Seit Menschengedenken scheint ein geheimer Zirkel von "12 Damen" hinter den Versen der hohen Dichtkunst die Fäden zu ziehen. Die größten Dichter fielen den Täuschungen dieser unbeschreiblichen Wesenheiten (denn Damen sind sie nur dem Äußeren nach) zum Opfer. Gerne manifestieren sie sich als betörend schöne Frauen, um das Männerherz wild pochend in Abhängigkeit zu verstricken. Nur den begabtesten Literaten gilt ihr Interesse. Dante verfiel Beatrice, Petrarca schmachtete nach Laura, Shakespeare verging nach seiner Dark Lady. Man könnte die Zwölf auch Musen nennen, wenngleich mörderische Musen. Denn sie verwenden die zu Reim und Papier gebrachten Emotionen der großen Dichter als tödliche Waffen. Die Suche der "Damen" gilt "Machtversen", das sind Silbenfolgen von unglaublicher Kraft, kein billiger Hokuspokus, sondern Zaubersprüche der Zerstörung. Im richtigen Maß, in der richtigen Sprache intoniert machen sie untertan oder nehmen Leben. Von dieser Energie nähren die "Damen" ihre Existenz, Vers-Vampirinnen gleich.
Das "dreckige Dutzend" hat aber eine Achillesferse, nämlich die 13.Dame, das schwächste Glied in der Kette. Wer Macht über dieses an unbekanntem Ort, in einem "menschlichen Gefäß" wohnende Wesen bekommt, gefährdet die restlichen 12. Salomòn Rulfo, ein vom Schicksal gebeutelter ehemaliger Universitätsdozent für Literatur und sein Freund, der Arzt Eugenio Ballesteros, beide Witwer (ein Hinweis?), nehmen den Kampf gegen die Musen auf. Rulfos Weg wird bald von der ätherisch schönen Raquel gekreuzt, einer femme fatale wie sie in guten Büchern steht. Es ist eine wahre Lesefreude, die Drei bis Kapitel 13 zu begleiten, in dem dann "Die dreizehnte Dame" endlich enttarnt wird. Einen Abschnitt später geht es zur Sache gegen Obermuse Saga und ihren Coven. Ausgang ungewiss. Jünger der Dunklen Romantik werden von Somoza mehr als bedient.
José Carlos Somoza scheint beim Verfassen dieses Buches selbst musengeküsst worden zu sein. Die Spannung bleibt vom Anfang bis zum Ende erhalten. Detailfreudigkeit und literarisches Sachwissen lassen die Lektüre zum Genuss werden. Zwischendurch stößt man auf Genies wie Dante oder Milton und erhält vom Autor fantasievolle Alternativen über deren Wirken und Schaffen präsentiert. So müssen gute Verschwörungstheorien sein: in sich stimmig, wenngleich ein kleiner Unsicherheitsfaktor nie verloren gehen darf. Was in "Die dreizehnte Dame" störend wirkt, sind Einschübe von Blut-und-Knochen-Visionen, die in billigen Horrorfilmen besser aufgehoben wären. Dennoch tun sie dem Roman keinen Abbruch. Stilistische Ähnlichkeiten zu einem anderen spanischsprachigen Autor, Arturo Pérez-Reverte, dem Schreiber von "Der Club Dumas" (im Kino als: "Die neun Pforten" mit Johnny Depp) sind nicht von der Hand zu weisen. Plagiiert wird dennoch nicht. José Carlos Somozas "Die dreizehnte Dame" ist ein Meisterwerk und macht Lust auf mehr aus der Feder dieses Schriftstellers.