Jede Sammlung von Kurzgeschichten, insbesondere wenn sie zu den früheren Werken von Autoren gehört, die erst später mehr Vollendung in ihren Stil brachten, hat dieses Merkmal: Es gibt die guten und es gibt die weniger guten. Dies gilt auch für Haruki Murakamis: "Wie ich eines Morgens im April das 100%ige Mädchen sah".
Der Band erhält neun Geschichten, ganz unterschiedlicher Machart, gleichwohl kreisen sie alle um die typischen Murakami-Themen: Vereinsamung, Verlust, Japan & der Kapitalismus, Japan & Werteverlust und natürlich die liebe Liebe, die den Figuren meist entgleitet wie feiner Sand in der Hand. Dazu die Elemente des Surrealistischen, Verzerrten und Rätselhaften, die Murakami einen nicht unwesentlichen Rang in der Gegenwartsliteratur einnehmen lassen. Bestes Beispiel hierfür ist der Gewinn des begehrten Franz-Kafka-Literaturpreises der Franz-Kafka-Gesellschaft, womit Murakami sich ein Stelldichein gibt mit Altmeister Philip Roth und den Nobelpreisgewinnern Elfriede Jelinek und Harold Pinter.
Wer die Kurzgeschichten in "Wie ich eines Morgens im April das 100%ige Mädchen sah" liest, der wird allerdings nur teilweise eine Ahnung von dem bekommen, was Murakami ausmacht.
Die Geschichte, welche der Sammlung ihren Namen gab, sticht gewiss im positiven Sinne hervor. Leser von "Gefährliche Geliebte" werden hier deutliche Parallelen ausmachen, gemeint ist das Wiedersehen der einen, ganz besonderen Frau. Ein weiteres durch und durch gelungenes Beispiel einer exzellenten Kurzgeschichte ist "Das Schweigen", wo so ganz nebenbei mal die Psychologie der Massen an einem Einzelschicksal sehr stimmig dargestellt wird - das ist große Kunst!
Dann und wann fehlt es den Charakteren jedoch ein bisschen an Substanz und ein psychologisches Innenleben bleibt ein wenig auf der Strecke, so etwa in "Lederhosen", gleiches gilt für "Der letzte Rasen am Nachmittag".
Fazit: Alles in allem eine gute Sammlung, die den Leser spüren lässt, dass da einer schreibt, der es kann. Der flüssige Stil ermöglicht Murakami Zugang zu einem breiten Publikum; dort, wo seine Geschichten zusätzlich Tiefgang haben, lässt er bereits großes Können aufblitzen; an anderer Stelle bleibt er etwas flüchtig, wovon er sich zum Teil auch heute noch nicht so ganz gelöst hat. Die Sammlung ist daher ein echtes Murakami-Substrat: Die guten und die schlechten, alle sind sie im Töpfchen.