Aus der Amazon.de-Redaktion
Man kann die Geschichte und Gegenwart der Araber nicht verstehen, hat Rafik Schami einmal gesagt, ohne das Verbot der Liebe. Hiervon erzählt der neue Roman des Dichters: von den Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Zuneigung unter schwersten Bedingungen, unter dem Gesetzeszwang der Sippe. Aber erzählt noch wesentlich mehr. Er erzählt vom Leben im Schatten der Diktaturen, von zwielichtigen Geheimdienstoffizieren, redseligen Taxifahrern, verrückten Matrosen, einem ehrgeizigen Kommissar und einer schönen Witwe. Und er erzählt -- wie immer -- auch von der zauberhaften Stadt Damaskus, aus der Schami stammt und deren Gerüche und Geräusche er meisterhaft wie kein zweiter immer wieder neu heraufzubeschwören versteht.
Dreißig Jahre hat Schami an seinem Buch geschrieben, und dies merkt man ihm beileibe an -- und auch wieder nicht. Denn so weise und durchdacht komponiert es daherkommt, so sehr erscheint es doch aus einem, schnell heruntergeschriebenen Guss. So ist die Erzählung rund um Jasmin Schahin, die gegen den Willen der Familie einen Muslim heiratet, und um zwei Clans und deren Blutsfehde ein faszinierendes und verstörend fremdländisches Meisterwerk der Erzählliteratur von nahezu Shakespeareschen Ausmaßen geworden, dass auf viel zu wenigen Seiten eine ganze Welt entfaltet und die Schicksale einzelner Menschen raffiniert mit der Geschichte Syriens verknüpft. Da kann man bei der packenden Lektüre sogar noch eine Menge lernen. --Isa Gerck
Pressestimmen
"Eine Kaskade von Geschichten, die sich immer wieder flammend neu entzünden. Eine arabische Variante von Romeo und Julia mit einem glücklichen Ende, wunderbar leicht zu lesen. ... Ein modernes arabisches Sitten-Tableau, das die Distanz zum abendländischen Empfinden sinnlich werden lässt. Es ist zugleich die ungeheuere Liebeserklärung an Damaskus in seiner ostwestlichen Spannung, die vermutlich nur einem Exilierten gelingen konnte." Angelika Overath, Neue Zürcher Zeitung, 27./28.11.2004 "Rafik Schami führt den roten Faden seiner Erzählung so gekonnt durch die Kapitel hindurch, lässt ihn Schauplätze, Zeiten und Personen auf immer neue Weise zusammenführen, dass die Geschichte Syriens vom Ende des Osmanischen Reichs bis in die 1970er Jahre darin ebenso meisterhaft eingefangen und eingesponnen ist wie die seiner Protagonisten. ... Rafik Schamis Roman ist ein Fest für die Einbildungskraft, eine eher gottlose Komödie und ein großes tragisches Epos." Ulrich Baron, Süddeutsche Zeitung, 06.10.04 "Ein bunter Bilderbogen der syrischen Gesellschaft, manchmal schön, manchmal grausam. ... Geschickt verwebt Rafik Schami Humor und Tragik und will vor allem eines: seinen Leser auf kluge Weise unterhalten. ... Ein wahrhaft großer Roman, ein Buch, das den Leser über fast eintausend Seiten hinweg in seinen Bann zu ziehen vermag." Irene Binal, ORF, 03.10.04 "Schami verknüpft wie bei einem meisterhaft gewebten Teppich Politik, Liebesdramen, Familiengeschichte, Realität und Fiktion. Entstanden ist ein buntes orientalisch exotisches Werk voller Gefühl, Poesie und Dramatik." Margarete von Schwarzkopf, NDR 1, 12.10.04 "Eine arabische Variante von Romeo und Julia mit einem glücklichen Ende, wunderbar leicht zu lesen." Angelika Overath, WDR 3, 05.10.04
"Ein Meisterwerk. Ein Wunderding der Prosa, dessen Elemente gemischt sind aus Mythen und Mären, Fabeln, Legenden und einer wunderschönen Liebesromanze - fliegender Teppich von Sindbad und sehr reale Verwüstungen dieser Erde. Die Kunstfertigkeit, mit der Rafik Schami seinen Zauberteppich geknüpft hat, die dunkle Wolle von Blutrache, Stammesfehden und Familienzwist, durchschossen vom leuchtend schimmernden Silberfaden der Liebe, dabei ständig neue Figuren-Ensembles zusammenfügend zu Bildern ganz unvergesslicher Eindrücklichkeit: schlechterdings bewundernswert. Sein Atem, seine Kraft gehen nie aus. ... Versichern möchte ich die Leser: Sie werden eine Schehezerade miterleben in blitzender Farbigkeit. Einen großen Liebesroman, der uns die spitzen Messer der Trauer nicht erspart. "Eine kleine Hoffnung erstarb in einer fernen Ecke seines Herzens" ist der letzte Satz. Ecce-Poeta." Fritz J. Raddatz, Die Zeit, 07.10.04 "Rafik Schami ist einer der besten deutschsprachigen Geschichtenerzähler - und diese Gabe macht seinen neuen Roman zu einer absolut unwiderstehlichen Familiensaga und zu einem mörderischen Krimi obendrein ... ein grandioser Roman." Brigitte, 15.09.04 "Ein opulentes Geschichten-Mosaik über ein Jahrhundert auf fast 900 Seiten." Cosima Lutz, Die Welt, 18.09.04 "Ein pralles, lebenssattes Opus Magnum! Einzigartig in der deutschsprachigen Literatur, denn Rafik Schami hat einen so fabulierfreudigen wie ironisch-distanzierten Ton gefunden, mit dem er auf all die Schrecknisse des Lebens in nachgerade fröhlicher Demut reagiert. ... Ein grandioses Buch - und eines der kühnsten, ergiebigsten und schönsten Welterfassungsprojekte der letzten Jahre." Florian Felix Weyh, DeutschlandRadio, 09.09.04 "Die Fremdheit der arabischen Welt wird in Schamis Roman sofort vertraut - auf 896 Seiten in 300 Geschichten zwischen Trauer und Schmunzeln, Krimi und Poesie." Süddeutsche Zeitung, 16.09.04
"Ein Meisterwerk. Ein Wunderding der Prosa, dessen Elemente gemischt sind aus Mythen und Mären, Fabeln, Legenden und einer wunderschönen Liebesromanze - fliegender Teppich von Sindbad und sehr reale Verwüstungen dieser Erde. Die Kunstfertigkeit, mit der Rafik Schami seinen Zauberteppich geknüpft hat, die dunkle Wolle von Blutrache, Stammesfehden und Familienzwist, durchschossen vom leuchtend schimmernden Silberfaden der Liebe, dabei ständig neue Figuren-Ensembles zusammenfügend zu Bildern ganz unvergesslicher Eindrücklichkeit: schlechterdings bewundernswert. Sein Atem, seine Kraft gehen nie aus. ... Versichern möchte ich die Leser: Sie werden eine Schehezerade miterleben in blitzender Farbigkeit. Einen großen Liebesroman, der uns die spitzen Messer der Trauer nicht erspart. "Eine kleine Hoffnung erstarb in einer fernen Ecke seines Herzens" ist der letzte Satz. Ecce-Poeta." Fritz J. Raddatz, Die Zeit, 07.10.04 "Rafik Schami ist einer der besten deutschsprachigen Geschichtenerzähler - und diese Gabe macht seinen neuen Roman zu einer absolut unwiderstehlichen Familiensaga und zu einem mörderischen Krimi obendrein ... ein grandioser Roman." Brigitte, 15.09.04 "Ein opulentes Geschichten-Mosaik über ein Jahrhundert auf fast 900 Seiten." Cosima Lutz, Die Welt, 18.09.04 "Ein pralles, lebenssattes Opus Magnum! Einzigartig in der deutschsprachigen Literatur, denn Rafik Schami hat einen so fabulierfreudigen wie ironisch-distanzierten Ton gefunden, mit dem er auf all die Schrecknisse des Lebens in nachgerade fröhlicher Demut reagiert. ... Ein grandioses Buch - und eines der kühnsten, ergiebigsten und schönsten Welterfassungsprojekte der letzten Jahre." Florian Felix Weyh, DeutschlandRadio, 09.09.04 "Die Fremdheit der arabischen Welt wird in Schamis Roman sofort vertraut - auf 896 Seiten in 300 Geschichten zwischen Trauer und Schmunzeln, Krimi und Poesie." Süddeutsche Zeitung, 16.09.04
Kurzbeschreibung
Über dem Tor der Pauluskapelle in Damaskus hängt eines Morgens ein Toter. Bei dem Ermordeten handelt es sich um einen muslimischen Offizier. Als Kommissar Barudi die Witwe verhören will, wird ihm der Fall vom Geheimdienst entzogen. Heimlich recherchiert er weiter und findet das Tatmotiv: eine Blutfehde zwischen den Clans der Muschtaks und der Schahins. In vielerlei Facetten schildert Schami den eskalierenden Wahnsinn von Hass und Gewalt und die akute Bedrohung für den, der sich dem Diktat der Sippe nicht beugt. Zugleich erzählt er in poetischen Geschichten von einer Liebe, die eigentlich nicht sein darf, weil Versöhnung nicht vorkommt in den alten Familienstrukturen, und vom Mut der Liebenden, denen der Tod droht und die dennoch die Unterdrückung ihrer Leidenschaft nicht zulassen wollen.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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Über den Autor
Rafik Schami, geboren 1946 in Damaskus, kam 1971 nach Deutschland, studierte Chemie und legte 1979 seine Promotion ab. Heute lebt er in München. Er ist Mitbegründer der Literaturgruppe 'Südwind' und zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellern deutscher Sprache. Sein Werk wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis, dem Hermann-Hesse-Preis, dem Prix de Lecture und mit dem Hans-Erich-Nossack-Preis ausgezeichnet. 2007 erhielt Rafik Schami den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund und 2011 wurde er mit dem Menschenrechtspreis "Gegen Vergessen - Für Demokratie" ausgezeichnet.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ein warmer Wind fegte von Süden über die Ibn-Assaker-Straße. Der Tag hatte seine graue Maske noch nicht abgestreift. Hinter der Altstadtmauer erwachte Damaskus unwillig wie ein verwöhntes Mädchen. Die ersten Busse und kleinen Transporter fuhren mit höllischem Lärm über die lange Straße. Sie transportierten Hilfsarbeiter aus den umliegenden Dörfern zu den vielen Baustellen im neuen Stadtviertel. Einer der Bauarbeiter, ein Mann von kleiner Statur, lief am Straßenrand auf und ab, von Bab Kisan, dem Eingang der Buloskapelle, ein Stück Richtung Osttor und wieder zurück. Er wartete auf seinen Bus. In der linken Hand trug er wie alle Arbeiter aus dem bäuerlichen Umland sein Proviantbündel aus verblichenem blauem Stoff. Mit der rechten gestikulierte er heftig, als ob er auf einen unsichtbaren Gesprächspartner einreden würde. Die Schleife, die er ging, wurde immer länger, als wünschte er, dass der Bus bei der nächsten Kehrtwende auftauchte. Gerade als die Sonne die oberste Kante der alten Stadtmauer golden erleuchtete, drehte er sich wieder um. Dabei richtete er die Augen kurz nach Süden. Sein Blick fiel auf den großen Korb, der über dem Eingang der Buloskapelle hing, dem Ort, wo der Legende nach der geläuterte Kirchengründer Bulos nach seinem Damaskus-Erlebnis in einem Korb seinen Häschern über die Mauer entkam. Aus dem immer noch im Schatten hängenden Korb reckte sich eine Hand, als gehörte sie einem Ertrinkenden. Noch im selben Moment wusste der Bauarbeiter, dass der Mann, dem diese Hand gehörte, tot war. Auf einmal wurde ihm alles andere gleichgültig: der Bus, die Fliesen, die er auf seinem Rücken drei Treppen hoch schleppen musste, und sogar der Streit mit seinem geizigen Meister. »Da ist ein Toter im Korb!«, schrie er vor Aufregung, und als endlich ein Polizist vorbeikam, der verschlafen zu seinem Revier am Osttor radelte, wandte er sich so heftig an ihn, dass der beleibte Beamte nur mühsam das Gleichgewicht hielt. Entsetzen überzog das Gesicht des Polizisten, als der kleine Mann wie von Sinnen an seiner Lenkstange rüttelte und unentwegt wiederholte: »Ein Toter! Ein Toter!« Ein Verrückter, dachte der Polizist. Widerwillig wandte er den Blick zu der Stelle, auf die der Arbeiter ständig deutete, und sah den inzwischen ganz ins Morgenlicht getauchten großen Korb. »Was für ein Toter? Sind Sie verrückt geworden? Lassen Sie mein Rad los!« Er hatte in seinen dreißig Dienstjahren überall Tote gesehen: im Bett, im Kanal und sogar erhängt auf einer Toilette, aber noch nie in einem Korb über der Stadtmauer. »Beruhigen Sie sich!«, versuchte er auf den Mann einzureden. »Da ist kein Toter. Die Christen feiern nur die Erinnerung an ihren Apostel Bulos, der hier an dieser Stelle floh.« Und er beäugte noch einmal den Korb, der schon seit Wochen über dem Tor hing. Doch statt in den Bus einzusteigen, der endlich kam, ereiferte sich der Bauarbeiter weiter. Er klammerte sich an das Fahrrad des Polizisten. »Und ich sage Ihnen, da liegt ein Toter drin«, brüllte er heiser. Der Busfahrer, der neugierig geworden war, schaltete den Motor ab und stieg aus dem Wagen. Ihm folgten mehrere Fahrgäste. Alle umringten den Polizisten und bestärkten ihren Kollegen in seiner Vermutung. Endlich lenkte der Polizist ein und versprach, die Kriminalpolizei zu verständigen, doch zugleich bestand er darauf, den Mann, der ihm den Morgen verdorben hatte, als Zeugen zu benennen. Er schrieb die Personalien auf und ermahnte ihn, sich jederzeit zur Verfügung zu halten. Dann radelte er weiter. Auch der Busfahrer setzte seine Fahrt gen Norden fort.
Auszug aus Die dunkle Seite der Liebe von Rafik Schami. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ein warmer Wind fegte von Süden über die Ibn-Assaker-Straße. Der Tag hatte seine graue Maske noch nicht abgestreift. Hinter der Altstadtmauer erwachte Damaskus unwillig wie ein verwöhntes Mädchen.
Die ersten Busse und kleinen Transporter fuhren mit höllischem Lärm über die lange Straße. Sie transportierten Hilfsarbeiter aus den umliegenden Dörfern zu den vielen Baustellen im neuen Stadtviertel. Einer der Bauarbeiter, ein Mann von kleiner Statur, lief am Straßenrand auf und ab, von Bab Kisan, dem Eingang der Buloskapelle, ein Stück Richtung Osttor und wieder zurück. Er wartete auf seinen Bus. In der linken Hand trug er wie alle Arbeiter aus dem bäuerlichen Umland sein Proviantbündel aus verblichenem blauem Stoff. Mit der rechten gestikulierte er heftig, als ob er auf einen unsichtbaren Gesprächspartner einreden würde. Die Schleife, die er ging, wurde immer länger, als wünschte er, dass der Bus bei der nächsten Kehrtwende auftauchte.
Gerade als die Sonne die oberste Kante der alten Stadtmauer golden erleuchtete, drehte er sich wieder um. Dabei richtete er die Augen kurz nach Süden. Sein Blick fiel auf den großen Korb, der über dem Eingang der Buloskapelle hing, dem Ort, wo der Legende nach der geläuterte Kirchengründer Bulos nach seinem Damaskus-Erlebnis in einem Korb seinen Häschern über die Mauer entkam.
Aus dem immer noch im Schatten hängenden Korb reckte sich eine Hand, als gehörte sie einem Ertrinkenden. Noch im selben Moment wusste der Bauarbeiter, dass der Mann, dem diese Hand gehörte, tot war. Auf einmal wurde ihm alles andere gleichgültig: der Bus, die Fliesen, die er auf seinem Rücken drei Treppen hoch schleppen musste, und sogar der Streit mit seinem geizigen Meister.
»Da ist ein Toter im Korb!«, schrie er vor Aufregung, und als endlich ein Polizist vorbeikam, der verschlafen zu seinem Revier am Osttor radelte, wandte er sich so heftig an ihn, dass der beleibte Beamte nur mühsam das Gleichgewicht hielt. Entsetzen überzog das Gesicht des Polizisten, als der kleine Mann wie von Sinnen an seiner Lenkstange rüttelte und unentwegt wiederholte: »Ein Toter! Ein Toter!«
Ein Verrückter, dachte der Polizist. Widerwillig wandte er den Blick zu der Stelle, auf die der Arbeiter ständig deutete, und sah den inzwischen ganz ins Morgenlicht getauchten großen Korb.
»Was für ein Toter? Sind Sie verrückt geworden? Lassen Sie mein Rad los!« Er hatte in seinen dreißig Dienstjahren überall Tote gesehen: im Bett, im Kanal und sogar erhängt auf einer Toilette, aber noch nie in einem Korb über der Stadtmauer. »Beruhigen Sie sich!«, versuchte er auf den Mann einzureden. »Da ist kein Toter. Die Christen feiern nur die Erinnerung an ihren Apostel Bulos, der hier an dieser Stelle floh.« Und er beäugte noch einmal den Korb, der schon seit Wochen über dem Tor hing.
Doch statt in den Bus einzusteigen, der endlich kam, ereiferte sich der Bauarbeiter weiter. Er klammerte sich an das Fahrrad des Polizisten. »Und ich sage Ihnen, da liegt ein Toter drin«, brüllte er heiser.
Der Busfahrer, der neugierig geworden war, schaltete den Motor ab und stieg aus dem Wagen. Ihm folgten mehrere Fahrgäste. Alle umringten den Polizisten und bestärkten ihren Kollegen in seiner Vermutung.
Endlich lenkte der Polizist ein und versprach, die Kriminalpolizei zu verständigen, doch zugleich bestand er darauf, den Mann, der ihm den Morgen verdorben hatte, als Zeugen zu benennen. Er schrieb die Personalien auf und ermahnte ihn, sich jederzeit zur Verfügung zu halten. Dann radelte er weiter. Auch der Busfahrer setzte seine Fahrt gen Norden fort.
Die ersten Busse und kleinen Transporter fuhren mit höllischem Lärm über die lange Straße. Sie transportierten Hilfsarbeiter aus den umliegenden Dörfern zu den vielen Baustellen im neuen Stadtviertel. Einer der Bauarbeiter, ein Mann von kleiner Statur, lief am Straßenrand auf und ab, von Bab Kisan, dem Eingang der Buloskapelle, ein Stück Richtung Osttor und wieder zurück. Er wartete auf seinen Bus. In der linken Hand trug er wie alle Arbeiter aus dem bäuerlichen Umland sein Proviantbündel aus verblichenem blauem Stoff. Mit der rechten gestikulierte er heftig, als ob er auf einen unsichtbaren Gesprächspartner einreden würde. Die Schleife, die er ging, wurde immer länger, als wünschte er, dass der Bus bei der nächsten Kehrtwende auftauchte.
Gerade als die Sonne die oberste Kante der alten Stadtmauer golden erleuchtete, drehte er sich wieder um. Dabei richtete er die Augen kurz nach Süden. Sein Blick fiel auf den großen Korb, der über dem Eingang der Buloskapelle hing, dem Ort, wo der Legende nach der geläuterte Kirchengründer Bulos nach seinem Damaskus-Erlebnis in einem Korb seinen Häschern über die Mauer entkam.
Aus dem immer noch im Schatten hängenden Korb reckte sich eine Hand, als gehörte sie einem Ertrinkenden. Noch im selben Moment wusste der Bauarbeiter, dass der Mann, dem diese Hand gehörte, tot war. Auf einmal wurde ihm alles andere gleichgültig: der Bus, die Fliesen, die er auf seinem Rücken drei Treppen hoch schleppen musste, und sogar der Streit mit seinem geizigen Meister.
»Da ist ein Toter im Korb!«, schrie er vor Aufregung, und als endlich ein Polizist vorbeikam, der verschlafen zu seinem Revier am Osttor radelte, wandte er sich so heftig an ihn, dass der beleibte Beamte nur mühsam das Gleichgewicht hielt. Entsetzen überzog das Gesicht des Polizisten, als der kleine Mann wie von Sinnen an seiner Lenkstange rüttelte und unentwegt wiederholte: »Ein Toter! Ein Toter!«
Ein Verrückter, dachte der Polizist. Widerwillig wandte er den Blick zu der Stelle, auf die der Arbeiter ständig deutete, und sah den inzwischen ganz ins Morgenlicht getauchten großen Korb.
»Was für ein Toter? Sind Sie verrückt geworden? Lassen Sie mein Rad los!« Er hatte in seinen dreißig Dienstjahren überall Tote gesehen: im Bett, im Kanal und sogar erhängt auf einer Toilette, aber noch nie in einem Korb über der Stadtmauer. »Beruhigen Sie sich!«, versuchte er auf den Mann einzureden. »Da ist kein Toter. Die Christen feiern nur die Erinnerung an ihren Apostel Bulos, der hier an dieser Stelle floh.« Und er beäugte noch einmal den Korb, der schon seit Wochen über dem Tor hing.
Doch statt in den Bus einzusteigen, der endlich kam, ereiferte sich der Bauarbeiter weiter. Er klammerte sich an das Fahrrad des Polizisten. »Und ich sage Ihnen, da liegt ein Toter drin«, brüllte er heiser.
Der Busfahrer, der neugierig geworden war, schaltete den Motor ab und stieg aus dem Wagen. Ihm folgten mehrere Fahrgäste. Alle umringten den Polizisten und bestärkten ihren Kollegen in seiner Vermutung.
Endlich lenkte der Polizist ein und versprach, die Kriminalpolizei zu verständigen, doch zugleich bestand er darauf, den Mann, der ihm den Morgen verdorben hatte, als Zeugen zu benennen. Er schrieb die Personalien auf und ermahnte ihn, sich jederzeit zur Verfügung zu halten. Dann radelte er weiter. Auch der Busfahrer setzte seine Fahrt gen Norden fort.