Die Rede von "Faszinosum" Nationalsozialismus hat schon einem Bundestagspräsidenten das Amt gekostet - obwohl er hundertprozentig recht hatte! Der Nationalsozialismus war gerade deswegen das große Verhängnis der deutschen Geschichte, weil er die Menschen aller Richtungen, Altersklassen und Schichten wenigstens in den ersten Jahren mitriss, bis es dann zu spät war.
Dieses Faszinosum bekam vor allem die Jugend zu spüren, die nach der Zerschlagung der bündischen Jugend in den nationalsozalistischen Staat lückenlos integriert wurde. Und das ohne sonderlichen Zwang, denn Hingabebereitschaft, Abenteuer, Kameradschaft und Bewährung, das Erbe der Wandervogelbewegung, wurde von den Machthabern auf das Perfideste instrumentiert.
Max von der Grün hat es in dem vorliegenden Buch unternommen, diese Verhexung der Jugend durch das Dritte Reich aus einer Doppelperspektive heraus zu erklären: einerseits schildert er seine Jugend von der der Geburt im Jahre 1926 bis zu seiner Gefangennahme an der Westfront im Jahre 1945, andererseits konstrastiert er diese biographischen Fakten mit allgemeingeschichtlichen Erläuterungen. Der Leser kann sich also mit Max von der Grün dem Problemfeld Jugend im Dritten Reich durch die Froschperspektive und die Vogelperspektive gleichzeitig nähern.
Dabei machen die biographischen Passagen den eigentlichen Wert des Buches aus. Was der kleine Max in der Schule erlebte, wie ihm sein Deutschlehrer humanistische Lektüre empfahl, wie er trotzdem so gerne in die HJ wollte, weil alle seine Kameraden dort herrliche Geländespiele veranstalteten, wie der Großvater dem SA-Onkel eine klebte und der HJ-Führer einen kleinen Jungen zusammenschlug, der die Hakenkreuzfahne nicht grüßen wollte, ist eindrucksvoll beschrieben. Hier befindet sich reichlich Stoff für ein umfangreicheres und möglicherweise noch gelungeneres Jugendbuch.
Die allgemeingeschichtlichen Passagen kann man in ihrer schulbuchmäßigen Präsentation nicht gleichermaßen loben, sie kommen reichlich hausbacken daher und sind auch nicht durchweg frei von Fehlern ( so entstand die Dolchstoßlegende nicht Ende der Zwanziger sondern im Jahre 1919 ). Als Einführungslektüre für einen Mittelstufenschüler ist das Buch trotzdem empfehlenswert, weil es Konkretes und Abstraktes, Biographien und Weltgeschichte insgesamt nachvollziehbar verbindet.