Das schmale Bändchen enthält fünf Geschichten, die inhaltlich nicht verbunden sind. Die Titelgeschichte In a Free State umfassst rund 120 Seiten. Zwei weitere Erzählungen belegen je rund 40 Seiten. Dazu kommen zwei sehr kurze Stücke von je rund fünf bis sieben Seiten.
Inhaltlich nicht verbunden - doch thematisch sehr wohl: Auch In a Free State zeigt wieder die typischen entwurzelte Figuren aus Naipauland, wie man sie seit etwa 1960 kennt: Indischstämmige Trinidadians in London, Weiße in Afrika, ein schockierter Inder in Washington DC. Besonders kurios: Mexikaner mit indischem Turban in Washington, schwarze und weiße Hippies im Indiendress - und Chinesen in Ägypten. Auch ein weiteres Naipaul-Thema zieht sich durch die Geschichten: die Menschen gehen böse miteinander um, nutzen sich aus, haben kein Mitleid, sind stumpf und unkalkulierbaren Mächten ausgeliefert.
Das Bändchen beginnt mit dem kurzen Bericht einer Schiffspassage von Piräus nach Alexandria. Es geht um die buntgemischten Passagiere - Ägypter, Libanesen, Spanierinnen - und vor allem um einen "Tramp" und dessen Behandlung als Außenseiter. Nach wenigen Zeilen erzeugt diese kurze Erzählung eine perfekte Atmosphäre, man riecht förmlich die Gischt und den Zigarettenrauch in der Bar. Eine meisterliche Tagebuchnotiz.
Die Geschichte über einen schlichten indischen Diener, den es nach Washington DC verschlägt und der dort einen massiven Kulturschock erleidet, hat überraschend komische und leicht melancholische Züge - ein Naipaul-Ton, der vielleicht zuletzt in A House for Mr. Biswas erklang. Der fremde Blick auf die westliche Welt und das Verhalten des Dieners in dieser Umgebung amüsieren. Statt 40 hätte ich hier gern auch 400 Seiten gelesen.
Doch schon folgt die nächste Erzählung: Westindische Brüder, die schließlich nach London gelangen und in Schwierigkeiten geraten. Das staubig-ärmliche Ambiente in Trinidad, das triste Hausen in London - auch das ist aus vielen Naipaulbüchern vertraut. Naipaul schreibt hier als Ich-Erzähler in teilweise leicht falschem Englisch, das aber lange nicht so unterhält wie das Pidgin-English aus Miguel Street oder The Mystic Masseur; mich hat es eher gestört.
Danach das Meisterwerk: Das Titelstück In a Free State begleitet zwei Weiße auf einer zweitägigen Autofahrt durchs weite, leere Afrika, möglicherweise Uganda. So wie die Wolken am Horizont wandern, verschieben sich auch Landschaften, Stimmungen, Beziehungen; Landschaft und Atmosphäre schildert Naipaul ungemein packend und mitvollziehbar. Gefahren entstehen, scheinen abzuklingen und tauchen unverhofft wieder auf. Sicher ist nichts und niemand in diesem "freien Land". Das Ganze in dieser schlanken, präzisen, männlichen, mitleid- und standpunktlosen Naipaulsprache, in der jedes Wort und Semikolon seinen Zweck erfüllt.
Naipaul spricht hier äußerst schlecht über Schwarzafrikaner, ihre Denk- und Lebensweise, Hygiene, Körpergeruch, lauter verächtliche Worte.
Neben der allgemeinen Schilderung faszinieren auch die Dialoge; sie sind zwar etwas erratisch und voller unvermittelter Themenwechsel, passen jedoch hervorragend zur Stimmung. Ein Blogger wies auf eine Logiklücke hin: Der Hauptdarsteller hält unaufgefordert an einem Militärposten; das würde ein erfahrener Weißer in Afrika nie tun.
Nach der zweitägigen Autofahrt aus In a Free State war ich regelrecht erschöpft, ich konnte mir keinerlei andere Lektüre danach vorstellen. Diana Athill, Naipauls erfahrene Lektorin, und andere Ratgeber wollten das Stück In a Free State ohne weitere Geschichten drumherum herausgeben, doch Naipaul bestand auf dem Fünferpack. Und so folgt auf In a Free State noch ein kurzes Stück über Chinesen und Italiener in Ägypten; es ist nicht schlecht, aber es passt überhaupt nicht dorthin.
Freie Assoziationen zu anderen Naipaul-Büchern:
- Die Kombination der Orte im Sammelband In a Free State erinnert an Half a Life, das ebenfalls in Indien, London und Afrika spielt, hier mehr schlecht als recht durch eine Rahmenhandlung verbunden.
- A Bend in the River ist ein weiterer starker Afrikaroman von V.S. Naipaul, er wirkt etwas weniger grimmig und verächtlich.
- Der melancholische, bauernschlaue Diener, den es nach Washington verschlägt, erinnert etwas an den kauzigen Titelhelden aus A House for Mr. Biswas.