8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
sperrig aber genial!, 12. November 2009
Die Sonne scheint durch die zerstörten Fenster der toskanischen Villa. In der gleißenden Sonne rührt sich nichts, Hana sitzt ruhig bei ihrem Patienten und liest ihm vor. Stundenlang lauscht der verbrannte und dem Tod geweihte Mann ihrer Stimme. Stundenlang lauscht die Krankenschwester den Schilderungen des Patienten. Der Mann erinnert sich anfangs an nichts und muss erst mühsam sein vergangenes Leben wiedererlangen. Der Krieg ist vorüber, die Deutschen sind abgezogen und die Landschaft liegt wieder verlassen da.
Zu den Zurückgelassenen gesellt sich Caravaggio, ein Mann, den nur der Name der Krankenschwester aus seiner Lethargie reißt. Er bricht sein Schweigen und fragt, wo die Frau ihren Patienten betreut. Kurz darauf erscheint er in der Villa. Er kennt Hana noch aus glücklicheren Tagen, war ein Freund ihres Vaters und bewunderte damals schon das kleine, selbstbewusste Mädchen. Doch nicht nur er, auch Hana ist innerlich zerstört. Der Krieg hat sie innerlich, ihren Patienten äußerlich verbrannt. Auch Caravaggio ist grau geworden. Die Deutschen folterten ihn, schnitten ihm die Daumen ab und ließen ihn laufen.
Vierter und letzter Gast in der Villa ist der Sikh Kip, ein Bombenentschärfer. Überall haben die Deutschen ihre Bomben hinterlassen, als sie abzogen. Die vier Menschen sind einsam, haben niemanden mehr, und erst die Ruhe und Melancholie der Villa lassen sie ein wenig zur Ruhe kommen. Ihre Lebensgeschichten, ihre Ängste und vielleicht auch ihre Hoffnungen kommen zögerlich, fast ohne es zu wollen, ans Tageslicht. Ihre Lebensgeschichte verläuft einige Wochen parallel, nicht gemeinsam, und sie verlieren sich wieder in eine unbestimmte, einsame Zukunft.
Mit ruhiger Stimme erzählt Ulrich Matthes die Geschichte von vier Menschen. Der Roman von Michael Ondaatje, ein äußerst komplexes Meisterwerk voller Versatzstücke, Rückblenden, Monologe, Erinnerungen, philosophischen Gesprächen und ruhigen Betrachtungen verschiedenster Sujets, wird - allerdings stark gekürzt - zu einer Studie der Zerstörung. Der Krieg hat nicht nur die Landschaft vernarbt, die Villa zerstört, sondern auch die Menschen, die in ihr Zuflucht gesucht haben. Ihre Wunden werden in leisen, fast unmerklichen Einblicken offenbart und ohne Voyeurismus und Sensationsgier, ohne Effekthascherei oder vordergründige Freud?sche Analyse ausgebreitet.
Es entsteht ein Mosaik von Erinnerungen, Gedanken und Betrachtungen, das nur das Ziel hat, die Menschen und ihr Leid in und nach einem Krieg darzulegen. Das Leid des Menschen durch den Menschen. Die Sinnlosigkeit dieses Leidens, betrifft es doch alle Menschen. Sieger und Besiegte, Gewinner und Verlierer gibt es nicht, sondern nur Betroffene und Zerstörte.
Ondaatje gelingt das Kunststück, dies sichtbar zu machen. Die leise Melancholie des Textes wird wundervoll von Matthes in das Medium Hörbuch transportiert. Ja, der Zuhörer gewinnt den Eindruck, dass dieses Buch erst durch den ruhigen, emotional tief beeindruckenden Berichtcharakter, den Matthes Stimmmodulation hervorruft, seine volle Entfaltung erfährt.
Ist das Buch oft zu geschwätzig, sind viele Monologe irreleitend und führen fort vom Grundgedanken des Buches, erreicht der dramaturgisch wohlüberlegte Aufbau dieses Hörbuches mit seiner Straffung der Erzählung, seiner Betonung auf den Gedanken der vier Protagonisten und seiner Fokussierung auf ihren inneren Wunden beinahe Perfektion.
Vor allem im Vergleich zum Film, der sich auf die allzu plakativ ausgestaltete Liebesgeschichte des "englischen Patienten" mit einer verheirateten Frau und deren Schicksal konzentriert, beweist dieses Hörbuch seine Qualitäten. Es reißt mit, bewegt den Zuhörer zutiefst, vermeidet aber in Kitsch und reine emotionale Betroffenheit abzugleiten.
Fazit: Dieses Hörbuch ist in meinen Augen ein Meisterwerk. Es ist dem Film in seiner literarischen Wertigkeit meilenweit überlegen, übertrifft sogar das Buch, weil es dessen Geschwätzigkeit und einige langatmige Passagen aus lässt und sich auf das Wesentliche der Geschichte konzentriert. Negativ anzumerken ist einzig die bereits dem Buch zugrunde liegende Beliebigkeit der ausgewählten Figuren. Weder dem Buch noch dem Hörspiel gelingt es, diese vier Personen und ihre Lebensgeschichten als notwendige Auswahl begreiflich zu machen. Die Beliebigkeit, zweifellos Kunstgriff des Autors, um die grundsätzlich zerstörerische Wirkung des Krieges begreiflich zu machen, lässt die Figuren seltsam isoliert im Raum stehen und verhindert eine Identifikation mit ihnen. Der Grundgedanke das Autors ist also zugleich Haupthindernis, sich vollends in das Geschehen und die vier Charaktere einzufühlen. Der Abstand, den diese vier Menschen zwischen sich aufbauen und niemals ganz aufzugeben bereit sind, scheint auch zwischen ihnen und dem Zuhörer zu bestehen. Aber auch das trägt zur Melancholie, dieses Hörbuchs bei. Das zugrundeliegende Buch von Ondaatje ist eben kein Unterhaltungsroman - auch wenn der Film diesen Eindruck erwecken könnte - sondern er ist ein komplexes Kunstwerk, teils sperrig, teils unverständlich, immer aber tief bewegend.
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5.0 von 5 Sternen
Zeitenüberwinderer, 28. Januar 2001
Es ist auch mein Lieblingsbuch. Man spürt, schon nach der ersten Seite, der Sand, die Luft und das Leben in und um die Wüste ist orangebraun, eine wunderschöne Farbe. Daneben ist die Stimmung die um und in der Villa erzeugt wird, in einer helles, hereingleitendes Tageslicht gehüllt; beide Farben also eindeutig schön, nostalgisch, romantisch und zugleich unbeschreiblich. Aber tatsächlich bildet dieses Licht einen Kontrast zur Geschichte des schwersten Krieges der Menschheit, der eher blau, grau, kalt und vernichtend ist. Bei Ondaatje ist er das auch, aber nur im Herzen, ein romantisches, ja fast schönes Untergehen vierer Menschen durch den Krieg; die fallenden leisen, weit entfernten Bomben wirken nicht bedrohlich, sondern passen sich wie selbstverständlich in das Bild ein. Die im Film so stark betonte längst vergangene Liebesgeschichte tritt in den Hintergrund; die Liebe der tatsächlich agierenden Personen wird offensichtlich; wobei die Annahme überwiegt, dass Hana eine eher einseitige Liebe gegenüber dem Patienten, Kip und Caravaggio hegt; es aber umso deutlicher ist, dass diese drei Hana wie wahnsinnig lieben; und sie vielleicht nur der Tragik wegen verlassen - oder verläßt sie sie? Der Roman läßt sich unendlich oft lesen, und genauso oft hat man das Gefühl, in eine einzigartige romantische Stimmung zu geraten, dass die Tragik bei jedem Male wächst aber auch schöner wird, und dass eine neue, andere Geschichte vor einem liegt...genauso spannend erwartet ist dann das Ende. Immer wieder entdeckt man einzigartig etwas anderes, etwas anderes Schönes. Und genauso sollte man das beschreiben, es ist ein schönes Buch, es geht nicht um den 2. Weltkrieg, es könnte ein Krieg den Hintergrund bieten, der 200 Jahre voher gespielt hat, oder der noch vor uns liegt. Auch wenn es nicht unverweigerlich mit dem historischen Umfeld verbunden ist, ist es doch ein historisches, und schönes, Buch, es läßt die Tränen fließen und sich besser fühlen - überwindet Zeit und Raum.
Das Puzzle fügt sich zu einem vollendeten Leben zusammen und läßt offen, wer der englische Patient wirklich ist. Nur wir selbst kennen die Antwort...
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Unter Fresken, 23. August 2007
Schriftsteller werden oft davor gewarnt, in Rückblenden zu erzählen. Ein Leser brauche eine lineare Erzählung, an der sich die Ereignisse wie Perlen aneinanderreihen. Ondaatje beweist in diesem Roman, daß vom Leben der Gestrandeten, der in einem Krieg Ausgespuckten nur noch eines Bestand hat: der Erinnerungsfetzen, das Puzzle, was einem geblieben ist, das Aussparen wollen von Bitterem, vom Schrecken, wie von Liebgewonnenem, daß man in seiner Abwesenheit nicht mehr erträgt.
Was in Italien wie ein Kammerspiel mit vier Personen daherkommt, öffnet sich in den Rückblenden zu einem breiten Kosmos der Welt vor und zu Zeiten eines Kriegs, entführt uns in die Wüste zu den Nomaden und in die ausgelagerte englische Gesellschaft im Ausland mit ihren halbseidenen Intrigen. Das Leben in der Nachkriegszeit ist nur unter Morphium für den Patienten zu ertragen. Er stirbt und sieht darin eine gerechte Strafe für eine zurückgelassene Liebe. Während der Dieb seinen Folterer sucht, sich zwischen Bombenentschärfer und Krankenschwester verstohlene Liebe ohne Zukunft regt.
Sie alle werden weiterziehen, entwurzelt leben. Sie klammern sich nur für einen Moment aneinander, um wieder zu Kräften zu kommen. Kräfte, die ihnen entzogen wurden und von denen sich nicht wissen, ob sie in alter Stärke zu ihnen zurückkehren. Wo wollen sie hin? In die Heimat zurück? Wo liegt die?
Ondaatje hat die Zerrissenheit der Menschen, die einen Krieg erlebt haben, ein literarisches Denkmal gesetzt. Es läßt niemanden unberührt zurück.
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