Gleich in Kapitel eins geht der Autor Achim Dunker richtig ran - innerhalb einer Seite wird ein Großteil der grundlegenden Theorie erklärt (Einstellungsgrößen, Kameraperspektiven und Filmlicht), gerade für Leser, die schon die einen oder anderen Grundlagen in der Thematik besitzen, baut sich nun eine ungeheure Spannung auf: "Cool, das vordergründig Langweilige wäre abgehakt, in nur einer Seite - mal sehen, was nun kommt!" Die Spannung steigt in Kapitel zwei noch weiter - denn dieses erscheint einem wie eine 180-Grad-Kehrtwende - auf einmal geht es vergleichsweise gesehen fast um Philosophie - aber man merkt so langsam, in welche Richtung der Autor einen mitnehmen will, und vor allem wird einem klar: "Sehr gut, das ist kein langweiliges Standardwerk."
Und das wird es auf den folgenden 200 Seiten glücklicherweise auch nie. Wir kommen natürlich noch einmal zurück zu den Einstellungsgrößen (jaaa, geht ja auch nicht ohne), aber alle weiteren Themen (Perspektiven, Bildformat, Seitenverhältnisse, Bildformate etc. etc.) werden mit so vielen zusätzlichen Gedanken angereichert, dass man immer am Ball bleibt, auch wenn man schon das eine oder andere Werk zur gleichen Thematik gelesen hat. Zum einen merkt man, dass Achim Dunker aus der Praxis kommt und diese auch geschickt einsetzt, um Theorie zu untermauern, zum anderen ist es einfach erfrischend, ein Buch zu lesen, in dem man nicht bei 99% aller angeführten Filmbeispiele denken muss: "Mist, habe ich auch nicht gesehen, jaaaa, ich weiss, ist ein Klassiker, aber ich hab halt keine Zeeeit!!"
Wenn zum Beispiel "Vom Winde verweht" angeführt wird, dann wird er auch gleich "Slumdog Millionaire" gegenüber gestellt und die Analyse erhält dabei ganz neue Facetten.
Eine Reihe von interessanten Interviews, ein ausführlicher Teil über Bildgestaltung und Licht in der Malerei, ein Blick in die Avantgarde und einige kleine Zusatzkapiteln (wie z.B. Filmen mit DSLRs) - und schon sind die restlichen zweihundert Seiten durchgelesen.
Gerade am Ende, als in den Kurz-Kapiteln nochmal ein Blick auf bestimmte Formate (Mini-DV) und der Ausblick auf DSLR-Filmereich geworfen wird, bemerkt man leider schmerzlich, wie starr nun mal ein Buch ist und wie schnell es obsolet sein kann. Der DSLR-Ausblick ist nur so ausführlich geschrieben, wie es gerade noch geht, ohne drei Wochen später veraltet zu sein - das ehrt den Autor, aber es erweckt beim Leser den Wunsch nach mehr, weil sich so viele Fragen auftun. Ein digitales Buch, das sich automatisch mit neuen Inhalten, Links, Artikeln etc. speist wäre hier eine tolle Zukunftsvision.
Gibt es denn noch einen Kritikpunkt? Ja, einen gibt es - und zwar hätte ich mir als visuell veranlagter Leser mehr Bilder, mehr Beispiele gewünscht. Gerade bei einem Buch über "Bildgestaltung" kann man gar nicht genug (gute!) Bilder haben - so bis Seite 83 trifft das auch zu, auf den folgenden 50 Seiten wird nur ein 5sec Filmschnipsel in Einzelbilder aufgedröselt und zur Verschönerung des Layouts auf die Seiten geklatscht - entweder das Ganze hat einen höheren pädagogischen Wert, der sich mir noch nicht erschlossen hat, oder aber hier hat sich einfach etwas Lustlosigkeit breitgemacht, was ich bei einem Autor, der Bildgestalter ist, aber nicht ganz verstehen kann. Denn wenn der Inhalt stimmt (und der stimmt, durchgehend!) dann kann ich auch mal auf Bilder verzichten, dafür sollten dann aber dort, wo sie Sinn machen, weder Kosten noch Mühen gescheut werden, um welche zu finden und passend, den Text veranschaulichend, zu positionieren.
Fazit:
Achim Dunker überrascht garantiert auch denjenigen, der zum gleichen Thema schon fünf Fachbücher verschiedener Autoren gelesen hat - es gibt viel zu entdecken, einiges zu schmunzeln und genug im Hinterkopf zu behalten für den eigenen nächsten Dreh. Die nicht immer ganz so liebevolle Aufmachung, was die Anzahl der Bilder angeht, ist sicherlich Ansichtssache - wichtiger bei einem Buch ist ist, dass der Inhalt stimmt. Und mit diesem kann ich "eins zu hundert" eine Kaufempfehlung für eine große Leserschaft aussprechen - vom Anfänger zum Semiprofi, vom Kameramann zum Regisseur, vom Filmemacher zum Hochzeitsvideografen. Dass ein Buch naturgemäß einige (gerade aktuelle) Themen nur anschneiden kann, liegt in seiner Natur und sollte einladen - zum Googlen und entdecken. Denn nirgendwo lernt man "Bildgestaltung" besser, als hinter einer Kamera. Und dass diese Ansicht auch im Buch vertreten wird macht mir als Filmemacher den Autor und sein Werk einfach nur sympathisch.