Die Zeit des Gedichts ist das ewige Jetzt. Dies jedenfalls versuchen die Dichtungen Doris Runges zu zeigen, auch ihr Gedichtband „du also" (DVA, 2003), in dem die Dichterin abermals mit ihrer energisch verkürzten Sprache zu überzeuge weiß.
Doris Runge verdichtet buchstäblich die Sprache, sie zieht zusammen und komprimiert. Ihr Stil hat damit etwas Klassisches, obwohl er formal dem Diktum der Moderne gehorcht. Wie im Vakuum erscheinen die Verse in sich zusammengezogen. Ein Spiel mit Metapher, Polysemie und Lesbarkeit drängt und häuft Sinn auf in den wenigen Zeilen. Auf alles Unnötige ist bewußt verzichtet: Kaum eins der insgesamt 59 Gedichte ist länger als 18 Zeilen, wobei keine Zeile mit mehr als fünf Worten angedickt ist. Es gibt keine Titel, die abgehobene erste Zeile ist immer zugleich der Beginn. Die konsequente Kleinschreibung schafft optische Gleichberechtigung. Kein Reimschema, kein Versmaß drückt als formales Korsett und zwingt zu Schnörkelhaftigkeit. Innerhalb eines solchen poetischen Verfahrens gewinnt das einzelne Wort an Bedeutung, weshalb der Dichter umsomehr verpflichtet ist, auf Laut- und Schriftbild minutiös achtzugeben.
Runge nährt sich auf diese Weise traditionellen lyrischen Kurzformen an und etwa auch der der meditativen Kraft eines japanischen Haiku. Hier wird nicht in Worten und Zeilen, sondern in Silben gezählt. Die für das Haiku typische überraschend einsetzende Wendung in der letzten Zeile weiß auch Runge überzeugend für sich einzusetzen, wie ein Beispiel verdeutlichen mag: „nicht mehr // aufwachen / nachdem / ich bei dir / und außer mir / war / ich nicht / auserwählt".
Um Liebes- und Lebenswelt kreisen denn auch die übrigen Dichtungen des schmalen Bändchens. Wobei durch die strenge Verknappung und Reduktion eine exakte thematische Verortung kaum möglich und auch nicht gewollt ist. So bleiben viele Verse bewußt offen und mehrdeutig. So souverän und gekonnt Runge, die heute Poetik an der Universität Bamberg lehrt, ihre Zeilen strickt, so routiniert und manchmal vielleicht beliebig mag dies auf den Leser wirken. Ein Blick in diese kleine Wortperlensammlung aber lohnt allemal.