Ich bin 23 Jahre alt und habe in diesem Alter zum 1. Male Marcuse gelesen. Mich hat beeindruckt, wie universell und wahrhaftig das Buch ist. Sein Wahrheitsanspruch dürfte sich auch gerade in der aktuellen Reformdebatte und gegenüber der jetzt ins Berufsleben einsteigenden bzw. sich für das Berufsleben qualifizierenden Generation behaupten. Sieht man mal von einigen streng zeittypischen Phänomenen ab, so hat Marcuse's Hauptwerk seine Aktualität nicht eingebüßt.
Den Menschen, der sich voll und ganz dem Produktionsapparat unterordnet, der seine Ecken und Kanten in einem selbstzerstörerischen, anti-individuellen Prozess abschmirgelt, der mainstream zum Leitmotiv seines Lebens macht (und sich noch einbildet, dies sei sein und ihr "ganz eigener" und frei bestimmter, gekorener Weg), kann jeder aufmerksame Zeitgenosse gerade an unseren Fakultäten wieder beobachten.
Gerade Intellektuelle (oder besser: im tertiären Sektor Ausgebildete) sind angesichts einer hohen Akademikerarbeitslosigkeit einem hohen Druck ausgesetzt; da ist die Versuchung groß, sich früh zu fragen: Wenn ich nun ein Produkt bin, wie genau muß ich sein, um am Markt gegen ein auskömmliches Einkommen als Gegenleistung NACHGEFRAGT zu werden?
Das führt dazu, daß Leute, die mit Fremdsprachen nichts am Hut haben Fremdsprachen lernen ("weil soft skills / basics wichtiger sind denn je"); daß Praktika bei Prestige-Unternehmen gemacht werden; das gar etwas studiert wird, was mal marktrelevant sein könnte. Für mich ist das DIE derzeitige Neurose der aktuellen Akademiker-Generation: Sich dem Rechtfertigungsdruck unter den sog. Marktgesetzen zu beugen und das eigene Ich zu verleugnen.
Daß wir die Industriegesellschaft nicht mehr haben, mag stimmen. Nur wurde sie eben nicht durch eine emanzipierte Individualgesellschaft ersetzt, sondern durch eine Dienstleistungsgesellschaft, die wie eh und jeh (oder sogar noch mehr) von Konsumdenken und selbstzerstörerischem Totalitarismus des Marktes und der Lebenswege geprägt ist. Und das sage ich, obwohl ich alles andere als ein politisch "Linker" bin...
Wer Marcuse aufmerksam liest, wird vieles von heute wiederfinden!