich mit den Memen einfließen lassen. Vielleicht ist das subjektive 'Ich', die Person, als die ich selbst mich fühle, eine ganz ähnliche Halbillusion. Der Geist ist eine Ansammlung grundsätzlich unabhängiger und einander sogar bekämpfender Akteure."
Ich halte eine solche Vorstellung für völlig abwegig.