- Taschenbuch: 284 Seiten
- Verlag: Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag (1997)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 315009660X
- ISBN-13: 978-3150096604
- Größe und/oder Gewicht: 15,2 x 10 x 1,6 cm
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Hilary Putnams Erneuerung der Philosophie
Philosophen sagt man nach, sie stünden dem Leben fern. Trotzdem lernen sie dazu. Die «grossen Denker» sind oft nicht bei ihren Überzeugungen geblieben. So gibt es den «vorkritischen» und «kritischen» Kant. In unserem Jahrhundert war es Wittgenstein, der als jugendlicher Autor des «Tractatus» und reifer Kritiker seiner selbst in den «Philosophischen Untersuchungen» ein Beispiel für die Vernünftigkeit des Überzeugungswandels gegeben hat. Auch der amerikanische Philosoph Hilary Putnam hat sein philosophisches Credo gewechselt. Putnam II, der pragmatische Humanist, kritisiert heute Putnam I, den «szientistischen Funktionalisten».
Die Erneuerung der Philosophie, für die Putnam plädiert, ist auch eine Selbsterneuerung. Es wäre jedoch falsch, deutete man Putnams Gifford Lectures von 1990, die jetzt in der sehr guten Übersetzung von Joachim Schulte bei Reclam vorliegen, nur als Auseinandersetzung mit der eigenen intellektuellen Biographie. Auch wenn der Text anfangs selbstbezogen daherkommt, konzentriert er sich bald auf äussere Gegner: Jerry Fodor und Bernard Williams auf der Seite der szientistischen Philosophen, die eine analytische Metaphysik des absoluten Standpunktes vertreten, Jacques Derrida zusammen mit Nelson Goodman, die andererseits den Relativismus repräsentieren.
Tendenzen
Beide Richtungen begehen nach Putnam den Fehler, aus dem Mangel an einer überzeugenden Theorie der Wahrheit, der Vernunft und des Zeichenbezugs übertriebene Konsequenzen zu ziehen. Der «Absolutismus» irrt, indem er wissenschaftliche Phantasiegebilde, philosophische Science-fiction, produziert, in denen am Ende aller Forschung klar geworden sein soll, was Wahrheit und was Vernunft ist. Der «Dekonstruktivismus» geht fehl, wenn er aus der Unbegründetheit unserer intellektuellen Unternehmungen gleich ein Scheitern der westlichen Zivilisation, die angeblich «logozentristisch» war, ableitet und die Rede über Vernunft, Wahrheit und Zeichenbedeutung für obsolet erklärt: «Die Philosophie kann (. . .) weder Parawissenschaft noch Parapolitik sein.» Beide Tendenzen sind nach Putnam Symptome einer Krankheit: der Unfähigkeit, «die Welt und andere Menschen anzuerkennen, ohne dabei Garantien in Anspruch zu nehmen». Die Suche nach letzten Rechtfertigungen entspringt dem Bedürfnis nach einer garantierten Weltauffassung angesichts ständig gewandelter Erfahrung. Die dekonstruktivistische Verzweiflung ist das Leiden am Mangel solcher Garantien.
Zwar gehört nach Putnam die Entfremdung von Welt und Mitmenschen, die hinter diesen Positionen steht, zur Conditio humana, doch man muss lernen, mit ihr zu leben, ohne in philosophische Übertreibungen zu flüchten. Sieht man ein, dass unser Denken «weder auf Beweisen noch auf Vernunft beruht, sondern darauf, dass man sich auf etwas verlässt», dann verschwindet das Bedürfnis nach philosophischer Wissenschaftseschatologie oder dunkler Kulturdiagnostik. Das Denken, das Putnam empfiehlt, hört auf, wissenschaftliche Theorien zu antizipieren oder Programme der Bewertung des Abendlandes und seines vorherzusehenden Unterganges abzuliefern; es wird «Beobachtung und Kritik unserer Lebensform». Solches Philosophieren kann man nach Putnam von Wittgenstein und Dewey lernen. Denn Wittgenstein zeigt in seiner Religionsphilosophie, dass unbegründete Rede sehr wohl unser Leben organisiert, ohne irrational zu sein, ja dass wir manchmal (im Falle der religiösen Rede) sogar aufhören, sie zu verstehen, wenn wir nach Rechtfertigungen suchen. Und seit Dewey ist klar: Menschliche Probleme sind eher in einer demokratischen Kultur, in der nicht mehr eine Gruppe von Menschen den anderen sagt, was sie glauben und tun sollen, zu lösen als dort, wo Verwalter letzten Wissens andere am Denken hindern.
Ein Missverständnis
Putnam trägt seinen humanistisch-demokratischen Pragmatismus mit grosser Überzeugungskraft vor. Doch er missversteht dabei die metaphysische Tradition. Welche Probleme Menschen in demokratischen Kulturen zu lösen haben, liegt nicht auf der Hand. Welche Elemente ihrer Lebensform ihnen fremd geworden sind, ist meist unklar. Hier bedarf es der verfremdenden Spekulation, die unbeteiligt am Geschäft der Menschen ist; eines Blickes von aussen, um Zielvorstellungen und Entfremdungserscheinungen zu kritisieren. Die klassische Metaphysik beerbte den platonischen Sokrates, der mit merkwürdigen Reden den Athenern ihre Orientierungslosigkeit erst vor Augen führte. Selten dürfte es in der Tradition um die Endgültigkeit einer absolutistischen Wissenschaft gegangen sein, wie sie uns Williams am Beispiel des Descartes präsentiert. Putnam bläht in seiner Metaphysikkritik ebenso wie Derrida geistige Erscheinungen unserer Gegenwart zu Problemen der metaphysischen Tradition überhaupt auf. Für eine Erneuerung der Philosophie sollten wir uns abgewöhnen, die philosophische Tradition entweder als Ikonensammlung anzubeten oder als Geschichte des geistigen Verfalls zu verdammen. Dass vernünftige Philosophie auf die Intensität der historischen Sensation verzichten kann, demonstriert Putnam in diesem Buch auf beeindruckende Weise.
Michael Hampe
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