Ein einfacher Reisender war er nicht - dieser Mr. Yorick, den uns Laurence Sterne in seiner wunderbaren Reisebeschreibung "Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien des Mr. Yorick" vorgestellt hat. Dennoch hat er sich als solcher empfunden und seine Reiseeindrücke der Nachwelt hinterlassen: "Empfindsame Reisende (worunter ich meine Wenigkeit verstehe) als welcher gereiset ist, worüber Rechenschaft abzulegen ich mich nunmehr niedersetze - ebenso sehr aus Notwendigkeit und besoin de Voyager wie jeder andere dieser Klasse."
Diese "Rechenschaft" also lesen wir jetzt in einer herrlichen Neuübersetzung von Michael Walter in dem ebenso herrlich aufgemachten Band aus dem Galiani Verlag mit höchstem Vergnügen. Geschrieben hat dieses Reisetagebuch Laurence Sterne 1768. Da war der Autor längst eine literarische Größe, der mit dem "Tristram Shandy" einen Welt-Bestseller veröffentlicht hatte. Und nun - kurz vor seinem Tod - also der zweite literarische Streich, ein Hauptwerk "A Sentimental Journey through France and Italy. By Mr. Yorick". Und was für einer!
Unser Ich-Erzähler Mr. Yorick reiste also von England nach Frankreich. Hier, in Calais, beginnen die Abenteuer. Eine Dame, die ihm absichtlich oder versehentlich die Hand reichte (zweifellos für die damalige Zeit eine höchst erotische Geste), ist der Auslöser unendlich vieler, oft widerstreitender Gefühle. "Niedrige Leidenschaft! Sagte ich ... Gott behüte! Sagte sie und hob die Hand an die Stirne, denn ich hatte justament Fronte vor der Dame gemacht... Gott behüte, fürwahr, sagte ich, und bot ihre meine - Sie trug ein paar schwarze Seidenhandschuhe, offen nur an Daumen und zwei Vorderfingern, und so nahm sie meine Hand ohne Vorbehalt - und ich führte sie vor das Tor der Remise."
Diese Szene wird brillant ironisierend fortgeführt, denn die "pochenden Pulse in meinen Fingern, die ihre drückten, vermittelten ihr, was in meinem Innern geschah; sie senkte den Blick - einen Lidschlag lang herrschte Schweigen ....". Eine kleine Dose spielt hier mit erotischer Annotation eine entscheidene, zu vielen Weltbetrachtungen Anlass gebende Rolle. Alles und jedes ist weiterer Anlass für den empfindsamen Reisenden - so auch die Begegnung mit einem Zwerg - zu moralischen und philosophischen Betrachtungen, an denen er uns teilhaben lässt: "In meinem Innern regen sich gewisse kleine Prinzipien, die mich bestimmen, mitleidvoll zu sein gegen diesen armen versehrten Teil meiner Mitmenschen... Ich ertrag' es nicht mit anzusehen, wenn man einen wie mit Füßen tritt."
Und weiter also nach Paris. Passangelegenheiten zu zu regeln. Eine Begegnung "mit der jungen fille de chambre" gibt zu Vermutungen Anlass. Und immer wieder Beobachtungen vielfältigster Art - auch auf der weiteren Reise nach Italien. Hier wird's noch einmal heftig, als er in einer überbelegten Herberge mit einer dreißigjährigen Dame in einem Zimmer, fast in einem Bette schlafen muss, nicht ohne dass man sich unfreiwilligerweise(?) nahe kommt. Im rechten Augenblick tritt eine Kammerjungfer "dazwischen" - und jetzt Yorick: "Wie ich also die Hand ausstrecte, erhaschte ich der Kammerjungfer - ". Was wohl? Die Auslassung ist des Pudels Kern. Sterne lässt uns alles und jedes vermuten.
Der Autor hatte sich nicht nur den Ruf eines exzellenten Literaten erworben, er galt - zumindest nach dem "Tristram Shandy" als ausgemachter, "obszöner Lüstling", ein Ruf, den ihn störte und den er mit der "Sentimentalen Reise" widerlegen wollte; nicht, weil er nicht unmoralisch sein wollte - weit gefehlt; Er war es immer mit listigem Augenzwinkern; aber er wollte (so Hörner) nicht dafür gelten. Ganz ist es ihm kaum gelungen.
So vielfältig wie die Ansichten des Mr. Yorick sind auch die Aussichten, die der Leser auf der literarischen Reise mit Mr. Yorick genießt. Sterne ist auf diee Weise eine völlig neue Art der Reiseliteratur gelungen, die weit über die reine Deskription von Gesehenem und Erlebtem hinausgeht. Und so hatte sein Werk immense Auswirkungen auf eine ganze literarische Epoche, wie Wolfgang Hörner in seinem kenntnisreichen und sehr informativen Nachwort nachweist.
Uns, den Nachgeborenen, bleibt bis heute und darüber hinaus das uneingeschränkte Vergnügen an der Lektüre dieses Buches, das seinen besonderen Reiz durch die glänzende Übersetzung von Michael Walter bekommt.