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9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ein Drogenroman, kein SF, aber sehr gut!, 22. Juli 2007
"Der dunkle Schirm" ist ein Roman über Drogenmißbrauch. Dick hat
ihn von 1972 bis 1975 verfasst, nachdem er selbst eine schwere Krise,
einen Selbstmordversuch und einen Aufenthalt in einem
Rehabilitationszentrum für Drogenkranke überstanden hatte. Der Roman
steht eindeutig in der Tradition der 68er. Er verarbeitet die dunkle
Seite dieser Zeit, die Desillusionierung, die Zerstörung von Hoffnung
und Idealen im Drogensumpf.
Einmal mehr stellt Dick unter Beweis, dass er keine
Science-Fiction-Autor im eigentlichen Sinne ist: Er schreibt über die
Gegenwart, seine Zeit, sein Leben und nutzt die Stilmittel der Science
Fiction zu Entfremdung und Überzeichnungen. Inzwischen ist das Buch
längst als das erkannt worden, was es tatsächlich ist, nämlich ein
gesellschaftskritischer Gegenwartsroman.
Worum geht es? Bob Arctor arbeitet als Undercover-Agent im
Drogenmilieu. Längst ist er selbst abhängig und verliert mehr und mehr
den Bezug zu seiner Identität. Bald hält er sich in seiner
Undercover-Identität und in seine Ermittlerrolle für zwei verschiedene
Personen. Er beobachtet sich selbst, ja wird sogar dazu
beauftragt. Die Grenzen zwischen dem Drogenmilieu und dem Staatsapparat,
der den Drogenhandel bekämpfen soll, sind aufgehoben. Die
Ermittlungsbehören mit ihren verdeckten Ermittlerin sind längst selbst
Teil der Drogenszene geworden. Die Ermittler dealen und konsumieren
genau wie diejenigen, die sie hinter Gitter bringen sollen. Jeder
Dealer könnte genau so gut ein verdeckter Ermittler sein.
Den größten Raum nehmen Schilderungen ein, in denen auf komische Weise
das absurde Verhalten der Junkies beschrieben wird, die zu keinem
klaren Gedanken mehr fähig sind. Es gibt absurde Unterhaltungen,
irrsinnige Anekdoten traurigen Zerfall. Schon die ersten Seiten geben
den Ton an. Auf ihnen wird geschildert, wie Jerry Fabin eine
Wahnvorstellung bekommt. Er glaubt sich von Wanzen
befallen. Waschzwang, Insektenvertilgungsmittel, eingebildete
Schmerzen, verrückte Suchaktionen, das ganze Programm. Jerry Fabin ist
einer, der ganz am Ende steht. Sein Gehirn hat sich "zersetzt",
er wird bald sterben oder in einer Drogenklinik vor sich hin
vegetieren. So wird dem Leser schon auf ganz am Anfang vor Augen
geführt, wohin der Weg des Protagonisten Bob Arctor unaufhaltsam
führt. Auch er landet in einer Drogenklinik. Am Ende erfährt man, dass
er immer noch, inzwischen ohne sein Wissen, als Undercover-Agent
eingesetzt wird. Er soll die wahren Ziele der Hilfsorganisation
"Neuer Pfad herausbekommen." Auf den letzten Seiten des Buchs
sieht Arctor die Wahrheit und wir sehen uns endgültig einer Welt
gegenüber, in der es nichts anderes mehr gibt, als den Anbau, den
Verkauf und den Konsum von Drogen. Eine Welt, die sich selbst ad
absurdum geführt hat.
Man kann den Roman guten Gewissens als einen Anti-Drogenroman
bezeichnen, geschrieben von einem, der die Szene von innen kennt. Dick
streitet das jedoch ab. Das Buch enthält ein sehr interessantes
Nachbemerkung des Autors, in dem er auf die autobiografischen Bezüge des Romans
hinweist und fast so etwas wie eine Deutung gibt. Auch das Nachwort
von Christian Gasser ist lesenswert.
Der Roman bleibt erträglich durch seinen absurden Humor. Etwas schwer
erträglich scheint mir die Übersetzung zu sein. Sie wirkt manchmal
hölzern. Wer kann, sollte Dick vielleicht lieber im Original lesen.
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19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
PKDs Meisterwerk der 70er, 30. Januar 2004
Nach einer überaus fruchtbaren Schaffensphase in den 1960er Jahren geriet PKD Anfang der 70er in eine persönliche Krise, die in einem Nervenzusammenbruch, einem (halbseidenen) Selbstmordversuch und dem freiwilligen Eintritt in ein Therapiezentrum mündete. In "der dunkle Schirm" verarbeitete PKD seine Erfahrungen mit der Drogen-Subkultur und seine Therapie-Eindrücke zu einer schriftstellerischen tour-de-force, die trotz einiger (marginaler) SF-Einschläge eher der zeitgenössischen Literatur zuzurechnen ist. "Der dunkle Schirm" ist PKDs Meisterwerk der 70er, rasant und irrwitzig wie "UBIK" und "Palmer Eldritch", aber auch durchzogen von einer tiefen Düsternis. Als musikalisches Pendant kommen mir auf Anhieb die frühen "Joy Division" in den Sinn, und es verwundert nicht wenn man liest, dass einige Musiker aus dem New Wave- / Industrial-Umfeld Ende der 70er Dicks "dunklen Schirm" neben Ballard und Burroughs als maßgeblichen literarischen Einfluss nannten. - Und nicht zuletzt zeigt dieses Werk, dass im "Ghetto" der Science Fiction einige Bücher auf die längst fällige Anerkennung über die Grenzen ihres Genres hinaus warten. (Robert Silverbergs "Es stirbt in mir" wäre als ähnlich gelagerter Fall zu nennen.)
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Vielschichtig und persönlich, 19. Oktober 2007
"Der dunkle Schirm" ist im Gegensatz zu PKDs meisten Romanen im Wesentlichen ein Gegenwartsroman und nur zweitrangig ein Sci-Fi. Obwohl der Roman in den 70ern entstanden ist, hat er sicher nichts an Aktualität verloren, beschreibt er doch vielschichtig die Drogenszene. D.h. also nicht nur die Abhängigen, sondern auch diejenigen, die Drogen verkaufen, Ermittler, Nachbarn, Strippenzieher, etc.
PKD kommt mit sehr wenigen Sci-Fi-Elementen aus. Eines der wenigen Sci-Fi-Elemente, die er verwendet - der Jedermann-Anzug- , ist - wie man sich schon wegen des Namens denken kann - eine wunderbare Metapher (ebenso z.B. wie die 6/7/10 Gangschaltung) .
Der Roman bezieht seine Vielschichtigkeit dadurch, dass er nicht nur die Sicht des Abhängigen darstellt, in der PKD selber wohl für eine Zeit war. In ebeso grandioser Weise erzählt er die Wahrnehmnung und das Leben des Ermittlers, welches nicht unbedingt viel besser ist als des Opfers. Ich denke, PKD war einer der ersten, die dieses erkannt haben (es gibt viele Quellen, die zeigen, wie erbärmlich letztendlich die Welt des Ermittlers ist). Darüberhinaus wird auch das Verhalten von Nachbarn und Drahtzieher aufgezeigt". Sie werden aber nicht in einer banalen Art kritisert, ebenso wenig wie der Abhängige in einer vereinfachten Art (z.B. als Willensschwacher) dargestellt wird. Darin liegt das Besondere an diesem Werk: es ist keine moralische Anklage!
Es ist klar, dass PKD sich auf das Individuum konzentriert. Das Individuum, das abhängig ist. Es wird in schonungsloser Offenheit bloß gestellt. Solche Sprüche wie Bewußtseinerweiterung" werden hier ad-absurdum geführt. Die Drogenabhängigen erleben zu keinem Zeitpunkt etwas Bewußtseinserweiterndes. Ihr Leben wird als eine Wiederholung von absurden, lächerlichen und unbedeutenden Augenblicken dargestellt. Im Gegensatz z.B. zu ..Palmer Eldritch" gibt es keine besonderen Wendungen in der Story - bewusst. Nur eine kleine" Überraschung am Ende, die zur erweiterten Kritik genutzt wird aber nicht zur Rettung des Protagonisten..
Im persönlichen Nachwort führt PKD seine Freunde auf, die er aufgrund von Drogen verloren hat - beklemmend.
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