Im Zuge der diesjaehrigen islaendischen Partnerschaft auf der Frankfurter Buchmesse schwappen natuerlich unzaehlige Buecher aus dem Inselstaat auf den deutschen Markt.
Viele sogenannte Erstlinge sind auch dabei - wobei einige nicht das Papier wert sind, etc. etc...
Eine angenehme Ausnahme zu dieser Regel hat der Englaender und zeitweise auch Wahl-Islaender Quentin Bates abgeliefert.
Selten habe ich mich in der letzten Zeit so gut mit einem nordischen Krimi unterhalten! Bates versteht es ausgezeichnet, die Figuren zu zeichnen, ja sicher - manchmal auch zu ueberzeichnen.
Was der Handlung und dem Gesamt-Eindruck aber keineswegs schadet - im Gegenteil, es hat seinen eigenen Reiz.
Gunna, Polizei-Chefin des imaginaeren Kuestenortes Hvalvik, ca. 100 km von Reykjavik entfernt, wird an die Fundstelle eines Ertrunkenen gerufen. Der Aermste scheint ohne weitere Gewaltanwendung angetrunken ins eisige Wasser gefallen zu sein...
Eine Annahme, die sich leider schon bald als Fehlschluss herausstellen soll.
Im Verlaufe der Ermittlungen lernen wir die unterschiedlichsten Persoenlichkeiten kennen: Einen Umwelt-Minister, der nicht so ganz koscher erscheint, seine Goetter-Gattin - PR-Guru, die groesste Probleme mit negativer Publicity, speziell im Internet, hat. Gunnas Chef, der nicht unbedingt zu den Entscheidungskraeftigsten gehoert und sein Maentelchen gerne nach dem Wind haengt, und, ja und...
Die wohl wichtigste Person (oder Gruppe), die sich hinter dem Namen "Skandalblogger" verbirgt und einen Blog betreibt, der vielen islaendischen Politikern und Promis nicht nur ein Dorn, sondern ein ganzer Balken im Auge ist.
Von Skandalblogger werden wir aufs Beste unterhalten; diese Einschuebe ueber das Gesellschafts- und Wirtschaftsleben Islands koennten nicht besser formuliert sein.
Die News, die uns in seinen Blogs uebermittelt werden, spruehen nur so von scharfem Witz und zeichnen sich durch gezieltes Insider-Wissen aus.
Letzteres - stellt sich bald heraus - kostete bereits zwei Personen das Leben, und die Bilanz der weiteren Opfer und der "Kollateral-Schaeden" an Menschen und Material wird steigen.
Nun, Gunnhildur muss sich nicht nur um die Leiche im Hafenbecken kuemmern, sondern auch um einen Jungreporter, der aus der Hauptstadt nach Hvalvik geschickt wurde, um Polizeiarbeit in der Provinz aus naechster Naehe kennenlernen zu koennen.
Nachdem unsere Heldin, die sich durch einen gehoerigen Dickkopf und die Nase eines Spuerhundes auszeichnet, die ersten prominenten Zehen plattgedrueckt hat, wollen korrupte Politiker dem Ganzen einen Riegel vorschieben.
Gilt es doch, ein Joint-Venture mit auslaendischen Investitoren auf die Beine zu stellen und kraeftig abzusahnen.
So wird ein Killer auf den Weg geschickt, um die Schaeden in Grenzen zu halten.
Teilweise aus dessen Blickwinkel eingefuegte Schilderungen lassen den Leser oft mehr wissen als die Ermittler, was der Spannung aber keinerlei Abbruch tut.
Langsam aber stetig graebt sich Gunna nicht zuletzt mit Hilfe ihres Reporters durch den zaehen Schlamm, der aus einer Alu-Grube, dem dazu extra zu errichtenden Kraftwerkes auf Kosten eines Naturparkes, und den erforderlichen finanziellen Mitteln besteht.
Und das genau ist das Positive an diesem Krimi, der im Sommer 2008 angesiedelt ist. Denn uns wird auch eine Lektion in Sachen Wirtschaft erteilt.
Dies oeffnet uns den Weg zum Verstaendnis, wie es eigentlich zum Zusammenbruch des islaendischen Banken-Systems, und des darauf folgenden Staatsbankrottes kommen konnte. Eine nationale Katastrophe, von der sich Island heute noch erholen muss.
Am Ende gipfelt die Handlung in einer furiosen Verfolgungsjagd, in der sich Gut und Boese ein erinnerungswuerdiges Duell liefern.
Mehr zur Handlung moechte ich hier nicht verraten.
Hier waere ein wenig schon zuuu viel.
Der Autor haette das Buch auch durchaus auf andere Art und Weise beenden koennen, aber der Schluss liegt perfekt auf der von ihm angelegten Schiene.
Ich weiss, dass im Januar 2012 ein Folgeroman auf Englisch erscheinen wird, Titel
Cold Comfort: An Officer Gunnhildur Mystery (Officer Gunnhildur Mysteries).
Und ich weiss ebenfalls, dass ich die Geschehnisse um Gunna und ihre Kollegen, und hoffentlich auch um den Skandalblogger weiterhin mit grossem Interesse verfolgen werde.
Wie immer kann ich nur noch anmerken, dass die Geschmaecker natuerlich verschieden sind, dass ein Debuet-Roman manches Mal noch etwas zu wuenschen uebrig laesst.
Dieser Erstling von Quentin Bates ist jedoch von ausgesprochen guter Qualitaet und laesst auf mehr hoffen.