In den vergangenen Jahrzehnten war Karlheinz Deschner mit der Abfassung seiner großangelegten und vielbändigen Kriminalgeschichte des Christentums vollauf beschäftigt. Daher ist "Für einen Bissen Fleisch" leider nur ein schmaler Band geworden. Stünde ihm ein zweites Leben zur Verfügung - dies äußerte Deschner in persönlichen Verlautbarungen wiederholt -, würde er es der Sache der Tiere verschreiben.
Der Band vereint intensive Aphorismen und kleinere Beiträge Deschners, die als Beiprodukte seiner Kriminalgeschichte des Christentums angesehen werden können. Ihr Grundton: Die größte Tragödie auf Erden ist nicht die menschliche, sondern die der Tiere; und das Christentum hat eine schreckliche Schuld daran, dass es dazu gekommen ist.
"Da die Krone der Schöpfung der Mensch, die Krone des Menschen der Pfaffe ist, lässt sich von ihm für das Tier am wenigsten erhoffen." Um das zu benennen, was Deschner dem Christentum als Kulturkriminologe vorwirft, müsste man das Wort Tierschmähung erfinden. Er belegt seinen Standpunkt mit biblischen Kulturbefehlen wie diesem: "Furcht und Schrecken vor euch über alle Tiere... in eure Hände seien sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, sei eure Speise." Mildernde Umstände lässt Deschner nicht gelten.
Zwar brüste sich die Christenheit damit, das Tieropfer schon in ihrer Frühzeit abgeschafft zu haben, was durchaus zutreffe. "Und doch hat sie mehr Tiere geopfert als jede andere Religion - nur nicht mehr Gott, sondern dem eigenen Bauch."
Für den Umstand, keine umfassende Kriminalgeschichte des Fleischkonsums vorgelegt zu haben, entschädigt uns Deschner mit unsterblichen Aphorismen wie folgendem: "Die Speisekarte - das blutigste Blatt, das wir schreiben."
Der Band schließt mit einem Nachwort von Nelly Moia, in dem die Autorin der Frage nachgeht, wie es die "biblisch infizierte Gesellschaft der Tierschänder" geschafft hat, die Menschen so einzulullen, dass sie ihren Leithammeln blind folgen, ohne zu merken, dass etwas nicht stimmt: Wie es sein kann, dass ein allgütiger Schöpfer zahllose seiner tierischen Geschöpfe entschädigungslos zugrundegehen lässt.
Ein Buch ohne Furcht und Tadel, wäre da nicht der Umstand, dass andere Kulturen offenbar keine christlichen Kulturbefehle nötig hatten und nötig haben, um sich gegen Tiere vergleichbar schändlich zu verhalten. Deschner findet in der Bibel "das umfassendste Unterjochungs- und Todesverdikt der Geschichte, infernalischer Auftakt der Deformierung eines Sterns zum Schlachthaus."
Nebenbei erwähnt er tierverachtende Tendenzen im Islam. Aber auch in den nicht jüdisch-christlich-moslemischen Teilen unseres Planeten ereignet sich das, was Deschner mit Gandhi das schwärzeste aller Verbrechen nennt. Von daher verliert der von ihm konzipierte Gegensatz zwischen dem "Monismus der alten Asiaten, Indianer" einerseits und den "monotheistischen Gottesanbetern" (Juden, Christen, Moslems) andererseits leider täglich an Bedeutung, weswegen "Für einen Bissen Fleisch" von den Angehörigen aller Kulturen gelesen werden sollte.
Karim Akerma, Vegetarierbund Deutschland e.V. (www.vebu.de)